Menschen formen die Landschaften, aber die Landschaften formen auch die Menschen, die darin leben. Baptista Schaller (66) sieht aus wie aus dem kantigen Kalk- und Tuffgestein des Piz Tuf gehauen, auf dem wir stehen. Nur Muskeln und Sehnen. Und wache Sinne, wie sich schnell zeigen wird. Der Einheimische, den sie heimlich den «Hüter des Schamserbergs», nennen, hat uns auf eine Steinbock-Expedition mitgenommen. Baptistas Augen entgeht nichts, und lange bevor wir den ersten Capricorn – wie die Rätoromanen sagen – zu Gesicht bekommen, weist er auf Bachstelzen, Munggen (Murmeltiere), Feldlerchen und Schneefinken und überhaupt auf alles hin, was zwischen dem Piz Beverin und den Pizzas d’Anarosa kreucht und fleucht.

Neue Heimat für den Steinbock

Hier im Naturpark Beverin fand der Steinbock 1954 eine neue Heimat, nachdem er – wie Wolf, Bär und Co. – um die vorletzte Jahrhundertwende ausgerottet worden war. Warum das so war, haben wir im Center Capricorns erfahren, dem Ausgangspunkt unserer rund fünfstündigen Expedition ins Reich des Königs der Alpen. Steinbockfleisch war und ist eine Delikatesse. Dazu kam, dass Horn, Blut und vor allem den Bezoaren, diesen versteinerten Essens- und Haarkugeln in der Magengrube des Steinbocks, aphrodisische und andere Wunderwirkungen nachgesagt wurden.

In unseren Magengruben macht sich langsam Angst breit. Angst, dass wir keine Böcke sehen werden. Denn obwohl Baptista ganz klar mit den Viechern abgemacht hat, ist die Südflanke des Piz Tarantschun leer. Da hilft alles Spiegeln – bündnerisch für Ausschau-Halten mit dem Feldstecher – nichts. «Muasch khai Angscht ha, si khömand schu», scheint Baptista unsere Gedanken lesen zu können. Und dann kommen sie auch: Hinter dem Piz Tuf liegen sie mächtig und prächtig in der Sonne. Einer der Böcke, die im Sommer getrennt von Weib und Kind leben, linst zu uns herüber, steht auf und kratzt sich mit den mächtigen Hörnern das Hinterteil. Zwei jüngeren Steinböcken wirds langweilig. Sie holen Anlauf und lassen die Hörner (nicht etwa Geweihe) aufeinanderkrachen, dass es schon vom Zuschauen wehtut. «Ach, kein Problem», beruhigt Baptista, «das sind nur Spielereien, Vorübungen für den Ernstfall.» Der tritt ein, wenn es mitten im Winter um die Gunst der Geissen geht.

Wergenstein

Wergenstein ist der Ausgangspunkt für die Steinbockpirsch.

Quelle: Naturpark Beverin

Eidgenössische Wilderer

Dass man solche Bilder hier wieder sieht, hat mit dem spinnerten König Vittorio Emanuele von Sardinien-Piemont zu tun. Der hielt sich im 19. Jahrhundert die Tierchen für sein Pläsierchen, die Jagd. Zu diesem Behuf liess er die letzte Steinbockkolonie der Alpen im heutigen Nationalpark Gran Paradiso schützen und wollte den Schweizern nicht mal ein paar Kitze zur Wiederansiedlung überlassen. Den Eidgenossen war das zu blöd; sie schickten Wilderer los und die brachten ein paar Exemplare zurück. Der Segen der bösen Tat: Schweizweit leben heute etwa 15'000 Exemplare, ein paar davon turnen direkt vor unseren Augen in den senkrechten Felsen des Piz Tuf herum. Manchmal lassen sie sich scheinbar ins Verderben fallen – nur um ein paar Meter weiter unten mit ihren Hufen wie mit Saugnäpfen Halt zu finden. «Zwischen Fels und Huf bildet sich ein Vakuum», weiss Baptista.

Langsam macht sich die Sonne davon, überzieht die Schneegipfel mit Kupferlicht und von Süden bläst ein warmer, mit dem Vanillegeruch von Männertreu geschwängerter Wind. Man kann gut verstehen, dass Baptista mehr hier oben als unten im Tal daheim ist. Auch wir bleiben noch eine Nacht am Schamserberg im Hotel Restaurant Capricorns mit seiner sensationell guten Küche. Das Haus ist zugleich Zentrum des Naturparks Beverin, hier ist auch die Steinbockausstellung daheim. All das, was man Baptista zu fragen vergessen hat, erfährt man hier mittels interaktiver Spiele, Schautafeln und präparierter Steinböcke.

Baptista Schaller, der Hüter des Schamserbergs.

Quelle: Yannick Andres

Weitere Infos

Ausgangspunkt: 7433 Wergenstein.

Endpunkt: 7433 Wergenstein.

Distanz: 6 bis 8 km.

Dauer: 5 Std., reine Gehzeit: 3 bis 4 Std.

Höhenunterschied Aufstieg: 400 m.

Höhenunterschied Abstieg: 400 m.

Schwierigkeitsgrad: mittel.

Saison: Juli und August.

Gut zu wissen: Für Kinder ab zehn Jahren (in Begleitung einer erwachsenen Person) geeignet.

Information, Buchung: www.capricorns.ch, www.viamala.ch (Buchung), tel. 081 650 70 10.

Spezialtipp: Capricorn-Pirsch: Familienwanderung mit digitaler Schatzsuche zum Thema Steinbock, www.naturpark-beverin.ch/pirsch.

Buchtipp: Abenteuerland Schweiz

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