Manfred Timmermann, 65, ist Professor für Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen. Er war in der Regierung Kohl fünf Jahre lang Staatssekretär für Rüstung und wurde danach Controlling-Chef der Deutschen Bank. Seit 1999 ist er Verwaltungsratspräsident der Arboner Saurer-Gruppe.

Beobachter: Herr Timmermann, Sie waren Politiker und Wirtschaftsboss. Heute sind Sie Professor und haben sechs Verwaltungsratsmandate. Wie steht es da mit Ihrer Unabhängigkeit?
Manfred Timmermann: Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass man im Lauf eines Berufslebens eine Reihe von Beziehungen aufbaut. Und das ist ja auch nicht von vornherein etwas Böses. Aber die Gefahr, dass dadurch Filz entsteht – im Sinn von Seilschaften oder Abhängigkeit –, ist natürlich gegeben. Deshalb ist es wichtig, dass man finanziell unabhängig bleibt und nicht auf ein bestimmtes Verwaltungsratsmandat angewiesen ist.

Beobachter: Die Schweiz scheint in dieser Hinsicht besonders gefährdet zu sein.
Timmermann: Filz gibt es überall. Aber in der Schweiz ist es schwieriger, Filz zu vermeiden, weil das Land sehr klein ist. Und weil es Gruppen gibt, die sich gut kennen – beispielsweise aus dem Militär. Diesen Militärfilz gibt es in anderen Ländern so nicht.

Beobachter: Was bewirkt die Kritik an unserer Wirtschaft nach der Swissair-Pleite?
Timmermann: Sie kann heilsam sein. Der Glorienschein, den die erfolgreiche Schweizer Wirtschaft immer hatte, verblasst. Heute sind die Dimensionen aber schlimm, so weit hätte es nicht kommen dürfen. Dass ein unrentables Unternehmen in Konkurs geht, gehört zur Marktwirtschaft und muss so sein. Aber nicht auf diese unwürdige Weise wie bei der Swissair.

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Beobachter: Wie kann ein solches Versagen in Zukunft verhindert werden?
Timmermann: Die fachliche Kompetenz muss verbessert werden. Wir brauchen eine Professionalisierung der Verwaltungsräte.

Beobachter: Wie stellen Sie sich das vor?
Timmermann: Verwaltungsräte müssen nochmals in die Schule gehen. Universitäten könnten Kurse zu allen wichtigen Aspekten des Unternehmertums anbieten: von Finanzen, Bilanzen, über Öffentlichkeitsarbeit bis zu Personalmanagement und Unternehmensführung. Am Schluss müsste man eine Prüfung bestehen und bekäme ein Zertifikat als professioneller Verwaltungsrat.

Beobachter: Das ist doch eher unrealistisch.
Timmermann: Ich halte es für sehr realistisch. Die Kritik an den Verwaltungsräten ist zurzeit so intensiv, dass etwas getan werden muss.

Beobachter: Sie bezweifeln also, dass heute alle Verwaltungsräte wissen, was sie tun?
Timmermann: Das ist eindeutig, sonst hätten sie ja all die Fehler sehen müssen, die gemacht wurden. Manche haben schlicht ihr Handwerk nicht richtig verstanden…

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Beobachter: …weil oft Branchenfremde in den Verwaltungsräten sitzen?
Timmermann: Richtig, und das kann eben nicht gut gehen. Ich würde mich ja auch nicht von einem Arzt behandeln lassen, der von Medizin keine Ahnung hat. Bei Verwaltungsräten geht das leider oft über den Beziehungsklüngel. Viele kleinere Unternehmen wollen ja gar keinen kritischen Verwaltungsrat. Die möchten Leute, die einen Namen haben. Ansonsten wollen sie mit denen gut essen gehen und Golf spielen.

Beobachter: Es fällt aber auf, dass vor allem in Grossunternehmen immer dieselben Namen auftauchen. Gibt es zu wenig gute Leute in der Schweiz
Timmermann: Vielleicht. Deshalb müssen wir weitere ausbilden.

Beobachter: Viele Verwaltungsräte horten zudem eine Unzahl von Mandaten.
Timmermann: Man muss die Zahl der Mandate begrenzen. Zehn Mandate sind genug. Das ist sonst zeitlich auch gar nicht machbar. Ein Vorsitz sollte doppelt zählen, denn ein Verwaltungsratspräsident hat noch grössere Verantwortung. Diese Limite müsste kontrolliert werden.

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Beobachter: Lukas Mühlemann und Rolf Hüppi sind sowohl Verwaltungsratspräsidenten als auch Geschäftsführer. Was halten Sie von solchen Doppelfunktionen?
Timmermann: Dass sich die Geschäftsführer selber kontrollieren können, müsste verboten werden. Das wäre eine zusätzliche Massnahme gegen die Verfilzung.

Beobachter: Es heisst, ein Verwaltungsrat ist nur so gut wie seine Aktionäre, die ihn wählen. Sind die Schweizer Aktionäre zu unkritisch?
Timmermann: Ja, Aktionäre in der Schweiz sind zu brav. Sie folgen in der Regel einfach dem Vorschlag der Geschäftsleitung. Es fehlt an Zivilcourage des Einzelnen. Allerdings können die Banken oder Versicherungen als Grossaktionäre oft alle kritischen Anträge abschmettern.

Beobachter: Die Aktionäre kontrollieren also zu wenig. Wer überwacht denn überhaupt die Verwaltungsräte?
Timmermann: Eine externe Revision. Hier sind die Wirtschaftsprüfer gefragt.

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Beobachter: Das klappt auch nicht immer, wie das Beispiel der Swissair zeigt.
Timmermann: Richtig. Die Wirtschaftsprüfer haben total versagt. Sie hätten doch dem Verwaltungsrat bei jeder Sitzung kritische Berichte vorlegen und warnen müssen, dass das Unternehmen so in den Konkurs läuft. Von solchen Berichten habe ich aber bisher nie etwas gehört.

Beobachter: Wieso haben die Kontrolleure versagt?
Timmermann: Grosse Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wie KPMG, Price Waterhouse Cooper und Atag Ernst & Young haben zum Beispiel einen grossen Kunden, und den wollen sie nicht verlieren. Also verhält sich die Kontrollstelle so, dass sie das Mandat behält, statt im Interesse des Unternehmens den Stempel zu verweigern und zu sagen, dass es so nicht weitergehen kann. Der Filz wuchert nicht nur innerhalb der Verwaltungsräte, sondern auch bei externen Gremien.

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Beobachter: Sollen die Swissair-Verwaltungsräte mit ihrem Privatvermögen haften?
Timmermann: Als eine Geste, ohne Schuldeingeständnis, wäre es schön, wenn diese Leute eine grosszügige Spende an den Sozialplan für die Angestellten leisten würden.