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Sehnsuchtsort SchweizZwei Familien erzählen von ihrer Flucht

Zwei Familien erzählen von ihrer Flucht
Bild: Getty Images

Sie flüchten aus der Hölle, finden auf abenteuerlichen Wegen in die Schweiz und glauben sich im Paradies. Doch in ihren Köpfen haben sich Bilder eingebrannt, die sie zurücklassen wollten. Eine Familie aus Syrien und eine Familie aus Tschetschenien erzählen ihre Geschichte.

von Otto Hostettler

Familie 1: Von Syrien in den Berner Jura

Farida S.* (Mitte) sitzt im Aufenthaltsraum des Durchgangszentrums Reconvilier im Berner Jura. Ihre dunklen Augen blicken müde durch die braunen Haare, ihre Hände kreisen, ihre Worte schildern, was sie in den letzten Wochen, Monaten und Jahren erlebt hat. Das Grauen und die Not brauchen wenige Worte.

Mit ihren drei Kindern, sieben-, vier- und dreijährig, ist ­Farida Anfang September in die Schweiz geflüchtet. Die 33-jäh­rige Kurdin war wie Tausende andere unterwegs: Kinder im Arm und an der Hand, durchnässt, mit leerem Magen. Ein Schicksal, wie es allabendlich in erschütternden Bildern über die TV-Schirme flimmert.

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*Name geändert

Familie 2: Von Tschetschenien in den Aargau

Das Leben von Schovchal (links) und Tamila I.* hat sich mit dem 6. September 2001 fundamental verändert. Damals hielt ein Lastwagenfahrer in Zürich an, und die beiden stiegen mit ihren vier Kindern aus. Sie wussten nicht, in welchem Land sie waren.

Sechs oder sieben Tage zuvor waren sie in Inguschetien im russischen Nordkaukasus in den geschlossenen Laderaum des Transporters gestiegen. Das Ziel hiess nur: «Westeuropa». Die Fahrt kostete 4000 Dollar – plus Uhren und Schmuck. Zuvor hatten sie bereits 500 Dollar gezahlt, um an der Grenze einen russischen Kontrollposten gefügig zu stimmen. Anders hätten sie ihr Land nicht verlassen können.

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*Name der Redaktion bekannt

Familie 1: Von Syrien in den Berner Jura

Farida S.* sitzt im Aufenthaltsraum des Durchgangszentrums Reconvilier im Berner Jura. Ihre dunklen Augen blicken müde durch die braunen Haare, ihre Hände kreisen, ihre Worte schildern, was sie in den letzten Wochen, Monaten und Jahren erlebt hat. Das Grauen und die Not brauchen wenige Worte. Mit ihren drei Kindern, sieben-, vier- und dreijährig, ist ­Farida Anfang September in die Schweiz geflüchtet. Die 33-jäh­rige Kurdin war wie Tausende andere unterwegs: Kinder im Arm und an der Hand, durchnässt, mit leerem Magen. Ein Schicksal, wie es allabendlich in erschütternden Bildern über die TV-Schirme flimmert.

Sie gebar, als der Krieg begann

Ihre Erzählung katapultiert die Bilder von zerbombten Häusern in Syrien und von ungarischen Grenzpolizisten, die Flüchtlinge mit Pfefferspray und Gummiknüppeln zurückdrängen, in die heile Schweiz. Farida lebte mit ihren Kindern im Vorraum der Hölle, in Aleppo. Die nordsyrische Stadt war einst eine blühende 2,5-Millionen-­Metropole, zweitgrösste Stadt des Landes. Hier lebten Mus­lime – Araber, Kurden, Turkmenen – gemeinsam mit Christen – Aramäern und Armeniern. Als der Krieg am 30. August 2012 auch auf Aleppo überschwappte, gebar Farida ihr jüngstes Kind.

Eine Woche später flüchtete sie mit ihrer ­Familie aus der Stadt. Der Krieg war da, Bomben schlugen in Häuser ein, auch die berüchtigten Fassbomben von Assads Regierungstruppen, ganze Strassenzüge brannten nieder. Inzwischen ist ein grosser Teil der Bevölkerung aus Aleppo geflohen, die Stadt gleicht einer Ruine. Faridas Familie kam bei Angehörigen ihres ­Mannes ­unter, anderthalb Autostunden von Aleppo entfernt.

«Wir werden hier in der Schweiz sehr respektvoll behandelt.»

Farida S.*

Dann der nächste Schlag: «Eines Tages ist mein Mann nach der Arbeit nicht mehr nach Hause gekommen.» Seit zwei Jahren hat sie nichts mehr von ihm gehört. Auch ihre Schwiegereltern haben den Kontakt zu ihrem Sohn verloren.

Es war die Zeit, als Menschen grundlos verschleppt und um­gebracht wurden. Faridas Mann war weder politisch aktiv, noch gehörte er einer Partei an. Er war Musiker und organisierte Familienfeste, Hochzeiten, Beschneidungen. Doch auch Faridas Fluchtort in Syrien wurde zwischen Rebellen und Regierungstruppen zerrieben, die Häuser brannten auch hier. «Es war unmöglich, dort zu leben», sagt sie.

Die Strassenszenen von damals bleiben als Bilder in ihrem Kopf – bis heute: Männer mit langen Bärten schlachten Menschen ab, enthaupten sie. Irgendwann letztes Jahr entscheidet die Frau, in die Türkei zu reisen. Ihre Schwester im Libanon schickt ihr Geld für die Flucht. Sie fährt mit Fremden im Auto bis in die Nähe der türkischen Grenze. Zu Fuss ­erreichen sie das Nachbarland. ­Farida löst ein Ticket und reist zu ihrem Bruder nach Istanbul. Dort arbeitet sie sieben Monate lang als Schneiderin, die älteste Tochter Engil passt derweil auf die beiden Kleinen auf. Die Zustände sind unhaltbar, Farida will weiter, in die Schweiz. Sie hat eine Freundin aus früheren Zeiten, die seit vier Jahren in der Nähe von Zürich lebt.

«Männer mit langen Bärten schlachten Menschen ab, enthaupten sie.»

Mit drei Kindern im Schlauchboot

Mit dem Bus fährt die Familie nach Izmir, organisiert sich ­einen Platz auf einem Schlauchboot. Um fünf Uhr morgens geht es los. 41 Personen sind auf dem Boot, Familien mit Kindern. Zweieinhalb Stunden dauert die Überfahrt, 2000 Dollar für sich und die drei Kinder kostet sie. Dazu 1000 Dollar für die 15-jährige Tochter ihrer Schwester, die mitreist. Wohin das Schlauchboot fährt, weiss Farida nicht mehr. Vermutlich landen sie auf der griechischen Insel Lesbos. «Ich hatte nicht Angst um mich, sondern um die Kinder.»

Im Bus fahren sie später Richtung mazedonische Grenze. Hier werden sie zurückgewiesen. Nach sechs Stunden Fussmarsch schaffen sie den Übertritt doch. Per Bahn, Bus und im Auto von Schleppern geht es durch Serbien bis an die ungarische Grenze. Und immer kassiert einer ab. Die Familie wird aufgegriffen und in einer Zeltstadt parkiert. «Es regnete, es war kalt, wir hatten keine trockenen Kleider mehr, es war unmenschlich.»

Wenige Tage später landet sie in einem Vorort von Budapest – in einem Gefängnis. Es folgte ein längeres Registrierungsprozedere und schliesslich die schriftliche Auf­forderung, das Land zu verlassen. Heute sagt sie: «In Ungarn erlebten wir die schwierigste Zeit der ganzen Reise.»

Für 900 Dollar fuhr ein Schlepper sie nach Deutschland, sie weiss nicht mehr, wo sie ausstiegen. ­Fa­rida spricht in kurzen Sätzen. Stakkato. Kalt wie ein Protokoll – Selbstschutz durch Kälte. Ihr Tonfall verändert sich, wenn sie die Kinder in den Arm nimmt.

«Farida spricht in kurzen Sätzen. Stakkato. Kalt wie ein Protokoll – Selbstschutz durch Kälte.»

Nachts um halb eins in Kreuzlingen

Mit dem Zug kamen sie nach Konstanz und marschierten nachts um halb eins zum Schweizer Zoll nach Kreuzlingen. «Die Polizei war freundlich, menschlich», sie werden ins Aufnahmezentrum des Bundes verwiesen, der Behörden­parcours beginnt. Farida weiss nicht, dass Flüchtlinge in der Schweiz zuerst in einem Bundeszentrum sind und von dort in ­kantonale Durchgangszentren ­gelangen – und erst später einer Gemeinde zugeteilt werden. Sie möchte zu ihrer Bekannten nach Zürich und versteht nicht, wieso das nicht geht. Und doch sagt sie: «Wir werden hier sehr respektvoll behandelt.»

Seit wenigen Tagen ist die Frau mit den Kindern im Berner Jura. Es gibt wenig, um sich die Zeit zu vertreiben. Sie sitzen oft in ihrem Zimmer. Den Kleinen sagt sie: «Eines Tages gehen wir wieder nach Hause.» Sie weiss, dass das nicht stimmt. Farida hat keine Vorstellung von ihrem neuen Leben, sie weiss nichts über das Land, in dem sie ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Kinder sieht. Und doch ist sie voller Hoffnung. «Ich will arbeiten, für mich selber sorgen, ich will nicht auf die Hilfe ­anderer angewiesen sein.» Sie hat Mühe, ihre Gefühle zu ordnen. «Ich will etwas leisten für die Hilfe, die ich erhalten habe.» Farida träumt von einer Wohnung mit ­einem Kinderzimmer, davon, dass ihre Kinder die Schule besuchen können.

Dann lässt sie die Schultern ­fallen, wirft die Hände ins Gesicht, spricht von ihrem verschwundenen Mann, dem brennenden Haus. Der Alptraum ist zurück.

*Name geändert

Familie 2: Von Tschetschenien in den Aargau

Das Leben von Tamila und Schovchal I.* hat sich mit dem 6. September 2001 fundamental ver­ändert. Damals hielt ein Lastwagenfahrer in ­Zürich an, und die beiden stiegen mit ihren vier Kindern aus. Sie wussten nicht, in welchem Land sie ­waren. Sechs oder sieben Tage zuvor waren sie in Inguschetien im russischen Nordkaukasus in den geschlossenen Laderaum des Transporters gestiegen. Das Ziel hiess nur: «Westeuropa». Die Fahrt kostete 4000 Dollar – plus Uhren und Schmuck. Zuvor hatten sie bereits 500 Dollar ­gezahlt, um an der Grenze einen russischen ­Kontrollposten gefügig zu stimmen. Anders hätten sie ihr Land nicht verlassen können.

Es war die Zeit, als Tschetschenien in den Wirren des zweiten Krieges versank. Frühere Guerillakämpfer, die zuvor gegen die russische Besatzung gekämpft hatten, etablierten ihre ­eigenen Machtstrukturen – von Moskau toleriert. Bekannte und Verwandte verschwanden über Nacht und wurden in sogenannte Filtrationslager gesteckt. Die Angehörigen durften sie dann wieder freikaufen, aber erst nachdem die Betroffenen unter menschenunwürdigsten Zuständen auf prorussischen Kurs getrimmt worden waren. Wenn sie bei den Torturen ums Leben kamen, mussten die Familien den Schergen die Asche der Verstorbenen abkaufen.

Die Einschüchterungen der Schergen wirken bis heute. Familie I. will nicht mit vollem Namen genannt werden.

«Ich vermisse mein Land. Aber es ist ein Land, das es so gar nicht mehr gibt.»

Schovchal I.*

Im ersten Tschetschenienkrieg brannten ­russische Truppen die Hühnerfarm der Familie nieder, im gleichen Jahr starb der fünfjährige Sohn bei einem Raketenangriff. Im zweiten Krieg nach 1999 wurde es noch schlimmer. Das Nachbardorf wurde regelrecht niedergewalzt, ein Drittel der Bevölkerung ermordet, der Rest vertrieben. Tamila kümmerte sich als Krankenschwester um Verwundete – und machte zwischen Freund und Feind keinen Unterschied. Immer wieder standen nachts russische Soldaten im Haus, mal plünderten sie, mal demütigten sie, mal drohten sie. Als Tamila und Schovchal einen Tipp erhielten, sie würden als Nächste verschleppt, verlies­sen sie überstürzt ihr Dorf.

14 Jahre später sitzen sie im Wohnzimmer ­ihres Hauses am Dorfrand ­einer Aarauer Vorortsgemeinde. Rotes Sofa, adrette Wohnwand, grossflächiger TV – ein gutbürgerlicher Schweizer Haushalt. Im Garten wachsen Kürbisse und Tomaten. «Wir sind glücklich, hier zu sein», sagt Tamila. Die Kinder sind erwachsen, drei der vier sind bereits eingebürgert. Der 21-jährige Sohn hat gerade die Rekrutenschule absolviert, als Infanterist. Die 23-jährige Tochter arbeitet als Mediamatikerin, die 20-jährige wird Elektroplanerin und ist in der örtlichen Feuerwehr engagiert. Die Jüngste ist 17 und möchte Fachangestellte Kinder­betreuung lernen.

Auf dem Stubentisch liegt das Gemeindeblatt für die Gemeindeversammlung vom letzten ­November. Unter Traktandum 5b ist die Einbürgerung von Tamila und Schovchal aufgeführt. Die Einbürgerung ist eine Formsache, sie sind gut verankert im Dorf, und sie passierten den Test problemlos. Tamila erreichte im Sprachtest das Punktemaximum, in Staatskunde 97 Prozent. Ihr Mann kam im Sprachtest immerhin auf 75, in Staatskunde auf 84 Prozent.

Erst aufs Matterhorn, dann auf den Monte Rosa

Ihr Rezept, die Bilder des Krieges in der Heimat aus dem Kopf zu bringen, hiess: Arbeit. Anfänglich machten sich beide unentgeltlich nützlich. Sie im Altersheim, er in einer Metzgerei. Dann fand Schovchal einen Job bei einem Autoimporteur. Tag für Tag fährt er neu angelieferte Autos vom Transportzug auf den nahen Parkplatz – und geht zu Fuss zum Autozug zurück, um das ­nächste Fahrzeug zu parkieren. Zwischen 55 und 65 Autos jeden Tag, seit elf Jahren. «Ich liebe ­meine Arbeit», sagt er. Seine Augen glänzen.

Als sie den Tipp erhalten, sie würden als Nächste verschleppt, fliehen sie.

Ihn, der in den Bergen Tschetscheniens auf­gewachsen ist und harte körperliche Arbeit gewohnt war, reizte in der Schweiz die sportliche Herausforderung. Am 23. Juli 2008 stand er am Fuss des Matterhorns und sagte seinem Berg­führer: «Dieser Berg ist kein Problem für mich.» Der Bergführer schüttelte den Kopf. Wenige Stunden später stand Schovchal oben. Fünf Jahre darauf stand er auf dem Monte Rosa.

Die Kinder kennen nur eine Heimat – die Schweiz

Schovchal lief seinen Erinnerungen davon, Marathons, Volksläufe, Grand Prix von Bern. Wenn er körperlich an Grenzen ging, ging es ihm gut.

Auch Tamila ist zur Ruhe gekommen, allerdings unfreiwillig. Vor vier Jahren sagte der Arzt zu ihr: «Sie wollen alles verdrängen.» Die damals 41-Jährige war kollabiert. Neben der Arbeit zu Hause hatte sie die Ausbildung zur Betagten­be­treu­erin abgeschlossen und arbei­tete in einem Heim. Sie war ausgebrannt. Die Vergangenheit holt sie immer wieder ein. «Wir können nicht vergessen, was wir erlebt haben», sagt sie. «Mein Körper will nicht mehr.» Irgendwann, hofft sie, sind die diffusen Schmerzen in den Muskeln weg. Beide sagen, sie schliefen normal. Und dann korrigieren sie sich gegenseitig: Der andere leide bis heute unter Schlafstörungen.

Ihr Rezept, die Bilder des Krieges aus dem Kopf zu bringen, heisst: Arbeit.

Die Kinder kennen keine andere Heimat als die Schweiz. Schovchal: «Hier im Dorf ist mir wohl. Aber meine Heimat ist Tsche­tsche­nien.» Doch eines ist klar: «Ich werde nie mehr zurückkehren können.» Er zeigt auf dem Handy das Bild eines Steinturms, fotografiert ab einem alten ­Foto – der Turm seiner Vorfahren, seit 24 Generationen in Familienbesitz. Seine Stimme wird tief und rau, seine Augen werden hart. Er spricht vom vergessenen Krieg in Tsche­tschenien, der auf der Krim und in der Ukraine wiederholt wurde. Tamila sagt: «Meine Heimat ist da, wo meine Kinder zu Hause sind.» Zugleich wirkt sie in sich gekehrt: «Ich vermisse mein Land, aber es ist ein Land, das es so gar nicht mehr gibt.»

Trotzdem strahlen Tamila und Schovchal, ­obschon es in ihrem Innern anders aussieht. «Auch mit Glück kann man das Erlebte nicht ­vergessen», sagt sie. Es ist die Sehnsucht nach der eigenen Geschichte, die ihr die Tränen in die ­Augen treibt: «Einmal, nur einmal möchte ich ‹zu ­Hause› das Grab meines Sohnes besuchen.» Der Blick ihres Mannes wandert unter den Tisch. ­Einen ­Moment später lachen sie wieder: «Als Ausländer wurden wir in der Schweiz nie schlecht behandelt. Kein einziges Mal.» Bald sind sie keine Ausländer mehr – in Tagen oder ­Wochen soll er eintreffen, der Schweizer Pass.

*Name der Redaktion bekannt

Veröffentlicht am 2015 M10 27