Dolmetschen ist enorm spannend, ich liebe meinen Beruf. Er bietet mir immer wieder Einblicke in Kulturen und Berufsfelder, mit denen ich sonst nie in Kontakt käme. Und diese neuen Facetten fremder Welten finden unweigerlich Eingang in meine eigene Welt: Wenn in einer Vernehmung etwa ein Dachbegrüner vorkommt, entdecke ich nachher in der Stadt überall begrünte Dächer. Manchmal lese ich zu Hause sogar etwas nach, weil mein Interesse geweckt wurde.

Ich habe zwar auch Russisch gelernt, kann auch genügend Italienisch, Serbisch, Kroatisch für einfachere schriftliche Übersetzungen, aber meine Dolmetscher­sprachen für Simultanübersetzungen sind Englisch und Französisch. Meist dolmetsche ich zwischen Parteien, deren Muttersprache weder Englisch noch Französisch ist, für die diese Sprachen aber den grössten gemeinsamen Nenner darstellen. Etwa bei jemandem aus der ehemaligen britischen Kolonie Nigeria, wo zwar 500 indigene Sprachen gesprochen werden, die Amtssprache aber nach wie vor Englisch ist.

Die Herausforderung besteht darin, sich dem sprachlichen Level des Gegenübers anzupassen. Und natürlich allfällige Eigenheiten zu erkennen. Es gibt zum ­Beispiel Kulturen, deren Sprache keine Vergangenheit kennt. Das macht Einvernahmen, die ja immer von Vergangenem handeln, extrem schwierig. Dann gibt es Kulturkreise, in denen grundsätzlich nicht zwischen weiblicher und männlicher Form unterschieden wird. Da wird dann beispielsweise im Englischen «he» und «she» völlig willkürlich verwendet. Das muss man einfach wissen, um ein solches Kuddelmuddel sinnstiftend übersetzen zu können. Einmal war es so, dass ein Befragter konsequent «he» sagte, wenn er «she» meinte, und umgekehrt. Gemerkt haben wir es aber erst an der Schilderung einer Bettszene. Da war uns dann plötzlich klar: Der verwechselt die Wörter, denn das von ihm Geschilderte wäre sonst anatomisch unmöglich gewesen. Wir mussten dann nochmals von vorne anfangen.

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Auch Sprachfehler oder schwere Akzente erschweren mir die Arbeit. «Leave» und «live», also weggehen respektive ausreisen und leben, oder «work» und «walk» werden beispielsweise oft so ausgesprochen, dass nicht klar ist, welche Bedeutung gemeint ist. Sind die sprachlichen Fähigkeiten des Befragten zu gering für Synonyme, greife ich im Notfall auch mal zu Gebärdensprache oder Pantomime. Oder ich zeichne.

Begriffe und Floskeln können in einem anderen Kulturkreis zudem etwas ganz anderes heissen als im ursprünglichen Sprachraum. Am Anfang habe ich mir von all diesen Spezialitäten seitenlange Listen angefertigt. Die bin ich dann vor Verhandlungen nochmals durchgegangen – ich habe quasi meinen Kurzzeitspeicher aufgefüllt. Mittlerweile habe ich die meisten Begriffe verinnerlicht.

«Das Gehörte holt mich manchmal ein»

Eigentlich dürfen Beschuldigte oder auch Zeugen bei Konfrontationseinvernahmen nicht miteinander reden, es darf nur via den Staatsanwalt und über mich als Sprachrohr kommuniziert werden. Doch es kommt immer wieder vor, dass Beschuldigte dies zu umgehen versuchen, indem sie sich parallel zur Einvernahme in Gebärdensprache unterhalten, sich sogar gegenseitig mit dem Tod bedrohen. Und wir von der Behörde kriegen davon unter Umständen nichts mit. Deswegen finden Einvernahmen oft in speziellen Räumen statt. Fehlt ein solcher Raum, gibt es auch ganz simple Lösungen zur Trennung der Parteien, etwa eine geöffnete Schranktür, die den Sichtkontakt verhindert.

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Normalerweise werde ich angerufen und auf den Posten bestellt. Das kann auch mitten in der Nacht sein. Meist weiss ich nicht, was mich erwartet. Dann gibt es aber auch Tatortbegehungen zur Tatrekonstruktion und Zeugenbefragungen im Umfeld der Tat. Einmal war ich mit acht Polizisten zu einer Befragung eines Verdächtigen unterwegs. Irgendwann fiel mir auf, dass alle kugelsichere Westen trugen – nur ich hatte keine. Rasend charmant!, dachte ich damals. Ich hab mich dann noch mehr als sonst im Hintergrund gehalten.

Meine Rolle ist ausschliesslich die des Sprachrohrs. Ich darf mir keine Meinung machen, darf mir kein Urteil bilden, muss völlig neutral und emotional unbeteiligt sein. Das heisst aber nicht, dass heftige ­Fälle mir nicht nachgehen; die Gefühle dürfen sich einfach nicht in der Arbeit niederschlagen.

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Natürlich geht es oft um Verbrechen ­gegen Leib und Leben. Am schwersten zu nagen habe ich an Fällen, in denen es um Gewalt an Kindern geht, und an Vergewaltigungen. Da wird ja bis ins kleinste Detail nachgefragt, und ich muss so nah wie möglich am Wortlaut bleiben.

Ich habe das Glück, dass ich quasi ­einen Schalter umlegen kann, wenn mir die Schilderung, das Grauen zu viel wird. Das Adrenalin schnellt dann hoch, und ich befinde mich in einer Art Schockzustand. Solange dieser Zustand anhält, geht es. Aber nachher, wenn ich wieder zu Hause bin, sinkt der Adrenalinspiegel, und dann holt mich das Gehörte manchmal ein.

Da ich zu absoluter Geheimhaltung verpflichtet bin, muss ich mit mir selber klarkommen, darf ich das Erlebte nicht detailliert Dritten erzählen. Aber glücklicherweise sind solch schlimme Fälle vergleichsweise selten, und wenn ein Prozess länger dauert, dann ist man mit dem Fall ja schon vertraut und kann sich darauf einstellen. Zudem dolmetsche und übersetze ich ja nicht nur bei Gericht, sondern auch für die Privatwirtschaft. Das ist ein guter Ausgleich. Und obwohl ich schon so viel Schreckliches gehört habe, das Menschen einander antun, bin ich nicht zynisch oder verbittert. Ich habe einfach eine positive Grundeinstellung.

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