Beinahe wäre der Traum noch vor dem Beginn des Abenteuers geplatzt. Am Abend des 29. Mai 2010 liegen Markus und Sabrina Blum erschöpft in ihrem Tunnelzelt. Die Arme zerkratzt und zerstochen. Sie sagt: «Es geht nicht, es gibt einfach zu viele Probleme.» Er nickt, streicht dem in ihrer Mitte schlafenden Kleinkind eine Strähne aus dem Gesicht und erwidert: «Dann müssen wir wohl oder übel doch ein Wohnmobil mieten.»

Einen Monat zuvor ist die junge Schweizer Familie nach Kanada geflogen, um für mehrere Wochen mit Pferden durch die Wildnis von British Columbia zu ziehen. Markus und Sabrina träumen von einem Blockhaus. Vom Blick auf einen See, der in einem weiten Tal, um­geben von schneebedeckten Bergen, liegt. Vom naturnahen Leben in einer unversehrten Landschaft.

Der 29. Mai ist der Tag der Hauptprobe. Die Rollen sind klar verteilt: ­Markus, 35, führt die beiden Packpferde am Halfter. Sabrina, 29, geht mit Amira, 19 Mo­nate, am Rücken voraus. Tatsächlich ist es dann aber so, dass die Pferde Markus durch den Wald ziehen und Sabrina atemlos hinterherrennt.

Ständig erschrecken sich die beiden Wallache an den Ästen. Die Zweige verfangen sich in den Packsätteln. Wenn sie sich wieder lösen, preschen sie wie Peitschen auf die Flanken der Tiere nieder. Die Augen weit aufgerissen und den Kopf in die Höhe gereckt, drängen die Rosse unablässig vorwärts. Einmal gehen sie durch und schleifen Markus mehrere Meter weit durchs Dickicht. Ein anderes Mal will Markus vor einem überfluteten Wegstück anhalten und sich einen Überblick verschaffen. Doch die Pferde stürmen weiter und zerren ihn in den knietiefen Sumpf. Zum ganzen Schlamassel kommt die Plage des Nordens hinzu: Abertausende von Moskitos, alle ex­trem aufsässig und hungrig.

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Sabrina und Markus sind alles andere als Outdoor-Anfänger. Den Heiratsantrag hat er ihr in Gummistiefeln und Schwimmweste auf dem Yukon gemacht. Und die erste Reise nach Amiras Geburt führte auf dem Velo nach Kroa­tien. Mit Pferden aber hatten die beiden bis vor kurzem nichts zu tun.

Den Traum, mit Packpferden durch die Wildnis zu ziehen, hegten die Blums schon lange. Doch dass er mit einem Kleinkind realisierbar wäre, hätten sie nicht geglaubt – bis sie auf ein Buch von Nicolas Vanier stiessen. Der franzö­sische Abenteurer brach Anfang der neun­ziger Jahre mit seiner Frau Diane und der 18 Monate alten Tochter Montaine für acht Monate in die Wildnis Nordamerikas auf. In «Das Schneekind» schwärmt Vanier: «Wir ernähren uns vom Jagen, Fischen und Sammeln. Es ist ein Leben im Einklang mit der gewal­tigen Natur des hohen Nordens, voller Einfachheit, Klarheit und Poesie.»

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Sabrina und Markus lesen den Bestseller im Frühling 2009, zu Hause in Davos. Ihre Tochter Amira ist damals gerade ein halbes Jahr alt. Sie sind fas­ziniert. Selbst mit einem Kind lassen sich also echte Abenteuer erleben.

Die Blums setzen sich in den Kopf, für eine Weile in dem Blockhaus zu leben, das die Vaniers an einem See in den Cassiar Mountains nordwestlich von Prince George errichtet haben. Markus und Sabrina lesen das Buch ein weiteres Mal, markieren Textstellen mit den Namen von Flussläufen und Seen. Über die Karte gebeugt, rekonstruieren sie die Reise der Vaniers. Als sie glauben, den Standort der Hütte gefunden zu haben, setzen sie sich vor den Computer und fliegen mit Google Earth über die vermutete Stelle. Und tatsächlich: Das Profil der Berge gleicht jenem im Buch.

Falls sie den richtigen Ort gefunden haben, liegt die Hütte 200 Kilometer vom nächsten Dorf entfernt. Am Bildschirm ist es ein Leichtes, den Tälern und Flussläufen zu folgen. Ein paar Schlenker mit der Maus, schon sieht man wieder eine Strasse. Dass es in der Realität nicht so leicht sein wird, können sich die Blums durchaus vorstellen. In der kanadischen Wildnis gibt es weder Saumpfade noch Wanderwege.

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Am Morgen des 30. Mai, nach einer unruhigen Nacht im Zelt, sind Sabrina und Markus sicher, dass sie die Pferde zum letzten Mal be­packen. Sie wollen die Biester möglichst schnell wieder bei ihrem Besitzer abliefern. Wie um ihren Entschluss zu bekräftigen, beginnt eines der Tiere am ganzen Leib zu zittern. Markus und Sabrina rätseln, was mit ihm los sein könnte. Bis sie einen Schwarzbären am Waldrand entdecken. Noch bevor sie sich richtig fürchten können, erklingt Motorenlärm – und Meister Petz nimmt Reissaus.

John, der Besitzer der Pferde, fährt auf einem vierrädrigen Motorrad vor. Er will nachsehen, wie es den beiden Schweizern nach der ersten Nacht im Grünen geht. Markus erzählt von ihren Erlebnissen. John gibt Ratschläge: «Du musst ihnen zeigen, wer der Chef ist. Wenn sie nicht parieren, ziehst du ihnen mit dem Seilende eins über die Rübe.» Auf dem Weg zurück auf die Strasse tritt Markus dominanter auf und kann die Pferde besser im Zaum halten. Züch­tigen mag er sie aber nicht. Darum steht fest: Wenn der Traum nicht zum Alptraum werden soll, müssen Tiere her, die zahm und absolut zuverlässig sind.

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John lebt in Vanderhoof, einer Gegend, in der beinahe jedermann Stiefel mit Sporen trägt. John besitzt über 100 Pferde. Aus diesem Grund hatten Markus und Sabrina bei ihm angeklopft, als sie nach Kanada kamen. Der Rentner hat sie tatkräftig unterstützt und ihnen das Packen beigebracht. Eine Kunst, die beherrschen muss, wer seine Pferde nicht verletzen will.

Nach dem zweitägigen Probelauf muss John zugeben, dass seine Tiere zu unerfahren sind, um eine Familie mit Kleinkind sicher durch die Wildnis zu begleiten. Er lässt die Blums aber nicht im Stich, sondern hilft ihnen bei der Suche nach geeigneten Pferden. Bald spricht es sich in Vanderhoof und Umgebung herum, dass hier zwei Greenhorns idio­tensichere Saumtiere für einen Sommer brauchen.

Am 8. Juni meldet sich Rick Solmonson bei Markus und Sabrina. Der Jagdführer geht jeden Herbst mit Gästen auf die Pirsch. Sein Revier ist nur mit Pferden erreichbar. Ricks Tiere sind «bulletproof»; sie bleiben selbst dann ruhig, wenn ein Schuss über ihren Kopf hinwegkracht.

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Mit Sack und Pack: In 30 Tagen gelangten Sabrina und Markus Blum von Vanderhoof zum Lake Thukada. Ihr Weg führte durch die Wälder im Westen der Rocky Mountains.

Quelle: Markus und Sabrina Blum

Rick macht den beiden Schweizern ein Angebot: Er will ihnen Pferde und Mate­rial zur Verfügung stellen, wenn sie ihm später während der Jagdsaison bei der Arbeit helfen. Zudem möchte er sie in den kommenden zwei Wochen dabeihaben, wenn er Reparaturarbeiten in einer Hütte durch­führt, die mehrere Tagesritte entfernt liegt.

Markus und Sabrina müssen nicht lange überlegen. Der Deal ist perfekt. Während der Zeit mit Rick können sie mehr über den Umgang mit Pferden lernen. Zudem liegt die reparaturbedürftige Lodge praktisch am Fuss der Cassiar Mountains. Nach getaner Arbeit, stellen sich die beiden Pferdebanausen vor, müssen sie nur noch aufsitzen und davonreiten.

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Zwei Wochen später ist es tatsächlich so weit. Die Blums machen sich hoch zu Ross auf zum Thukada-See, an dessen Ufer die Hütte der Vaniers liegt. Markus reitet auf Red voraus. Ihm folgen, mit einem Seil verbunden und brav hintereinander hertrottend, die drei Packpferde Sturdee, Twosocks und Dandee. Sab­rina bildet im Sattel von Mocca und mit Amira auf dem Rücken das Schlusslicht. Alles klappt wie am Schnürchen. Selbst Mos­kitos hat es jetzt viel weniger.

Wasserdicht verpackt liegen 170 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken der Pferde, davon rund 90 Kilogramm Lebensmittel. Vor allem Kohlenhydrate in relativ konzentrierter Form, um Platz zu sparen: Zucker, Mehl, Reis, Haferflocken. Die Proteine wollen die Blums hauptsächlich aus der Natur gewinnen. Markus war in seiner Jugend ein leidenschaftlicher Fischer. Das Schiessen hat er im Militär gelernt.

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Das erste Waldhuhn, das Markus erlegt, ist ungeniessbar. Die Schrotkugeln schiessen Fleisch, Federn und Innereien des Vogels zu Brei. Doch Markus lernt schnell, zielt fortan höher, so dass das Schrot nicht den Rumpf, sondern nur den Kopf wegpustet. Kehrt er mit seiner Beute zum Camp zurück, nutzt Amira die Gelegenheit, die toten Vögel zu streicheln. Am Blut, das ihnen aus dem Hals tropft, stört sie sich nicht. Wie um sich mit dem Federvieh zu versöhnen, bevor sie sich ihr Fleisch schmecken lässt, sagt sie während ihrer Liebkosungen: «Nur Hoi säge, Hüenli nümma Aua.» Zurück in der Zivilisation wird sie beim Anblick der vielen Poulets im Supermarkt fragen, wer die alle geschossen habe.

Amira zieht mit ihren Eltern durch die Wildnis, als ob sie nie etwas anderes getan hätte. Oft fällt die Kleine in den Schlaf, sobald sich das Pferd in Bewegung setzt. Ist sie wach, singt oder plaudert sie mit ihrer Mutter, die stets am Ende der kleinen Karawane reitet. Im Camp baut Amira für ihre Puppe eine Hütte aus Moos, unterhält sich mit imaginären Waldgeistern oder setzt sich auf einen Sattel am Boden und galoppiert in ihrer Phantasie auf und davon. Die Kleine ist eine grosse Pferde­närrin. Gleichzeitig hat sie den nötigen Respekt vor den Tieren. Dass man sich ihnen nie von hinten nähern sollte, hat sie schnell kapiert.

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Auch die Pferde verhalten sich vorbildlich. Nur morgens nerven sie manchmal. Dann, wenn das Gebimmel ihrer Glocken nach einer halbstündigen Suche noch immer nicht zu hören ist. Sabrina und Markus lassen die Tiere nach der Arbeit frei. So können sie sich ausruhen und genügend Futter finden. Damit sie sich nicht über alle Berge davonmachen, stecken ihre Vorderläufe in Fussschlingen. Wenn sie in der Ferne saftiges Gras riechen, kommen die Pferde aber selbst mit diesem Handicap ziemlich weit.

Bereits 27-mal hat Markus via Satellit eine Standardnachricht mit den aktuellen Koordinaten an die Eltern zu Hause gesendet. Er tut dies auch am Abend des 14. August, allerdings mit gemischten Gefühlen. Nicht der Bär, dem sie heute am Fluss begegnet sind, beunruhigt Markus. Auch die in der Ferne heulenden Wölfe sind es nicht. Es sind die Bäume.

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Wald. Wald. Und nochmals Wald. Seit Beginn ihres Trips können Markus und Sab­rina nur selten über offenes Gelände reiten, meist zwängen sie sich auf schmalen Wildwechseln zwischen Nadelbäumen, Haselsträuchern, Erlengebüsch und Dornen­ranken hindurch. Hin und wieder müssen sie auch einen Baum fällen, um sich den Weg zu bahnen.

Doch jetzt stehen die Baumstämme und das Unterholz so dicht wie noch nie. Ständig verkeilen sich die Pferde mit ihren Lasten im Gehölz. Meter um Meter, Baum um Baum kämpft sich Markus an der Spitze voran. Anstatt zur Axt zu greifen, lässt er immer häufiger die Kettensäge aufheulen. Dabei ist sie nur für den Notfall gedacht.

Zudem zehrt der Alltag an den Kräften. Zwar sitzt inzwischen jeder Handgriff, und die Abläufe sind perfekt eingespielt. Trotzdem dauert es morgens rund drei Stunden, bis die ganze Familie gefrühstückt hat, das Camp abgebaut und alles wieder auf den Pferden verstaut ist. Markus und Sabrina sehnen sich nach einem Dach über dem Kopf.

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An jenem Abend liegt Markus mit quälenden Fragen lange wach: Werden sie die Hütte je erreichen? Ist sie überhaupt dort, wo er sie vermutet? Wie lange reicht der Benzinvorrat für die Kettensäge noch? Werden sie morgen auch wieder nur drei Kilometer Luftlinie schaffen? Mutet er seiner Familie eventuell doch zu viel zu? Lohnt sich das Risiko, das sie auf sich nehmen? Oder müssen sie ihren Traum vielleicht sogar kurz vor dem Ziel begraben?

Am nächsten Morgen hat Sabrina eine bestechende Idee: «Lass uns heute hier bleiben. Während sich die Pferde ausruhen, bereiten wir den Pfad vor und spannen später selber etwas aus.» Der Plan ist gut. Ohne die Pferde lässt sich der Weg besser erkunden und das Holz ein­facher schlagen. Am Nachmittag nehmen Markus und Sabrina ein Bad im Fluss und legen sich anschlies­send in die Sonne. Amira darf derweil in einem mit warmem Wasser gefüllten Kochtopf planschen.

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Am Tag darauf sind die Bedenken weg, und die Motivation ist zurück. Noch in der Dämmerung macht sich Markus auf die Suche nach den Pferden. Nebel wabert über den Fluss, ein Karibubulle äst auf der Lichtung, im Gras funkelt Morgentau. Als die Sonne auf die Bergspitzen scheint, sitzen die Blums im Sattel. Die Vorarbeit hat sich gelohnt. Während über einer Stunde müssen sie nicht absteigen.

Zwei Tage später schimmert es blau und silbern zwischen den Kiefern. Markus und Sabrina haben den Lake Thukada erreicht. Voller Vorfreude suchen sie das Ufer nach der Hütte ab. Und tatsächlich: Zwischen den Bäumen entdecken sie ein Dach. Ein kleines Schild über der Tür mit der Inschrift «Nicolas, Diane und Montaine 1994» räumt jeden Zweifel aus. Ein Traum ist wahr geworden.

Jeden Morgen fühlen sich die beiden reich beschenkt. Von der Veranda blicken sie direkt auf den See, auf dessen Ober­fläche sich die Berge spiegeln. Das Tal ist unberührt, aber um ein Vielfaches grösser und weiter als zum Beispiel das Ober­engadin.

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Die Blums haben das Gefühl, inmitten eines gewaltigen Tierparks zu leben. Sie beobachten den Seeadler, der über dem Wasser Kreise zieht. Die Bären, die sich am gegenüberliegenden Ufer die Bäuche mit Beeren vollschlagen. Die Elchkuh, die mit ihrem Kalb durchs Schilf stapft. Oder den Biber, der unermüdlich neues Baumaterial anschleppt. 30 Tagesmärsche von der Zivilisation entfernt fühlen sich Markus und Sabrina nicht isoliert von den Menschen, sondern verbunden mit der Erde und ihren Bewohnern.

Die Tage sind ausgefüllt mit Fischen, Jagen, Holzhacken und Brotbacken. Für keinen Luxus dieser Welt würden Markus und Sabrina Blum das einfache Leben in der Blockhütte eintauschen. Doch nach nur zwei Wochen müssen sie Abschied vom Paradies nehmen. Bald wird die Jagdsaison beginnen, und Rick erwartet sie zurück.

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Damals, im Frühsommer 2010, konnten die Blums noch nicht wissen, dass sie die Sehnsucht nach dem Thukada Lake nie mehr loslassen würde. Mittlerweile sind sie in die Cassiar Mountains zurückgekehrt und haben sogar einen Winter in der Blockhütte verbracht. Ihren Lebensunterhalt wollen die beiden heute mit Pferdetrekking-Touren in Kanada verdienen.

Die Wildnis hat die Blums verändert. Sie versuchten zwar, wieder in ihr altes Leben in der Schweiz einzusteigen. Doch es gab Probleme. Für Sabrina war es anstrengend, mit einem Kind, das bei jedem Wetter rauswill, in der Wohnung zu sitzen. Auch litt ihre Tochter unter der Abwesenheit des Vaters, der wieder als Sport­artikelverkäufer arbeitete und abends jeweils spät nach Hause kam. Amira sprach ihren Eltern aus der Seele, als sie eines ­Tages sagte: «Ich wott hei zu dä Ross.»

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Markus und Sabrina Blum touren im kommenden ­Januar und Februar durch die Schweiz. In ihrer Multimedia-Show zeigen sie die schöns­ten Bilder aus zwei Jahren in Kanada. Ab dem 4. Januar 2013 porträtiert das Schweizer Fern­sehen die inzwischen vierköpfige ­Familie in der Auswandererserie «Auf und davon».
Vortragsreise: www.explora.ch

Informationen zu Trekkingtouren in den Cassiar Mountains:
www.britishcolumbiaoutfitter.com