«Auf Tamilisch gibt es nicht einmal ein Wort für Schnee – auch für Schlitten nicht.» Kavithas Jeyabalan, Schreiner und Schlittenbauer

Beim Material mache ich keine Kompromisse. Nur das Beste kommt in Frage, denn ich stelle ein Schweizer Qualitätsprodukt her. Für einen echten Schanfigger Holzschlitten braucht es zwei Dutzend Teile. Esche muss es sein, die ist schön, stark und biegsam. Alles wird von Hand geschnitten und gefräst, die Seitenholmen mache ich aus demselben Stück, damit sie sich nicht ungleich verziehen. Nichts ist geschraubt wie bei den Billigschlitten aus Osteuropa. Und Metallverstärkungen brauchen meine Schlitten auch nicht. Da wird geschlitzt, gezapft und gekeilt, und das hier sind «Überhalsungen», Vertiefungen im Holz, in die die ineinandergesteckten Teile versenkt sind. Da lödelet nüüt. Das hebet ewig.

Ja, es stimmt: Ich bin der einzige Schreiner, der noch nach der 150-jährigen Bündner Tradition Holzschlitten baut. Inzwischen habe ich allerdings sechs Angestellte, die das uralte Handwerk auch wieder gelernt haben.

Ich bin 1984 aus dem Bürgerkrieg in Sri Lanka geflüchtet. Da war ich 20 Jahre alt und sah in Chur, wo mein Bruder lebte, zum ersten Mal im Leben Schnee. Ich zog das Schanfigg hinauf und suchte Arbeit. Ein Schreiner in Arosa stellte mich ein, und dort lernte ich, den berühmten «Aroser» zu bauen. Als ich mich später in Peist selbständig machte, hatte ich ein Wissen wie wenige und eine Idee: Ich verbesserte den Schlitten.

Quelle: Oliver Bartenschlager
Anzeige

Wie das den Verwandten erklären?

Die andere Schreinerei gab die «Aroser»-Produktion auf, und ich machte meine Weiterentwicklung zum Markenzeichen der Schreinerei Kavi; Kavi – so nennen mich die Menschen hier. Meine «Schanfigger» haben schmalere Holmen, verjüngte Füsschen und gedrechselte Vorderstreben. Die Kufen sind leicht auswärts gestellt und mit Chromstahl versehen. So ist der Schlitten schneller und hält auch auf Eis die Spur. 490 Franken kostet ein Zweisitzer, 420 Franken der Einer, aber viel verdiene ich nicht an den Schlitten, denn ein voller Arbeitstag und 230 bis 280 Franken Materialkosten stecken drin. Gut 40 Schlitten bauen ich und meine Arbeiter pro Jahr, vor allem im Winter, wenn die Schreinerei Kapazität hat; wir machen ja hauptsächlich Küchen- und Innenausbau.

Dass ein Exot aus den Tropen in den Bündner Bergen Schlitten zimmert, ist schon nicht alltäglich. Gar nicht einfach war es, meinen Verwandten in Sri Lanka zu erklären, wozu so ein Gefährt ohne Räder gut ist und warum die Menschen hier es lustig finden, darauf die Hänge hinunterzurutschen. Auf Tamilisch gibt es nicht einmal ein Wort für Schnee – auch für Schlitten nicht. Aber für mich sind Schnee, Schlittenbau und das Berglerleben nach 24 Jahren in Peist das Normalste der Welt.

Anzeige

Wenn ich heute mit meinen Geschwistern in Sri Lanka telefoniere, höre ich von einer anderen Welt. Sie erzählen von Krieg, Angst und Armut. Die Schweiz sehen sie als Paradies. Und das ist sie auch. Ich bin mit nichts gekommen und habe eine Chance erhalten. Ich habe erfahren, dass man in der Schweiz als Kleinunternehmer mit Qualität und Fleiss etwas aufbauen kann. Ich bin froh, dass ich das hinbekommen habe. Und auch etwas stolz, dass meine Schlitten so gut sind.

Ja, ich habe mich integriert, und zwar ganz bewusst. Der Anfang war hart: das Klima, die andere Kultur, vor allem die Sprache. Und aufgefallen bin ich als einer der ersten tamilischen Flüchtlinge hier im Bergtal sowieso. Ich musste mich entscheiden: Passe ich mich an oder nicht? Ich wollte bleiben, also packte ich es an. Ich bin auf die Leute zugegangen und beteilige mich am Leben im Dorf. Ich bin auch im Trachtenverein. Wenn ich in der Tracht auftrete, falle ich schon auf – wie zum Beispiel am Unspunnenfest. Aber wenn jemand faule Sprüche macht, frage ich bloss: «Hesch e Problem drmit?» Dann ist meistens Ruhe. Manche Kunden, die mich das erste Mal sehen, sind überrascht und meinen, ich sei der Hilfsarbeiter. Aber Rassismus habe ich in all den Jahren nie erlebt.

Anzeige

Ich habe 1990 Vreni geheiratet, eine Einheimische. Fünf Kinder haben wir, der Jüngste ist 10, der Älteste 19 Jahre alt. Sie sind alle hier geboren und tragen bündnerisch-tamilische Doppelnamen. Ich hoffe, dass sie einmal nach Sri Lanka reisen und sich interessieren, wie es dort ist. Vor 15 Jahren liess ich mich einbürgern. Ich habe hier eine neue Heimat gefunden, bin Schanfigger geworden. Vreni sagt sogar, ich sei schweizerischer als manche Einheimische.

Ein bisschen ein Bünzli geworden

Was denn genau an mir schweizerisch ist? I krampfe vill. Auch anderes, worauf wir in Sri Lanka nicht so viel Wert legen, ist mir wichtig: Qualität, Pünktlichkeit, Ordnung. So sind wir hier. Ich bin ein bisschen ein Bünzli geworden, sagt Vreni. Geblieben ist mir aber die Gelassenheit, wenn einmal ein Zug nicht fährt oder der Verkehr stockt. Und bewahrt habe ich mir den Sinn für Geselligkeit. Wir Tamilen lieben lange, fröhliche Feste mit vielen Leuten. Habe ich jetzt zweimal «wir» gesagt? «Wir Tamilen», «wir Schweizer» – es ist eben beides da, aber ich fühle mich als Schweizer. Schauen Sie hier, das möchte ich Ihnen mitgeben. Eine Spezialität aus meiner Heimat: ein Stück Peister Bergkäse.

Anzeige