Der 16-jährige Tanoh hatte einen Traum. In diesem Traum schrien Tausende von Fans seinen Namen, sobald er das Spielfeld betrat, um für einen der grössten und reichsten Klubs der Welt Fussball zu spielen. Millionen mehr sassen fasziniert an den TV-Bildschirmen, wenn er in der Champions League an Weltklasse-Verteidigern vorbeidribbelte und unvergessliche Tore schoss.

Tanohs Traum wurde genährt durch die Erfolgsgeschichte eines anderen Jungen von der Elfenbeinküste, der aus dem Nichts aufgestiegen war zu einem der bestbezahlten, berühmtesten und gefürchtetsten Torschützen der Welt: Didier Drogba, Ikone in seinem Heimatland und internationaler Superstar mit einem Vertrag in der englischen Premier League bei Chelsea. Seine Qualitäten als Torschütze brachten ihm in seinen besten Jahren mehr als 500'000 Euro pro Monat ein – eine Summe, die in seiner Heimat dem Monatslohn von 2500 Beamten entspricht. Auch im Alter von 36 Jahren spielt Drogba, der zweifache Fussballer des Jahres in Afrika und Champions-League-Gewinner von 2012, noch immer bei Chelsea.

Auch Tanoh glaubt, die Qualitäten zu haben, die Didier Drogba auszeichnen: Talent, Entschlossenheit und Erfolgshunger. Aber Didier Drogbas Erfolg hat auch mit Schicksal zu tun: Der heutige Superstar war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und wurde von einem Talentsucher entdeckt, der ihm den Weg nach oben erst ermöglichte.

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Als ein türkischer Talentsucher bei einem lokalen Klub auf Tanoh aufmerksam wurde und mit einem Vertrag winkte, der dem Jungen bei einem portugiesischen Erstdivisions-Klub 12'000 Euro pro Monat einbringen sollte, packte Tanoh deshalb die Chance. Ein Engagement in der portugiesischen Liga, und sei es auch nur in den unteren Bereichen der Tabelle, so dachte er, sei bloss der erste Schritt auf dem Weg zu Ruhm, Reichtum und Startum. Tanohs Eltern teilten seinen Traum und hatten hohe Erwartungen an ihn.

Doch der Traum wurde schnell zum Alptraum, als Tanoh nach Europa kam. Schon kurz nach seiner Ankunft in Portugal musste er feststellen, dass der grösste Teil des Geldes, das ihm versprochen worden war, vom Talentsucher einkassiert wurde. Und schon nach wenigen Wochen wurde er aus der Mannschaft geworfen und zu einem Klub in der zweiten Liga geschickt, wo er überhaupt nichts verdiente. Der 16-Jährige, der zum ersten Mal von daheim weg war und kein Wort Portugiesisch sprach, musste plötzlich ohne Geld, Ausbildung und Aufenthaltsbewilligung in einem fremden Land durchkommen. Statt als Fussballer Geld zu verdienen, musste er sich seinen Lebensunterhalt mit schlecht bezahlten Handlangerjobs verdienen.

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Als das Leben in Portugal immer schwieriger wurde, schlug sich Tanoh schliesslich nach Belgien durch. Dort, so hoffte er, würde er seinem Traum, einen Profivertrag bei einem europäischen Verein zu erhalten, wieder ein Stück näher kommen. Und immerhin könnte er sich in Belgien mit Französisch durchschlagen, der offiziellen Sprache seiner Heimat Elfenbeinküste. Doch der Ortswechsel hat Tanohs Situation nicht wirklich verbessert. Auch in Belgien muss sich Tanoh mit Schwarzarbeit durchschlagen, und die Aussichten, dass sich daran etwas ändert, sind schlecht.

Didier Drogba (Foto: Mark Freeman)

Quelle: Thinkstock Kollektion
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Fussball-Akademien als Schleusen

Tanoh ist nur einer von zahllosen hoffnungsvollen Jugendlichen aus Afrika, die von skrupellosen Talentsuchern und Agenten mit falschen Versprechungen auf lukrative Verträge nach Europa gelockt werden. Ihre tatsächliche Zahl kennt niemand, aber ihre «Karrieren»  beginnen oftmals in einer der sogenannten «Fussball-Akademien», die etwa in der Elfenbeinküste sehr beliebt sind.

Verschiedene europäische Klubs haben in Afrika regelrechte «Fussball-Plantagen» eingerichtet, etwa Ajax Amsterdam im südafrikanischen Cape Town oder der französische Verein SC Bastia in Senegal. Afrikanische Klubs und Akademien wiederum sind Partnerschaften mit europäischen Vereinen eingegangen, etwa mit solchen aus Belgien, wo die Einwanderungsbestimmungen für Fussballer lockerer gehandhabt werden als in anderen Ländern. Beim belgischen Klub KSK Beveren etwa stand in der Saison 2006 meist eine Mannschaft auf dem Platz, die aus elf Ausländern bestand. Zehn von ihnen stammten von der Elfenbeinküste, wo der Klub mit einer Fussball-Akademie zusammenarbeitet.

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Laut einem Funktionär des ivorischen Fussballverbandes gibt es im Land rund 300 lizenzierte Akademien. Die Dunkelziffer der inoffiziellen Akademien dürfte aber deutlich höher liegen. Der Mangel an Vorschriften und Kontrollen ermöglichen es, dass jedermann eine derartige Ausbildungsstätte eröffnen kann. Dem Kinderhandel sind damit Tür und Tor geöffnet.

Koko Konan Joseph, der Inhaber der Jolekoko Soccer Academy in Yopougon, 20 Kilometer von der Hauptstadt Abidjan entfernt, wehrt sich gegen diesen Vorwurf. Seiner Meinung nach leisten die Akademien vorbildliche Arbeit für Kinder, die wenige Wahlmöglichkeiten haben. «Ob die Akademien registriert sind oder nicht, spielt keine Rolle», sagt er, «was zählt, ist, ob wir unseren Job gut machen. Meine Akademie existiert schon seit langem, aber weder die Regierung noch der Fussballverband unterstützen uns.»

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Auch Euge Yapi, Trainer bei einer Akademie in Abobo, einem Vorort von Abidjan, sieht in seinen Aktivitäten nichts Verwerfliches: «Unser Ziel ist es, diese Kinder zu trainieren, damit wir sie an europäische Klubs verkaufen können», erklärt er. «Ein talentierter junger Spieler kann bis zu 20'000 Euro bringen.»

Die Eltern als Komplizen

Beim Kinderhandel spielen die Eltern der Fussballtalente eine wichtige Rolle – als Komplizen der Kinderhändler. Etwa im Fall von Koffi, einem 16-Jährigen, der von einem italienischen Talentsucher in der Küstenstadt San Pedro, 600 Kilometer von Abidjan entfernt, entdeckt wurde. Koffis Familie bezahlte dem vermeintlichen Wohltäter 4500 Euro, um ihn nach Barcelona zu bringen. Der Junge wurde auf dem Weg nach Europa mehrfach sexuell missbraucht und schliesslich in einem Hotel in Rabat in Marokko zurückgelassen. Dank Geld, das ihm sein Vater geschickt hatte, und ausgerüstet mit einem gefälschten französischen Pass, schaffte es Koffi schliesslich bis nach Paris.

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«Zahlreiche französische Klubs haben erkannt, dass mein Sohn Talent hat und es im Fussball weit bringen könnte. Aber sie können nichts für ihn tun, weil er ein illegaler Immigrant ist», erzählt der Vater. «Jetzt lebt Koffi auf der Strasse und schlägt sich irgendwie durch. Aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass er es eines Tages schaffen wird.»

In einem Land, in dem ein Beamter im Durchschnitt 200 Euro pro Monat verdient, teilen viele Koffi Dossos blinden Optimismus. Sie betrachten Fussball-Akademien als Möglichkeit, ihre Lebensumstände zu verbessern, und nehmen sogar Darlehen auf, um ihre Kinder dort ausbilden zu lassen. Der Vater des 15-jährigen Martial etwa lieh sich 400 Euro, um seinem Sohn die Reise nach Mali und von dort nach Europa zu ermöglichen. «Für mich ist dies eine Investition in die Zukunft meines Sohnes und meiner ganzen Familie», sagt er.

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Sein Plan ging jedoch nicht auf: Martial war einer von 38 ivorischen Fussball-Junioren zwischen 14 und 17, die zusammen mit einem Spielervermittler, einem gewissen «Monsieur Assouam», von der malischen Armee aufgegriffen wurden, als dieser versuchte, sie ohne gültige Papiere über die Grenze zu schmuggeln. «Monsieur Assouam erzählte uns, dass von Mali aus einige von uns nach Norwegen und andere in die Ukraine geschickt würden», erzählte Martial in einem Interview nach seiner Heimkehr nach Abidjan.

Die Eltern der 38 Jugendlichen hatten der involvierten Fussball-Akademie in der Elfenbeinküste insgesamt 17'405 Euro bezahlt, um ihre Kinder nach Europa schmuggeln zu lassen. Der Manager der Akademie wurde in der Folge verhaftet und des Kinderhandels angeklagt. Er ist aber entschlossen, seine Aktivitäten fortzusetzen, und die Eltern der 38 Junioren erklärten, dass sie weiter versuchen würden, ihre Söhne in einer der grossen europäischen Ligen unterzubringen. «Wir haben keine andere Wahl», sagte ein Vater in einem Interview. «Gebt nicht uns die Schuld, gebt sie dem fünfjährigen Bürgerkrieg (2002-2007) in der Elfenbeinküste, der uns zu solchen Dingen zwingt.»

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In einem Versuch, die illegale Einwanderung von Fussballern nach Europa zu unterbinden, verschärfte der internationale Fussballverband Fifa im Jahr 2001 die Rekrutierungs- und Transferrichtlinien. Seither ist es den Klubs nicht mehr erlaubt, Spieler unter 18 Jahren zu importieren. Trotzdem hält der Zustrom junger afrikanischer Fussballer nach Europa ungebrochen an. Allein die Botschaften Frankreichs, Italiens und Spaniens erhalten von den lokalen Akademien jedes Jahr rund 1000 Visumsanträge für Fussballer im Alter von 15 oder älter. Nur die allerwenigsten Gesuche werden positiv beantwortet.

Dass es zahlreiche Jugendliche trotzdem nach Europa schaffen, hängt laut einem ehemaligen ivorischen Nationalspieler, der selber in Europa spielte, mit der gut eingespielten Zusammenarbeit der Klubs und den in Afrika tätigen Vermittlern zusammen: Viele Jugendliche, die kein Visum erhielten, mit dem sie als Profifussballer arbeiten könnten, gelangten oft mit einer Kurzaufenthaltsbewilligung nach Europa. Ein anderer Weg führe über Mali, Tunesien oder Marokko, wo Mittelsmänner für die Jugendlichen Pässe dieser Länder besorgten: «Und sind sie dann einmal in Europa, so behaupten sie, dass ihr Pass gestohlen wurde. Die Wahrheit ist, dass die Klubs mit den dubiosen Spielervermittlern unter einer Decke stecken.» Oftmals würden auch das Alter der Spieler oder gar deren Identität gefälscht. In der Szene nennt man das «Spieler waschen». 

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Dass solche Praktiken gang und gäbe sind, bestätigt auch Robert Baroud, Ausbildungsverantwortlicher beim französischen Klub Olympique Lyonnais. Viele Vereine ignorierten die Fifa-Vorschriften, weil sie genau wüssten, dass sie keine Sanktionen zu befürchten haben, sagt er. «Wir haben den Transfer eines 16-Jährigen abgelehnt, der illegal ins Land gekommen ist, aber ein anderer Klub hat ihn genommen. So geht das nun einmal», so Baroud, «einige Klubs kennen in dieser Beziehung keine Skrupel.»

Gute Geschäfte

Mit jugendlichen Fussballern aus Afrika werde gehandelt wie mit Schuhen aus China, sagt auch Gilles Garnier, ehemaliger Kabinettsdirektor im französischen Sportministerium. «Die Klubs verdienen ihr Geld, indem sie billig Talente kaufen, diese vorwärtsbringen und dann mit einem grossen Profit an andere Klubs verkaufen. Es lohnt sich, tausend Spieler aus Afrika zu holen, selbst wenn man am Schluss nur mit zwanzig das grosse Geschäft machen kann.»

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Wie lohnenswert das Geschäft sein kann, zeigt etwa das Beispiel des ghanaischen Nationalspielers Mickaël Essien. 2005 holte der FC Chelsea den Mittelfeldspieler für 38 Millionen Euro von Olympique Lyonnais nach London. Olympique Lyonnais hatte Essien zwei Jahre zuvor für 11 Millionen vom FC Bastia gekauft. Der korsische Verein wiederum hatte den damals knapp 18-Jährigen im Jahr 2000 bei seinem Stammverein Liberty Professionals Accra in Ghana entdeckt und unter Vertrag genommen. Der Preis damals: 50'000 Euro.

Als Mekka für Talentspäher gilt neben den Fussball-Akademien in Afrika auch der «Norway Cup». Mit rund 30'000 Fussballern zwischen 13 und 19 aus über 40 Ländern ist der Norway Cup das grösste Fussballturnier der Welt. Zu der riesigen Veranstaltung, die jeweils Ende Juli oder Anfang August in Oslo stattfindet, werden auch  20 bis 30 Teams aus unterentwickelten Ländern eingeladen – was Jahr für Jahr vor der norwegischen Botschaft in Abidjan für ein Gedränge sorgt, weil Vertreter von Fussball-Akademien und ivorischen Klubs Visa für ihre Talente ergattern wollen.

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Ein Mann, der den Norway Cup sehr wichtig nimmt, ist Aziz Kone Agnero, der Gründer des ivorischen Fussball Trainings Centers (CFIF) in Ajame. Agnero, der in Paris lebt, fliegt jedes Jahr mehrmals nach Abidjan, um die Teilnahme seiner Fussballer am Norway Cup sicherzustellen. 2008 stellte er 22 Visaanträge für Jugendliche, die nach seiner Aussage «unter 19 Jahre alt sind», wie das die Regeln des Norway Cup vorschreiben. «Ich unterhalte eine Wohltätigkeitsorganisation», sagt Agnero. «Flugtickets, Visa, Teilnahmegebühren, Unterkunft – alles bezahle ich aus meiner Tasche. Die Eltern kostet das keinen Cent. Aber wenn ein Kind in Norwegen Erfolg hat, dann macht das die Familie und mich glücklich.»

An Agneros Aussagen darf gezweifelt werden. Der Norway Cup arbeitet mit einer Reihe von Organisationen zusammen, die für Flugtickets, Verpflegung und Unterkunft in Oslo aufkommen. Agnero bezahlt nichts dafür. Statt Wohltätigkeit dürfte hinter Agneros Engagement vielmehr die Aussicht auf hohe Gewinne stehen. Er ist damit nicht allein. Nach Agneros eigenen Aussagen waren 2008 in Oslo Talentspäher aus 45 Ländern vor Ort. «Ein Jugendlicher, der am Norway Cup entdeckt wird, kann bis zu einer halben Million Euro einbringen», so Agnero. «Und falls er jünger ist als 18, so werden seine Eltern nach Europa eingeladen, um für ihn den Vertrag zu unterschreiben.»

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Solche Geschichten sind fast zu schön, um wahr zu sein. Claude Mbouvin kennt die Kehrseite der Medaille. Der ehemalige kamerunische Nationalspieler gründete im Jahr 2000 die Non-Profit-Organisation «Culture Foot Solidaire». Ziel der in der Nähe von Paris angesiedelten Organisation ist es, junge Afrikaner zu unterstützen, die als Fussballspieler nach Frankreich gebracht wurden, dann aber fallengelassen wurden. «Wir sprechen von einer modernen Art von Sklavenhandel», sagt Mbouvin. «Viele der Jugendlichen, die von Spieleragenten ins Land gebracht werden, sehen nicht einmal das Innere eines Klubhauses.» Rund 600 Fälle von gestrandeten jugendlichen Fussballern hat Culture Foot Solidaire allein in Paris dokumentiert. In ganz Frankreich dürften es nach Schätzungen rund 7000 sein.

Am Ende, so berichtet Mbouvin, lebten die Jugendlichen irgendwo: «Manche finden Unterschlupf in einer Kirche. Die meisten sind obdachlos, und 95 Prozent von ihnen haben keine Papiere. Viele sind noch nicht 18, und um zu überleben, werden sie kriminell, oftmals, indem sie Autos stehlen. Manche arbeiten ohne Bezahlung in Lagerhäusern. Aber die meisten leben lieber so, als nach Hause zurückzukehren. Das würde bedeuten, die Niederlage einzugestehen.»

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Wie schwer dies fällt, zeigt das Beispiel eines jungen ivorischen Talents, das statt bei einem grossen europäischen Klub auf der Strasse landete: Statt seinen Eltern in der Elfenbeinküste die Wahrheit zu berichten, kaufte er sich ein Jersey des französischen Klubs Paris St. Germain, liess seinen Namen darauf prägen und schickte es nach Hause. Bis heute glauben seine Eltern daran, dass ihr Sohn unmittelbar vor dem Durchbruch in einer grossen europäischen Liga steht.

Der Autor

Der Journalist Eric Mwamba stammt ursprünglich aus der Republik Kongo und hat sich in Afrika einen Namen als engagierter Rechercheur gemacht.

Übersetzung und Bearbeitung: Thomas Angeli

Quelle: Thinkstock Kollektion
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