Nach dem Ausbruch des Krieges erscheint nicht einfach der Game-over-Screen, das wollte ich aufzeigen. Dafür bin ich nach Kiew gereist. Die Reaktionen aus meinem Umfeld: von sehr besorgt bis unterstützend – alles war dabei.

Im Gymnasium lernte ich wenig Nützliches. Zeit für journalistische Projekte hatte ich kaum. Da dachte ich: Jetzt muss sich was ändern. Ich will Journalist werden. Wann, wenn nicht jetzt, habe ich die Energie, mich auf etwas Neues einzulassen? Und falls ich den Schulabbruch irgendwann bereuen sollte: Die Erwachsenenmatura dauert nur zwei Jahre.

Im August ging es nach Kiew, ich kannte niemanden und spreche die Sprache nicht. Über eine Internetplattform hatte ich mir für die ersten Nächte einen Schlafplatz bei einem jungen Paar organisiert. Einerseits war das günstig – mein Erspartes vom Job als Velokurier war begrenzt.

Ein Kameramann und dumme Witze

Andererseits wollte ich die ersten Nächte nicht allein sein, falls es einen Luftangriff geben sollte. Serhii und Sofiia zeigten mir die Stadt, ihre Lieblingsorte und solche, die zu meiden sind: ein billiges Kaffeehaus, wo der Kaffee ekelhaft sein soll.

Über die Plattform lernte ich auch Vlad kennen. Er schrieb: «Hey, ich habe keinen Schlafplatz, aber falls du einen Kameramann brauchst, melde dich.» Zuletzt haben wir einen Schultag in Kiew begleitet. Es war der erste seit Kriegsbeginn, für manche sogar seit der Corona-Pandemie.

Ich stellte kaum Fragen, die Schüler erzählten von sich aus. Vom Krieg war keine Rede. Es ging nur darum, dass alle wieder zusammen im Klassenzimmer sitzen und dumme Witze machen durften.

Über Waffen und Militär wissen alle Bescheid

Die Leute einfach reden lassen – das ist meine Strategie. Hier höre ich von Reporterinnen, die immer auf der Jagd nach der nächsten Sensation sind. Wie sich die Betroffenen fühlen, ist ihnen egal. So möchte ich nicht arbeiten. Was mich interessiert, sind die Menschen, ihr Umgang mit dem Alltag im Krieg.

Wenn ein Luftalarm losgeht, schaue ich auf Telegram. Dort teilt die Luftwaffe mit, was reinkommt. Zum Beispiel: Ein Kampfjet ist in Russland gestartet, eventuell hat er Hyperschallraketen dabei. Vielleicht «nur» Marschflugkörper, da wäre ein Abfangen möglich.

Manche gehen dann in die U-Bahn, viele bleiben aber in ihren Wohnungen. Militärische Fachbegriffe lernt man hier schnell, sie fallen oft in Gesprächen. Wenn ich mit Leuten aus der Schweiz spreche, muss ich sie erklären. In der Ukraine haben alle ein Grundwissen über Militärstrategie und Waffen.

«Die Leute einfach reden lassen – das ist meine Strategie.»

Einmal habe ich die Kontrolle verloren. Ich musste ungeplant eine Nacht im obersten Stock eines frei stehenden Hochhauses verbringen, bei einem Luftangriff der gefährlichste Ort. Um vier Uhr früh wachte ich auf – Luftangriff! Abwehrraketen wurden vier Strassen weiter abgefeuert und flogen übers Dach. Nach zwei Explosionen war ich wieder bei Verstand, rannte im Pyjama die Treppe runter und verschwand. Das hätte nicht passieren dürfen.

Inflation, Onlinejobs und Ausgang

Den Alltag der jungen Leute prägt vor allem die Inflation. Die meisten arbeiten neben der Schule, viele in Onlinejobs. Eine Freundin etwa für eine App, über die man sich Outfits zusammenstellen lassen kann. Das macht sie bis um drei Uhr früh. Junge Männer leben mit der ständigen Angst, bald eingezogen zu werden. Doch auch sie gehen abends in Bars oder an Partys. Das Leben steht nicht still.

Nachmittags sitze ich mit dem Laptop im Café, notiere Erfahrungen und Erlebnisse vom Vortag. Später treffe ich Leute. Ich bin eine Nachteule, wie viele hier. Freizeit und Arbeit trenne ich nicht – die besten Geschichten erzählen mir die Leute meist spontan. Wenn ich wieder in der Schweiz bin, werde ich all das Material verarbeiten. Auf einem Blog habe ich schon einige Texte publiziert.

Glück – und Tod an der Front

In Kiew herrscht instabiler Normalzustand. In einer nur so halb legalen Bar meinte mal eine junge Frau, die nach Kriegsausbruch nach Polen geflohen war, wie glücklich sie sei, endlich wieder zurück zu sein. Kurz darauf erzählte mir ein Bekannter, sein Vater sei an der Front gefallen vor einem halben Jahr.

Solche Kontraste sind hier Alltag. Auch wenn die Menschen einen Umgang mit den Luftalarmen gefunden haben: Ich glaube nicht, dass es in Kiew bald wieder Feuerwerke geben wird.

Nino Preuss' Blog zum Leben in Kiew: