Tiana Moser reichts. «Ganze Bachabschnitte sind faktisch tot, weil die Pestizidgrenzwerte systematisch überschritten werden», sagt die grünliberale Nationalrätin. «Wir haben wegen der Pestizide ein Insektensterben Insekten Das stille Sterben und dadurch ein Vogelsterben. Das ist auch ein Resultat unserer Subventionspolitik in der Landwirtschaft. Das ist völlig absurd. Es gibt einen eklatanten Handlungsbedarf.»

Wenn eine Insektenart einmal ausgestorben ist, könne man sie nicht einfach wieder ansiedeln, erklärt die Zürcher Umweltwissenschaftlerin. Sie werde die Trinkwasser-Initiative unterstützen, wenn im September im Stände­rat kein Gegenvorschlag durchkomme. Abgestimmt wird zwar voraussichtlich erst im nächsten Jahr, doch die Bauern ­haben ihre Gegenargumente bereits auf Hunderten Äckern platziert.

«Ein akut toxisches Risiko»

Tiana Moser beeindruckt das nicht. Studien hätten klar bewiesen, dass die Land­wirt­schaft ein Pestizidproblem habe. Die Akademien der Wissen­schaften Schweiz zeigten im April den massiven Rückgang der Insekten: Dafür ver­ant­wortlich sei auch «die intensive Land­nutzung mit ihrem grossen Einsatz von Pestiziden».

Das ETH-Wasser­for­schungs­institut Eawag berichtete ebenfalls im April, dass in fünf ländlichen Bächen 66 Pestizide die Grenzwerte überschreiten. Für Pflanzen und Tiere im Wasser habe «ein akut toxisches Risiko» bestanden. Und das Bundesamt für Umwelt meldete im August, dass das Grundwasser an jeder zweiten Mess­stelle Spuren von Pestiziden enthält.

Gehören Wiesen und Weiden zur Landwirtschaftsfläche?

Beim Bundes­amt für Landwirtschaft reagiert man auf die schlechte Publi­city genervt. Man werde dauernd kritisiert, obwohl man viel gegen Pestizide unternehme, sagen Mitarbeitende. Bereichsleiter Olivier Félix sagt, dass der Bund mit dem Aktionsplan Pflanzenschutzmittel Pestizide Gefahr in der Luft unzählige Einzelmassnahmen umsetze, die den Pestizidverbrauch senken sollen.

Auch den Vergleich mit dem Ausland müssten die Schweizer Bauern nicht scheuen: «In der Schweiz werden pro Hektare landwirtschaftliche Nutzfläche weniger Pestizide gebraucht als in umliegenden Ländern.» Mit ­einem Balkendiagramm will Olivier Félix beweisen, dass die Schweizer Land­wirte weniger Gift auf Äcker und Wiesen sprühen als ihre Kollegen in Frankreich und Deutschland.

Anzeige

Doch der Vergleich des Bundesamts sei «nicht aussagekräftig», sagt ETH-Professor Robert Finger. Das liegt auch am fragwürdigen Rechenmodell. So zählt das Bundesamt Wiesen und Weiden zur Landwirtschaftsfläche, obwohl dort wenig bis gar keine Pestizide gespritzt werden. Dadurch steht das Wiesenland Schweiz automatisch besser da als die Nachbarländer. Mit seiner Berechnung macht das Bundesamt Irland zum Musterschüler. Weil 90 Prozent des irischen Landwirtschaftslands Wiesen und Weiden sind, weist es so gesehen den geringsten Pestizidverbrauch pro Hektare in Europa auf.
 

«Das Bundesamt für Landwirtschaft verharmlost die Gefahren, die in der Schweiz durch den Pestizideinsatz entstehen.»

Andreas Bosshard, Agrar­­öko­loge


Die Statistik sei völlig korrekt, verteidigt sich das Bundesamt. «Es gibt halt nur wenige Daten, die international vergleichbar sind. Diese nehmen wir und machen eine einfache Division. Das ist absolut zulässig», sagt Bereichsleiter Félix. Zudem sei in der Statistik deklariert, dass in der Schweiz der Anteil Wiesen und Weiden proportional grösser sei als in den Nachbarländern und dass darauf weniger Pestizide ausgebracht würden.

Aus miserablen Daten werden halbe Wahrheiten

Den Agrar­­öko­logen Andreas Bosshard überzeugt das nicht. «Das Bundesamt für Landwirtschaft verharmlost mit solchen Vergleichen die Gefahren, die in der Schweiz durch den Pestizideinsatz entstehen. Es spielt eine tendenziöse Rol­le.»

Der Bio-Obstbauer ist Geschäftsführer des Vereins Vision Land­wirt­schaft, der sich für nachhaltigere Anbaumethoden einsetzt. «In der Schweiz sind Pestizide verhältnismässig günstiger als anderswo. Die Hemmschwelle ist kleiner, lieber etwas zu viel als zu wenig Pestizide einzusetzen», so Bosshard.

Anzeige

Es sei tatsächlich schwierig, den Pestizidverbrauch international zu vergleichen. Das hänge mit der miserablen Datenlage zusammen. «Sie ist in der Schweiz viel schlechter als in den meisten EU-Staaten, wir sind hier auf einem Drittweltniveau.»
 

1000 Tonnen verkaufte Pestizide verschwinden jedes Jahr in der Schweizer Landschaft, ohne dass sie in der Statistik auftauchen.


So weiss niemand, wie viel Pestizide die Schweizer Bauern wirklich spritzen. Zwar melden knapp 300 Bauern ihre Verbrauchsdaten dem Bund freiwillig; er rechnet daraus den landesweiten Pestizidverbrauch für den Anbau von Weizen, Äpfeln oder Kartoffeln hoch. Doch mit dieser Methode können die Behörden nur ungefähr die Hälfte des Schweizer Pestizidabsatzes erklären. Rund 1000 Tonnen verkaufte Mittel verschwinden jedes Jahr auf den Feldern, ohne dass sie in der Statistik auftauchen. Das bestätigt die eidgenössische Forschungsanstalt Agroscope.

Die Daten sind zudem lückenhaft und zeigen möglicherweise einen viel zu tiefen Verbrauch. Zum Gemüse­anbau fehlen die Angaben ganz – dort werden besonders viele Pestizide eingesetzt.

Bei Weinreben basiert die ­landesweite Hochrechnung auf nur 15 Meldungen. Darunter ist kein einziger Winzer aus dem Wallis, obwohl dort Pestizide oft grossflächig per Helikopter versprüht werden. Das Bundesamt für Land­wirt­schaft will nun mehr Bauern dazu bringen, ihren Verbrauch zu melden, damit man repräsentative Aussagen für alle Kulturen machen kann.

Dänemark macht gute Pestizidpolitik vor

«Die Schweiz hat Wissenslücken bei Pflanzenschutzmitteln», bestätigt ETH-­Professor Robert Finger. Der Bund wisse zwar, welche Bäche mit Pestiziden verunreinigt Wasserqualität «Was heisst das für unser Trinkwasser?» seien, aber nicht, was die Bauern wo spritzten. Man wolle zwar mit dem Aktionsplan Pflanzenschutzmittel die Risiken des Pestizideinsatzes für Mensch und Umwelt um 50 Prozent senken, doch zugleich ­könne der Bund diese Risiken gar nicht klar quantifizieren. «Dazu fehlen die Daten.» Ob das Senkungsziel je erreicht wird, kann also niemand messen.

Anzeige

Nur mit einer zentralen Datenbank könne man eine gute Pestizidpolitik betreiben, sagt Finger. Wie etwa in Dänemark, wo jeder Bauer seine Sprühprotokolle dem Umweltministerium elek­tronisch übermittelt. Diese Daten gibt es zwar auch in der Schweiz, nur inte­ressiert sich niemand wirklich für sie.

So muss zwar jeder Bauer im so­genannten Feldkalender festhalten, welches Pes­tizid er in welcher Menge wo ausbringt. Doch keiner tippt diese Angaben in eine App, die die Daten national verknüpfen würde. Die meisten Landwirte kritzeln ihre Sprühdaten von Hand in ein Buch, das nie zentral ausgewertet wird. Allerdings würde erst das zeigen, in welchen Regionen und bei welchen Kulturen das Ri­siko durch Pestizide am grössten ist.

Das Bun­des­amt für Land­wirt­schaft plant dennoch nicht, die vorhande­nen Daten landesweit aus­zu­werten – trotz fortschreitender Digitalisierung der Landwirt­schaft.

Verhärtete Fronten: Bauernverband im Kampfmodus

Dass Bauern neuen Techniken gegenüber sehr aufgeschlossen sind, wird beim «Feldabend» der Firma Tscharner Farm-­Ser­vice im bündnerischen Domat/Ems klar. Präsentiert werden Landmaschinen der neusten Genera­ti­on, samt Touchscreen und GPS. Nach Bratwurst und Bier gibt es zum Dessert noch eine Runde Poli­tik – allerdings eine, die nicht nach dem Geschmack der Anwesenden ist.

Es bleibt totenstill in der zur Festhütte umfunk­tionierten Remise, als Fran­ziska Herren die  Bühne betritt. Ungerührt trägt die Initiantin der Trinkwasser-Initiative ihre Argumente für einen besseren Schutz der Gewässer vor:


Nach zehn Minuten setzt Gemurmel ein. In den hinteren Reihen stehen Einzelne auf und gehen zum Bierstand.

Anzeige

Dass es Franziska Herren vor diesem Publikum schwer hat, hat auch mit dem Schweize­r Bauern­verband zu tun, der schon seit ­Monaten im Kampfmodus ist. Er stilisiert die Abstimmung zu einem Verdikt über Sein oder Nichtsein der Bauern und setzt entsprechende Mittel ein. ­Allein für die laufende Vorkampagne nimmt der Bauernverband nach eigenen Angaben eine Million Franken in die Hand – obwohl die zwei Initiativen im Parlament noch nicht einmal zu Ende beraten sind. Dass der Bauern­ver­band so früh so viel Geld einsetzt, hat einen einfachen Grund: Er will nicht bloss die Initiativen, sondern auch einen Gegenvorschlag dazu verhindern.

Pestizidverzicht sichtbar machen

«Wir schützen, was wir lieben», verkünden grosse Plakate auf unzähligen Feldern seit Monaten. Ursprünglich plante der Bauern­verband eine noch härtere Kampagne: Auf sogenannten Nullparzellen sollten Landwirte zwar ansäen, aber dann auf jegliche Pflege verzichten, um drastisch vor Augen zu führen, zu welchen Einbussen ein Verzicht auf Pestizide führe. Nach Protesten von Mitgliedern blies der Bauernverband die Kampagne ab.

Dass diese Plakate nun trotzdem vor bewusst vernachlässigten Parzellen stehen, verantwortet die IG Bauern­Unternehmen, die dieselbe Idee hatte. «Wir müssen doch zeigen, was bei einer Annahme der Initiativen passieren würde», sagt Präsident Samuel Guggisberg. Damit wolle man «mit den Leuten ins Gespräch kommen».

Die IG steht sinnbildlich für den Kampf gegen die beiden Initiativen. Sie ist zwar Mitglied in der vom Bauern­verband gegründeten Allianz gegen die Volksbegehren, fährt aber einen Sonderzug. «Wir können so agiler und provokativer sein», erklärt Guggisberg.

Anzeige

«Ungeschützt» vs. «geschützt»

Kampagne auf Nullparzellen, um auf Pestizidverzicht aufmerksam zu machen

Umstrittene Kampagne: vom Bauernverband zurückgezogen, dann aber von einer anderen Lobbygruppe umgesetzt.

Quelle: ZVG

Teure PR-Profis und separate Kampagnen

Auch die IG Zukunft Pflanzenschutz setzt auf eine eigene Kampagne. Der Zusammenschluss der Gemüse- und Obstproduzenten, von Swisspatat, der Swiss Convenience Food Associa­tion und des Gärtnermeisterverbands JardinSuisse hat seinen Sitz bei der renommierten PR-Agentur Farner – nicht die billigste Adresse, wenn man eine Kampagne lancieren will. Über Finanzen mag Jimmy Ma­riéthoz, Geschäftsführer des Obst­verbands, jedoch nicht reden. Bisher habe man aber für die Kampagne vieles selber gestaltet.

Mit der Website Pflanzenschuetzer.ch engagiert sich auch Scien­ce­­industries gegen die beiden Initiativen. Der Zusammenschluss der Schweizer Agrochemiefirmen hält sich wie die anderen Organi­sationen bedeckt, was die finanziellen Mittel angeht. Man kläre zurzeit ab, ob und wie sich Scienceindustries engagieren werde. Zu einer allfälligen Kampagne könne man «zurzeit keine Angaben machen».

Anzeige

Der Kampf von Landwirtschaft und Industrie gegen die beiden Initiativen fängt für Schweizer Verhältnisse nicht nur ungewöhnlich früh an. Obwohl die Gegner alle dasselbe Ziel haben, sind sie für einmal nicht geeint, sondern fahren separate Kampagnen.

Die Landwirte am «Feldabend» in Domat­/­Ems brauchen keine Überzeugungsarbeit. Als der Moderator nach Franziska Herrens Referat in die Runde fragt, wer noch nicht wisse, wie er bei der Trinkwasser-Initiative abstimmen werde, geht keine einzige Hand nach oben. Nach einem Ja sieht es nicht aus.

Die Initiativen

Die Trinkwasser-Initiative sieht vor, dass Bauern nur noch Direktzahlungen erhalten, wenn sie keine Pestizide spritzen und nur so viele Tiere halten, wie ihr Land ernähren kann. Zudem dürfen sie nicht vorsorglich Anti­bio­tika verabreichen.

Die Pestizid-Initiative will den Einsatz von Pestiziden generell verbieten. Die Schweiz dürfte ausserdem nur pestizidfrei angebaute Waren importieren.

Die beiden Initiativen kommen voraussichtlich 2020 vors Volk.

«Die besten Artikel – Woche für Woche»

Thomas Angeli, Redaktor

Die besten Artikel – Woche für Woche

Der Beobachter Newsletter

Anzeige