Die Uhren ticken in Nueva Helvecia anders als im Rest von Uruguay. Sie ticken pünktlich. Deshalb stellt sich die Frau mit der Nickelbrille im Museo Suizo nun neben ihren Laptop, ruft eine Powerpoint-Präsentation auf und beginnt um 20.00 Uhr ihren Vortrag. Die Präsidentin des Schweizerklubs Monte­video spricht über den Schweizerklub Monte­video. 30 Leute hören zu, meist weiblich und über 60, sie sitzen in ordentlichen ­Viererreihen, und irgendwie erinnert die Szenerie an eine Gemeindeversammlung in Oetwil am See.

Der Vortrag ist Auftakt zur 150-Jahr-­Feier des Städtchens. An dessen Eingang steht eine Tanne aus Metall, an ihren Ästen schaukeln die 26 Kantonswappen in Blech. Nueva Helvecia, das sind 10'000 Einwohner, ein Verein für die Schützen und einer für die Frauen, der Rotary Club, eine katho­lische Kirche und eine protestantische, vier Hotels, ein paar Käsereien – und eine üppige Portion nostalgischer Patriotismus. Die Gemeinde, 1862 von Schweizer Auswanderern gegründet, liegt zwischen den Hafenstädten Montevideo und Buenos Aires im benachbarten Argentinien und ist irgendwann im 20. Jahrhundert stehengeblieben.

Nach einer guten Stunde wird der Laptop zugeklappt, man serviert Wein, Cola und Häppchen. Kurz zuvor war ein Raunen durch den Saal gegangen, als bekanntwurde, ein Schweizer sei anwesend. Er wird neugierig umringt und muss eine fundamentale Frage beantworten: die nach seinem Heimatkanton. Manche drücken ihm die Visitenkarte in die Hand, andere freuen sich, wieder einmal «Gueten Abig» sagen zu können. In Nueva Helvecia spricht kaum noch jemand Dialekt, nur wenige sprechen Deutsch. Bubi Schöpf, der Letzte, der fliessend Schweizerdeutsch gesprochen haben soll, ruht längst auf dem Friedhof, umgeben von Grabsteinen, in die man «Kunz» und «Gugelmeier» gemeisselt hat.

Quelle: Benjamin Silva

Der sagenhafte Ort

Nueva Helvecia ist bekannt in Uruguay. Fast jeder der 3,5 Millionen Einwohner hat schon einmal von diesem sagenhaften Ort gehört oder kennt jemanden, der davon gehört hat. Aufgeräumt und organisiert sei es dort. Nueva Helvecia, sagen die Uruguayer, sei nicht Uruguay. Zu viele Strukturen – das ist dem Uruguayer nicht geheuer.

Doch genau darauf ist man hier stolz: «Unser Dorf ist wegen seiner Organisation und Sauberkeit ein Vorbild für die ganze Gesellschaft», sagt Gemeindepräsidentin Maria De Lima. Sie schwärmt von der Schweiz wie einst Kurt Illi von Luzern. Die 39-Jährige war vor einem Jahr das erste Mal dort, am Auslandschweizertreffen im Tessin und in Zürich bei Sepp Blatter, «einem sehr menschlichen Mann». De Lima kommt aus dem Norden Uruguays, nahe der brasilianischen Grenze. Dort sei die Gesellschaft uneinheitlicher als in Nueva Helvecia, und die Traditionen der Einwanderer aus Spanien seien verlorengegangen. Damit das in Neu-Helvetien nicht passiert, wird in den Schulen Schweizer Geschichte und Kultur gelehrt. Man könne viel lernen von den Vorfahren, sagt De Lima: «Schliesslich zählt die Schweiz heute zu den am weitesten entwickelten Ländern der Welt.»

Quelle: Benjamin Silva

Die Reise dauerte drei Monate

Und zu jenen mit der höchsten Suizidrate. Ironie der Geschichte: Am Anfang Nueva Helvecias steht ebenfalls der Tod – der Tod von Kleinbauern, Gewerbetreibenden und Fabrikarbeitern in Europa. Viele hatten durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert ihren Job verloren oder brachten ihre Ware nicht mehr los. In Europa hatten die Menschen damals eine ähnliche Entscheidung zu fällen wie heute: ausharren oder auswandern. Rettungsschirme und Bankgeheimnisse gab es damals keine, ­dafür fruchtbare Böden in Amerika und die Bank Siegrist & Fender aus Basel. Sie ­sandte 1861 einen Repräsentanten an den Silberfluss in Uruguay – und Leute durch die Schweiz, um potentielle Wirtschaftsflüchtlinge aufzuspüren. Und erhielt dafür vom Staat Geld.

«Es waren nicht die schlechtesten ­Söhne unseres Landes, die ihr Glück in der Ferne suchten bezw. suchen mussten», heisst es 1928 in einem Artikel im «Luzerner Tagblatt» zur Auswanderung im 19. Jahrhundert. «Dass unter der Auswanderungsmasse lange Zeit der Abschaum unseres Volkes war, dafür sind in erster Linie die damaligen Behörden verantwortlich, welche in der Auswanderung eine günstige Gelegenheit erachteten, sich lästiger ­Armer und Verbrecher zu entledigen.»

Drei Monate dauert die Reise von Basel via Le Havre nach Südamerika – mit Bahn, Dampfschiff und Pferd. Eine Handvoll ­Familien landet noch im selben Jahr dort, wo heute Nueva Helvecia steht. Mitgereist ist Isaak Gugelmeier, ein Bauer aus dem süddeutschen Auggen. Zusammen mit weiteren Auswanderern half er, jenen Wirtschaftszweig aufzubauen, für den Nueva Helvecia bis heute steht: Milch- und Käseproduktion. Beliefert wurden zunächst Dorf und Region, durch den Eisenbahnbau zur Jahrhundertwende später auch die Hauptstadt und seit 40 Jahren die ganze Welt. 70 Prozent der uruguayischen Milchprodukte landen heute im Ausland, hauptsächlich in Brasilien und Venezuela.

Der Markt hat sich verändert, die Käsereien und Gugelmeiers sind geblieben. Ururenkel Walter ist eben mit seinem Mini-Pick-up vorgefahren und steuert das «Don Juan» beim Dorfplatz an. Er hält auf seinem Land 250 Kühe, eine pro Hekt­are – sein Hobby. Hauptberuflich arbeitet der Agraringenieur als Berater für Milchproduzenten. «Meine Aufgabe ist es, zu schauen, dass wir konkurrenzfähig bleiben», sagt er. In den letzten Jahren ist der Anbau von Gensoja in Mode gekommen. Weil der ­Sojapreis durch die wachsende Nachfrage aus China und Europa ständig steigt, schnellen die Bodenpreise in die Höhe. ­Allein zwischen 2003 und 2008 habe sich der Wert des Bodens verzehnfacht, sagt Gugelmeier. Er steht dieser Entwicklung skeptisch gegenüber: «Soja ist im Moment zwar in, aber was heisst das langfristig?»

Von den gut 4000 Käseproduzenten im Land, die meisten in der Region um Nueva Helvecia, produziert ein Viertel noch handwerklich. Um sich gegen die Gross­betriebe zu behaupten, haben sich die Kleinen vor sechs Jahren zum Verband für handwerklich gemachten Käse zusammengeschlossen. Dessen Generalsekretär Walter Gugelmeier sagt, Uruguay sei ein Land mit viel Weidefläche, so etwas wie ­eine letzte grüne Insel, umgeben von den Agrarindustrien in Argentinien und Brasi­lien. Er verdiene zwar nicht viel mit seiner Viehzucht, dafür hinterlasse er einen in­takten Boden. «Das ist mehr wert.» All das erzählt der 54-Jährige mit der Ruhe und Ausführlichkeit eines Märchenerzählers. Trotzdem – oder gerade deswegen – wirkt er glaubwürdig, der Ururenkel von Isaak.

Im Museo Suizo diskutiert das kleine Grüppchen Männer gerade über die Gründungsjahre von Nueva Helvecia. Über die Ankunft ihrer Vorfahren sind sich die Herren nicht einig. «Wir waren neutral», sagt einer. «Wir brachten die Entwicklung nach Uruguay», ist ein anderer überzeugt: «Vorher war hier nichts.» Ein älterer Mann mit Vollbart klappt seine Ellbogen nach aussen und mäht sich ins Innere des Grüppchens. «So sind wir zum nötigen Land gekommen.» Einzig ein leicht untersetzter Mann sagt, man müsse aufpassen, welcher der Geschichtsschreibungen man glaube.

Uruguay war jung und leer, als vor 150 Jahren die ersten Schweizer eintrafen. Die indigenen Völker waren weitgehend vertrieben oder getötet worden, die Kolonialerben rieben sich in Bürgerkriegen auf. «Gobernar es poblar» lautete darum die Devise der Regierungen am Rio de la Plata: «Regieren heisst bevölkern.» Den Einwanderern wurde viel Freiheit gegeben – auch die Freiheit, eigene Regeln aufzustellen.

Eine Kolonie von Blaukreuzlern

So unterschrieben die Schweizer Familien bei der Bank Siegrist & Fender nicht nur ­einen Kaufvertrag, sondern auch ein Zwölf-Punkte-Reglement; ob in Absprache mit den Gemeinden, ist nicht überliefert. Jedenfalls verpflichteten sich die Bewohner von Nueva Helvecia, keine alkoholischen Getränke auszuschenken, Schweizer Gewohnheiten fortzuführen und einen Schützen- und Gesangverein zu gründen. Nach Recherchen des Historikers Juan Carlos Wirth, selber aus Nueva Helvecia, betraf ­einer der Punkte die Neutralität: «Jeder ­Kolonist, der sich an den politischen Bewegungen der Einheimischen beteiligt und damit Ruhe und Fortschritt der Kolonie gefährdet, verliert seine Rechte in derselben und kann aus ihr ausgeschlossen werden.»

Doch Neutralität ist bekanntlich subjektiv, das war in Nueva Helvecia nicht ­anders. So fanden in diesem Schweizer Aus­senposten in Südamerika während und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg Dutzende von Nazis Unterschlupf. Auch Josef Mengele und eine von Eva Brauns ­Schwestern sollen hier zwischenzeitlich abgetaucht sein. Das Hakenkreuz prangte in vielen Häusern über dem Kamin, und einzelne Kinder, so munkelt man im Dorf, zeichnen es noch heute in ihre Schulhefte.

Von Spionen, Bäumen und Kirchen

Darüber spricht man allerdings nicht, vor allem nicht öffentlich. Luciana Demaria tut es: «Nueva Helvecia galt für viele Nazis als Zwischenstation auf dem Weg nach Patagonien», sagt die 32-jährige Kommunika­tionsfachfrau. Sie schrieb in ihrer Schulzeit eine Arbeit zum Thema und befragte dabei auch eine Frau, die einem deutschen Spion Unterschlupf geboten und im Gegenzug seine Neun-Millimeter-Kamera geschenkt bekommen haben will. «Die Nazis liessen oft Beweisstücke hier, um dann unter ­neuem Namen nach Argentinien weiter­zureisen», sagt Demaria. Sie hat wie viele Bewohner die Geschichte ihres Dorfs ­studiert, ist stolz auf dessen Errungenschaften, spart aber auch nicht mit Kritik.

Ist Nueva Helvecia konservativ? De­maria schmunzelt. «Kaum – sonst hätten wir die 700 Bäume bewahrt, die uns die Schweiz 1991 geschenkt hat. Ich glaube, es haben nicht mehr als 50 überlebt.»

Nicht überlebt hat auch der einst aus der Not geborene Zusammenschluss zwischen Katholiken und Protestanten. Die Gläubigen beider Konfessionen hatten ihre Messen anfangs zwar getrennt, später aber unter demselben Kirchendach gefeiert. Als die Katholiken ihre eigene Kirche bauten, kam es im Dorf zur Spaltung: auf der einen Seite die Katholiken aus Spanien und Ita­lien, auf der anderen die schon länger in Nueva Helvecia lebenden Protestanten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. «Sie sind im öffentlichen Leben bis heute sichtbarer als die Katholiken», sagt Luciana Demaria. Sie wird wegen ihrer hellbraunen Haare immer wieder für eine Schweizerin gehalten, doch ihre Vorfahren stammen aus Spanien. Vater Néstor übernahm jenen Familienbetrieb, den die Tochter weiterführen soll: das katholische Beerdigungs­institut wenige Meter neben dem Restaurant Don Juan.

Während also die Leute im heutigen Nueva Helvecia ihre Kleinbetriebe an die nächste Generation weiterreichen, arbeiten im 11'000 Kilometer entfernten Zentral­europa Schweizer Grossfirmen an neuen Investitionsplänen für Uruguay. Das Land gilt besonders auf dem Rohstoffmarkt als ungeplünderte Goldgrube. «Die Ausbeutung der Bodenschätze, besonders im ­Minenbereich, sollte zu einem wichtigen Teil der Wirtschaft werden», schrieb Hans-Ruedi Bortis, der Schweizer Botschafter in Montevideo, im Mai 2011 in seinem Wirtschaftsbericht.

Schweizer Firmen wittern Morgenluft

Nun sitzt der 52-Jährige auf dem weissen Sofa in seinem Büro, hinter ihm eine Schweizer Landkarte, vor ihm die Sicht auf den Rio de la Plata. Er diene den kleineren und mittleren Schweizer Firmen als Tür­öffner für den lokalen Markt, sagt Bortis. Den Grossfirmen müsse er kaum helfen. «Die haben meistens ihre eigenen Kon­takte.» Der Jurist und Hobbygolfer ist sowohl Mitglied im Rotary Club als auch ­Ehrenpräsident der uruguayisch-schwei­zerischen Handelskammer. Dort vertreten sind Firmen wie Syngenta, Glencore, Agrigrain oder Roche – allesamt haben sie ­ihren Sitz in der stabilen und steuergüns­tigen Schweiz, verdienen ihr Geld aber hauptsächlich im Ausland.

Aus fleissigen Schweizer Bauern wurde flüssiges Schweizer Kapital: Die Profiteure heissen nicht mehr Siegrist & Fender, sondern Syngenta und Glencore. Der Basler Chemiemulti mit gentechnisch verändertem Saatgut und den dazugehörigen Agrarchemikalien, der Rohstoffmulti aus Zug mit dem Ausgraben von Bodenschätzen.

500 Kilometer von Nueva Helvecia weg klärt ein weiterer Bergbaumulti mit Büro in Zug, Zamin Ferrous, derzeit ab, ob sich ­eine Mine unter freiem Himmel betreiben lässt. Das russisch-indische Minenbau­konglomerat will dort jährlich 18 Millionen Tonnen Eisen abbauen, um es für den ­Export in einem 200 Kilometer langen ­Röhrensystem bis zur Küste zu transportieren. In der Schweiz wären Umweltschützer ­gegen ein solches Projekt längst Sturm ­gelaufen. In Uruguay mussten sie sich zuerst ­organisieren. Botschafter Bortis sagt, bisher seien keine Klagen zu möglichen Umweltschäden eingegangen. «Und so­lange die Schweizer Botschaft nicht von ­offizieller Seite mit dieser vielleicht künftigen Problematik konfrontiert wird, besteht auch kein Handlungsbedarf.»

Dabei hat sich die lokale Bevölkerung schon mehrmals beklagt. Vor wenigen ­Wochen forderte sie an einer Kundgebung in Montevideo zum wiederholten Mal den Stopp umweltbelastender Grossprojekte wie jenes von Zamin Ferrous. Die Firma hat vor drei Jahren eine ähnliche Mine im Zentrum Brasiliens an den kasachischen Rohstoffhändler Eurasian Natural Resources Corporation verkauft. Nichtregierungsorganisationen kritisieren eine neue Kolonialisierung Südamerikas – Botschafter Bortis spricht von einem positiven Investitionsklima. «Die Investitionen bringen schliesslich Arbeitsplätze, ergo Kaufkraft und damit mehr Wohlstand.»

Die Bewohner von Nueva Helvecia zeigen sich von den Folgen der Globalisierung vorderhand noch unbeeindruckt. Lieber verlassen sie sich auf jene Tugenden, die ihre Vorfahren vor 150 Jahren mitgebracht haben: harte Arbeit, lokales Geschäften und das eigene Gärtli. Viehzüchter Walter Gugelmeier sagt, dass in der Region seit je in Kooperativen gearbeitet werde und Grossfirmen darum kaum Einfluss hätten. «Wer mit den lokalen Bauern arbeiten möchte, muss langfristig denken», sagt er. Die Nueva Helvecier, doppelt Maria De ­Lima nach, seien tüchtige Menschen. «Sie können sich zwar keinen Luxus leisten, aber dafür gibt es hier auch keine Armut.»

Sepp Blatter auf Visite in Neu-Helvetien

De Lima hat nach dem Vortrag im Museo Suizo ihren Zweiteiler gegen ein T-Shirt und eine bequeme Schlabberhose getauscht und sitzt nun im «Don Juan». Als sie mitbekommt, dass der Schweizer von eben nach dem Weg zum Hotel fragt, bietet sie ihm an, ihn hinzufahren. Auf der Fahrt entschuldigt sie sich, keine Visitenkarte ­dabeizuhaben. Beim Abschied schreibt sie ihre Daten auf ein Papier und reisst es aus der Agenda. Sepp Blatter, der Chef des Weltfussballverbands, komme eventuell auch zur Feier, «falls er gerade in der ­Gegend ist». Und tatsächlich: Auch Blatter besuchte die Samba-Schweizer.