Wer zu Wutanfällen neigt, sollte seine Selbstbeherrschung trainieren.
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Wut

Vorsicht, Explosionsgefahr!

Thinkstock Kollektion

Ein falsches Wort, eine falsche Geste, und schon ist man auf 180. Warum wir manchmal so dünnhäutig sind – und wie wir uns ein dickeres Fell zulegen können.

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Die Ehefrau: «Scha-atz, denkst du an die Einkäufe?» Der Arbeitskollege: «In deinem Exposé fehlen wichtige Eckdaten.» Die beste Freundin: «Besonders fair hast du dich nicht gerade verhalten.» Eine banale Bitte, ein gut gemeinter Rat oder eine berechtigte Kritik – und schon explodieren wir mit fürchterlicher Lautstärke und zerstörerischer Wucht. Warum sind wir manchmal so empfindlich? Dünnhäutigkeit hat immer etwas zu tun mit vermehrtem Stress, Überforderung und dem Gefühl, die eigene Sicherheit sei bedroht.

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Der Dämon, der einem im Nacken sitzt

Ob und wie schnell man aus dem Gleichgewicht und aus der Fassung gerät, hängt von verschiedenen Faktoren ab: von den Erfahrungen etwa, die man im Laufe des Lebens gemacht hat, oder davon, wie gut man Stress bewältigen kann. Menschen beispielsweise, die sich als Kind nicht geborgen fühlen, sind anfälliger für Dünnhäutigkeit. Häufen sich die Stressfaktoren, fühlen sie sich schneller abgelehnt, allein gelassen und verunsichert – das Selbstwertgefühl gerät bei ihnen rascher ins Wanken. Aber auch tiefe Verletzungen oder ungeklärte Konflikte können ein Grund sein. Dann nämlich, wenn uns ein bestimmtes Wort oder eine bestimmte Bemerkung zur Weissglut treibt – und zwar immer wieder. Wie ein Dämon, der im Nacken sitzt und flüstert: «Du bist nichts wert. Du genügst mal wieder nicht. Keiner achtet auf dich.»

Überempfindlich reagieren – das hat auch mit den wirtschaftlich harten Zeiten zu tun, die wir momentan erleben. Viele haben Angst um ihren Job. Gleichzeitig wird von ihnen 150 Prozent Einsatz erwartet. Und sich selbst fordert man immer mehr ab, um die Stelle ja nicht zu verlieren. Man denkt nur noch über die Arbeit nach, vernachlässigt seine privaten Kontakte, setzt die Beziehung aufs Spiel – und irgendwann hat man Angst, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren. Dann kann einen schon die kleinste Kritik ins Taumeln bringen oder der kleinste Misserfolg.

Und wenn wir einen geliebten Menschen immer wieder zusammenstauchen, aus geringem Anlass und ohne wirklichen Grund – was ist dann? Einen Grund gibt es immer, nur ist er nicht immer sofort ersichtlich. Tatsache ist: Menschen, die einem nahestehen, lösen eher starke Emotionen aus – positive wie negative. Oft stecken hinter den Überreaktionen aufgestaute, nicht geäusserte Bedürfnisse, Erwartungen und Frustrationen. Oder man fühlt sich durch die Ansprüche des Gegenübers überfordert und weiss keinen anderen Weg, damit umzugehen. Man fährt aus der Haut – und schämt sich hinterher, die Kontrolle über sich verloren zu haben.

Ein Streit kann auch heilsam sein

Wer explodiert, stösst andere vor den Kopf. Doch: Ein offen ausgetragener Streit, bei dem es auch heftiger zugehen kann, muss nicht schlecht sein. Häufig ist dies auch ein Zeichen erhöhter Vertrautheit. Man zeigt sich von einer Seite, die man nicht jedem offenbart. Wem etwas unter den Nägeln brennt, der sollte es sagen – auch auf die Gefahr hin, dass der andere überreagiert. Und falls die Situation zu eskalieren droht? Am besten abwarten und anbieten, später in Ruhe zu reden.

Wie sich Selbstbeherrschung trainieren lässt

Vorbeugend

  • Ausgeglichene Menschen meistern den Alltag besser und vertragen mehr. Treiben Sie Sport, pflegen Sie soziale Kontakte. Und legen Sie sich ein Hobby zu. Guter Nebeneffekt: Man zieht seinen Selbstwert nicht nur aus beruflichen Erfolgen – und gerät weniger leicht ins Wanken, wenn es im Job mal schiefläuft.

  • Achten Sie in einer Partnerschaft auf Ihre Bedürfnisse und Wünsche. Wer ­ständig zurücksteckt, entwickelt Groll und verliert wegen banaler Kleinigkeiten die Kontrolle. Deshalb: Eine gesunde Portion Egoismus entwickeln, Grenzen setzen.

  • Versuchen Sie, besser mit Kritik um­zugehen. Das geht am besten, wenn Sie lernen, sich selbst zu akzeptieren. Dazu gehört, dass Sie Ihre Stärken und Ihre Schwächen kennen. Wer ein solides und realistisches Selbstbild entwickelt, fühlt sich von Kritik weniger stark bedroht.

  • Viele tun sich schwer, gut gemeinte ­Hilfe oder Ratschläge anzunehmen. Sie befürchten, inkompetent oder weniger wertvoll zu sein oder so wahrgenommen zu werden. Springen Sie über Ihren Schatten: Viele Probleme lassen sich erst durch den Austausch mit anderen lösen.



Wenn es brodelt

Ärger und Wut steigen in Ihnen auf? Tun Sie etwas, um die Anspannung zu reduzieren. Zählen Sie leise auf drei. Atmen Sie langsam, konzentrieren Sie sich auf den Atem. Trinken Sie ein Glas Wasser. Verlassen Sie kurz den Raum. Setzen Sie ein Lächeln auf, das wirkt entspannend. Sinn und Zweck dieser Übungen: warten, bis die Wut verebbt, um Abstand und Klarheit zu gewinnen.



Wenn es doch passiert ist

Vielen ist es peinlich, wenn sie mal wieder aus der Haut gefahren sind. Schweigen Sie nicht darüber. Entschuldigen Sie sich. Und erklären Sie, warum Sie überreagiert haben.

Veröffentlicht am 31. August 2009