15_00_bp_kinder.jpgDer Geschäftsführer des Pestalozzi-Kinderdorfs in Trogen AR wiegelt ab. «1999 war für uns ein Ubergangsjahr», sagt Christoph Tanner. «Wir brauchen für die notwendigen Veränderungen etwas länger Zeit, als ich angenommen habe.»

Das ist die rosarote Sicht der Dinge. Schon vor einem Jahr hat der Beobachter die Geschäftsführung des Kinderdorfs unter die Lupe genommen (siehe Titelgeschichte 14/99). Das Resultat war vernichtend: In Trogen werden immer weniger Kinder für immer mehr Geld betreut; allein die Betreuerlöhne fressen einen Grossteil des Budgets auf. Ein Blick auf die Zahlen der Jahresrechnung 1999 zeigt: Die Situation hat sich sogar noch verschärft.

Das schwach ausgelastete Kinderdorf verursachte einen Aufwand von 8,4 Millionen Franken fast eine Million mehr als im Jahr zuvor. Gleichzeitig sanken die Betriebseinnahmen von 469000 auf 321000 Franken.

Die Löhne und Personalnebenkosten nahmen gegenüber 1998 um acht Prozent auf 7,3 Millionen Franken zu. Vakante Kaderstellen seien letztes Jahr neu besetzt worden, lautet die Erklärung.

Das Umlaufvermögen wuchs um über eine Million auf 15,5 Millionen Franken. Die Stiftung hat fast ein Jahresbudget auf der hohen Kante.

Die direkte Hilfe im Ausland blieb mit 3,97 Millionen Franken (1998: 3,3 Millionen) vergleichsweise bescheiden.

Um die überalterte Spenderstruktur zu erneuern, wurde die Werbung massiv verstärkt. In Mittelbeschaffung, Kommunikation und Information investierte man über drei Millionen Franken fast doppelt so viel wie 1998. Die Spenden, Legate und Beiträge sprudelten mit 17,4 Millionen Franken zwar reichlicher (1998: 14,6 Millionen), doch das Kosten-Nutzen-Verhältnis hat sich weiter verschlechtert.

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Zum peinlichen Flop geriet die geplante Benefizgala im noblen Zürcher «Dolder Grand-Hotel». Dort sollten 450 finanziell potente Persönlichkeiten ihre Herzen und Portemonnaies für die Kinderdorf-Kinder öffnen. Doch die aufwändige Einladung samt CD und aufgeklebtem echtem Franken stiess sauer auf und die Gala wurde abgeblasen. Kinderdorf-Chef Christoph Tanner nimmts gelassen: «Viele der Eingeladenen haben trotzdem gespendet.»

Klar, dass Tanner lieber nicht mehr über das strube letzte Jahr sprechen will, sondern die aktuellen Veränderungen in den Vordergrund rückt. So wurde beschlossen, zwei der drei Standorte die Auslandshilfe in Freiburg und das Stiftungssekretariat in Zürich bis 2002 zu schliessen und die Stiftung in Trogen zu konzentrieren. Das Nebeneinander hat in den letzten Jahren viel Spendergeld verschlungen.

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Reform soll Besserung bringen

«Bis 2004 werden wir die Mittel für die Auslandshilfe um 50 Prozent erhöhen», sagt Tanner. Während es sich hierbei erst um eine Absichtserklärung handelt, ist im Inland die erste Reformetappe bereits konkret: Mit der Schweizerischen Pflegekinder-Aktion, der Schweizerischen Fachstelle für Adoptionsfragen und einem CVJM-Freizeitangebot für St. Galler Kinder und Jugendliche sind Partnerschaften fixiert, ebenso mit dem Winterthurer Valentina-Projekt für Mütter aus Sri Lanka. Weitere Projekte ausserhalb der Dorfgrenzen von Trogen stehen kurz vor dem Abschluss.

Klotz am Bein der Stiftung bleibt indes das ehemalige Vorzeigeobjekt, das Kinderdorf. Die Idee, Kriegswaisen im Appenzeller Schonklima aufzupäppeln, hat sich längst überholt. Geblieben ist jedoch die teure Infrastruktur mit zwei Dutzend Appenzeller Häusern, einer Schule und Gemeinschaftsräumen. Mit 40000 Aufenthaltstagen von Kindern, Jugendlichen, Flüchtlingen und Betreuern war das Kinderdorf 1999 ungenügend ausgelastet.

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Die Fixkosten sind zu hoch

Rund vierzig Kinder und Jugendliche wohnen noch das ganze Jahr über in den «multikulturellen Wohngemeinschaften». Die Pro-Kopf-Kosten von etwa 100000 Franken sind sehr hoch. Noch nie wurde mit so viel Geld so wenigen Kindern geholfen wie in den letzten Jahren.

«Das Kinderdorf bleibt eine teure Angelegenheit mit hohen Fixkosten. Das schleckt keine Geiss weg», gibt Christoph Tanner zu. Der Umbau müsse sozialverträglich für Betreute und Betreuer erfolgen. Statt auf multikulturelle Wohngemeinschaften will man künftig auf weniger personalintensive Pflegefamilien setzen und das Dorf auch wieder mit mehr Leben füllen. Tanner: «Doch das geht nicht von heute auf morgen.» Und so dürften noch einige Millionen unnötig verpuffen.

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