Eigentlich ist Blerim Mehmeti* Kosovare. Doch in der Schweiz lebt und arbeitet er mit einem serbischen Pass. Es war die pure Verzweiflung, die den Familienvater aus dem Kosovo dazu getrieben hat, die Staatsbürgerschaft jenes Landes anzunehmen, mit dem er eigentlich zuletzt etwas zu tun haben möchte. Im Krieg hat er mehrere Familienmitglieder durch serbische Kugeln verloren.

Es ist die Armut, die Mehmeti zum falschen Serben gemacht hat, denn Staatsangehörige aus Serbien, Mazedonien und Montenegro brauchen seit 2010 bei der Einreise in den Schengen-Raum kein Visum mehr. Damit ist der Kosovo, erst seit 2008 ein unabhängiges Staatsgebilde, das einzige Land im Westbalkan, dessen Bevölkerung de facto nicht Richtung Westeuropa reisen darf.

Die Arbeitslosigkeit in Blerim Mehmetis Dorf liegt bei über 60 Prozent. Und selbst wenn der 39-Jährige zwischendurch Arbeit findet, verdient er nur 160 Euro im Monat – so wenig, dass es kaum reicht für Holz, Öl und Mehl, um die Familie durch den Winter zu bringen.

Schon einmal war Mehmeti mit seinem ordentlichen kosovarischen Pass in die Schweiz gereist. Er brauchte dafür ein Touristenvisum, Verwandte mussten es in einem langwierigen Verfahren beantragen und eine Bürgschaft in Höhe von 30000 Franken übernehmen. Als er dann bei einer Kontrolle auf einer Baustelle beim Arbeiten erwischt wurde, wurde er ausgeschafft und mit einer fünfjährigen Einreisesperre belegt.

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Der serbische Pass kostete 2500 Euro

Nun ist Mehmeti wieder da, mit einer neuen Identität und einem serbischen Pass. Die Sprache seiner «neuen» Na­tionalität, Serbokroatisch, spricht er wie fast alle seiner Altersgenossen ­fliessend. Bis zum Krieg 1991 war sie Amtssprache, jedes albanische Schulkind lernte sie.

«Es darf nicht sein, dass ein Land, das Visaerleichterungen geniesst, Staatsbürgerschaften verkauft.»

Skender Hyseni, ehemaliger Aussenminister des Kosovo

Quelle: Beobachter/AS/ Google Maps

Blerim Mehmetis neuer Pass wurde nicht in einem düsteren Hinterhof ausgestellt, sondern offiziell von den serbischen Behörden. Mehmeti hatte einen grossen Teil seines Landes verkauft und war mit dem Erlös nach Serbien gereist. Über einen Vermittler lernte er einen Angestellten des serbischen Innenministeriums in Zemun bei Belgrad kennen und übergab diesem 2500 Euro. Einen Monat später war er mit neuer Identität serbischer Staatsbürger und Besitzer eines biometrischen Passes, der ihm erlaubt, visafrei in den Schengen-Raum ein­zureisen. Genau das tat Mehmeti: «In der Schweiz komme ich auf dem Bau im Monat auf 3500 Franken. So viel verdiene ich daheim nicht einmal in einem Jahr», sagt er.

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Auch Dion Rexhepi*, zweifacher Vater aus der Stadt Prizren, ist zum Schluss gekommen, dass ihm nur ­eine neue Staatsbürgerschaft zu einer Perspektive in Westeuropa verhelfen kann. Er lebt aktuell in Serbien, arbeitet in einer Bäckerei und hat vor allem eines: Angst. Angst, sein Geld zu verlieren, Angst, aufzufliegen, Angst, übers Ohr gehauen zu werden.

Vor fast einem Jahr ist Rexhepi ins serbische Novi Sad gezogen. Ein Bekannter hatte ihm den Kontakt zu einem Serben vermittelt, der ihm den Job in der Bäckerei organisierte, dazu ein Bett in einer Wohnung mit anderen Kosovaren. Nach ein paar Wochen sollte er, so sagte man ihm, problemlos die serbische Staatsbürgerschaft beantragen können. Dion Rexhepi, der vorher noch nie in einer Backstube gestanden hatte, gab sein Bestes. Irgendwann tauchte ein Unbekannter auf, der versprach, den Pass-Deal mit Bekannten im Ministerium zu organisieren. Kostenpunkt: 3000 Euro.

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Die Männer schickten Rexhepi zurück in den Kosovo. Dort sollte er sich eine Identitätskarte ausstellen lassen und Geld auftreiben. Er tat es. Jetzt ist er zurück in Serbien. Innerhalb von drei Wochen soll sein Pass mit serbischem Namen ausgestellt sein. Auch Rexhepi will damit in die Schweiz reisen, um bei Bekannten zu arbeiten. Niemals, sagt er, hätte er sich träumen lassen, dass er sich einmal auf so etwas einlassen würde. «Aber ich habe eine Familie. Es ist meine Pflicht, alles zu tun, um sie versorgen zu können.»

«Wer bezahlt, der kann innerhalb eines Tages zum Serben werden.»

Shkodran Manaj, stellvertretender Innenminister des Kosovo

Quelle: Beobachter/AS/ Google Maps
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Niemand weiss, wie viele «falsche Serben» in der Schweiz arbeiten oder leben. Der stellvertretende Innenminister des Kosovo, Shkodran Manaj, geht davon aus, dass es inzwischen Tausende dieser «Doppelbürger» gibt. Kurz nach der Visaerleichterung von 2010 wurden in Serbien mehrere Kosovaren verhaftet, die versucht haben sollen, Pässe zu kaufen. Laut lokalen Medien wurden zudem Polizisten verurteilt, die ihnen dabei behilflich waren. Wirklich gestoppt wurde das ertragreiche Geschäft nicht. Bis zu 6000 Euro bringt ein einziger Pass den Beamten ein, die sie ausstellen. Längst haben sich mafiöse Strukturen gebildet, die mit korrupten Staatsangestellten zusammenarbeiten. Der Beobachter fragte dazu mehrmals beim serbischen Innenministerium nach, die Fragen blieben unbeantwortet.

Wie viele es sind, weiss keiner genau

Minister Shkodran Manaj bedauert, dass viele Kosovaren ihr Hab und Gut versetzen, um ihr Glück im Ausland zu versuchen. Viele würden scheitern und verschuldet zurückkehren. Genaue Zahlen kennt aber niemand. Den kosovarischen Behörden, die grundsätzlich Doppelbürgerschaften erlauben, sind die Hände gebunden. Mehrmals hat Skender Hyseni, ehemaliger kosovarischer Aussenminister, bei der Europäischen Union interveniert: «Es darf nicht sein, dass die EU zuschaut, wie ein Land, das Visaerleichterungen geniesst, Staatsbürgerschaften verkauft.» Geschehen ist nichts.

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Sein Ministerkollege Manaj stört sich vor allem daran, dass jene Landsleute, die die serbische Staatsbürgerschaft auf legalem Weg erhalten wollen, die Sprache lernen und lange Zeit im Land leben müssen. «Doch wer bezahlt, der kann innerhalb eines Tages zum Serben werden.»

In der Schweiz kennt man die Pro­blematik. Zahlen gibt es aber auch hier nicht: «Wir haben Hinweise, dass es möglich ist, sich als Kosovare einen gültigen serbischen Pass unter Angabe ‹neuer› Personalien ausstellen zu lassen», sagt Léa Wertheimer, Mediensprecherin des Staatssekretariats für Migration. Allerdings sei das Phänomen nur schwer oder gar nicht nachzuweisen. Fazit: Auch der Schweiz – einem der Zielländer «falscher Serben» – sind die Hände gebunden.

Valon Ibrahimi* ist einer von denen, dem die neue Identität kein Glück gebracht hat. Er hat sich das Geld für die neue Identität geliehen. Zusammen mit Frau und Tochter lebt er im Norden des Kosovo in einem einzigen Zimmer. Um einen Anbau finanzieren zu können, wollte der gelernte Elektriker ein paar Monate in der Schweiz arbeiten. Dank dem neuen Pass gelang Ibrahimi die Einreise problemlos. Er fand in Kürze Arbeit – obwohl auf dem Schweizer Arbeitsmarkt Einwanderer aus sogenannten Drittstaaten, zu denen Serbien wie auch der Kosovo zählen, lediglich gut qualifizierte Arbeitskräfte zugelassen werden.

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Erst nachträglich realisierte Ibra­himi, dass er schwarzarbeitete – als ihm sein Chef, der Inhaber der Firma, Ende Monat 500 Franken in die Hand drückte und sagte, wenn er aufmucke, bekomme er grosse Probleme.

Er will es ein zweites Mal versuchen

Valon Ibrahimi kehrte in den Kosovo zurück – ärmer als zuvor. Doch bereits in wenigen Wochen will er sein Glück ein zweites Mal versuchen. Der Freund eines Cousins, der seit langem in der Schweiz lebt, versprach, eine Arbeitsbewilligung zu organisieren.

*Name geändert