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Breitere Strassen«Das setzt einen Teufelskreis in Gang»

Weil die Autos immer grösser werden, will der Bund die Strassen verbreitern. Verkehrsforscher Timo Ohnmacht hält diesen Ansatz für falsch – und fordert das Gegenteil.

«Breitere Strassen nehmen anderen Platz weg», sagt Verkehrssoziologe Timo Ohnmacht von der Hochschule Luzern.
von aktualisiert am 22. August 2018

Beobachter: Breitere Autos brauchen breitere Strassen: Was war Ihre erste Reaktion, als Sie von diesem Vorschlag hörten?
Timo Ohnmacht: Ich war überrascht und irritiert.

Beobachter: Warum?
Ohmacht: Es ist eine Rüstungsspirale, die damit in Gang gesetzt wird. Wenn nicht die Parkplätze und Strassen die Dimensionen der Autos begrenzen, legt die Automobilindustrie die Breite der Strassen fest. Der Vorschlag des Bundesamts für Strassen widerspricht zudem den Zielen, die das UVEK (Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation, Anm. d. Red.) für die Mobilität der Zukunft definiert hat.

Beobachter: In welchen Punkten?
Ohnmacht: Zum Beispiel soll der Verkehr raumschonend abgewickelt werden. Breitere Strassen mit ihrer Trennwirkung und Inanspruchnahme von Platz stehen meines Erachtens nicht mit diesem Ziel in Einklang.
 

«Breitere Bahnen setzten Anreize, die Geschwindigkeit zu erhöhen.»
 

Beobachter: Argumentiert wird mit der Sicherheit: Ist es nicht gefährlich, wenn immer breitere Autos zu wenig Platz haben?
Ohnmacht: Man kann das Thema Sicherheit auch anders betrachten: Wo es breitere Bahnen gibt, werden Anreize gesetzt, die Geschwindigkeit zu erhöhen. Zudem ist auf einigen «Stadtautobahnen» in Agglomerationen bereits heute 60 Kilometer pro Stunde erlaubt. Die Systemgeschwindigkeit wird erhöht und je schneller, desto höher die Unfallschwere. Dies betrifft auch die Unfallpartner, wie etwa Fussgänger und Velofahrer.

Beobachter: Wie kann man für mehr Sicherheit auf den Strassen sorgen? Autofahren lernen Von der Anmeldung bis zum Führerausweis
Ohnmacht: Durch Verlangsamung. So, wie das heute vielerorts geschieht, zum Beispiel in Tempo-30 Kommentar Warum es Tempo 30 braucht - und Begegnungszonen. Dort sorgen Verengungen oder Verkehrsinseln dafür, dass nicht zu schnell gefahren wird – also genau der gegenteilige Ansatz, als die Strassen zu verbreitern. Ich sehe keinen Grund, hier einen Paradigmenwechsel zu vollziehen.

Beobachter: Wenn man die Strassen breiter machen würde: Wem würde der Platz dafür weggenommen?
Ohnmacht: Allen, die nicht am Autoverkehr teilnehmen: Fussgängern und Velofahrern Motion abgelehnt Keine härteren Strafen für Velofahrer . Und wenn nicht ihnen, dann müssten man den Platz vom Siedlungsraum nehmen, also schattenspendende Bäume fällen, Parks und Schulhöfe verkleinern und so weiter. Wir sollten aber nicht noch mehr Flächen versiegeln, mehr Boden zubetonieren. In Zeiten des Klimawandels Klimawandel Warum handeln wir nicht? würden sonst die Städte noch stärker aufgeheizt.
 

«Selbstfahrende Autos werden dafür sorgen, dass noch mehr Leute automobil sind.»


Beobachter: Fakt ist aber, dass die Leute grössere Autos wollen. Muss sich das Verkehrssystem da nicht anpassen?
Ohnmacht: Das ist für mich die falsche Schlussfolgerung. Breitere Autos, breitere Strassen, breitere Parkplätze Verkehr Das grosse Parkplatz-Abc - indem man die Dimensionen für das Automobil vergrössert, setzt man einen Teufelskreis in Gang, der der Gesellschaft und der Umwelt schadet. Es ist hinreichend bekannt: Gemessen an den Verkehrsteilnehmenden nimmt das Auto die grösste Fläche ein.

Beobachter: Was für andere Lösungen schlagen sie vor, um die Probleme zu bekämpfen, die immer breitere Autos verursachen?
Ohnmacht: Das UVEK hat diese Lösungen oder Ziele bereits definiert: Wenn es auf den Strassen zu eng wird, soll die Leistungsfähigkeit der Strassen ausgeschöpft werden, bevor Ausbauten getätigt werden. Das heisst: den Verkehr von den Spitzenzeiten auf die Nebenzeiten verlagern, wenn es noch genügend Kapazitäten hat. Zum Beispiel durch Road-Pricing. Zudem sind die Nutzenden an den externen Kosten zu beteiligen; an den Kosten für Lärmschutz Lärmschutz Astra prellt Bürger um Lärmschutz , Umweltbelastung, Unfälle.

Beobachter: Muss man so einschränkend sein? Werden künftig nicht selbstfahrende Autos dafür sorgen, dass die Strassen sicherer sind und effizienter genutzt werden?
Ohnmacht: Diese Diskussionen sind zu technikoptimistisch und lenken von den aktuellen Verkehrsproblemen Verstopfte Strassen und überfüllte Züge Der Verkehrskollaps droht ab. Es wird eine Utopie geschaffen, in der alles «digital», «smart» und «optimiert» ist. Selbstfahrende Autos werden dafür sorgen, dass noch mehr Leute automobil sind: nämlich diejenigen ohne Führerschein, etwa Kinder und Jugendliche, oder auch Fahruntaugliche, wie Betrunkene, Kranke und Betagte.

Beobachter: Man kann also den Autoverkehr nur verringern, indem man das Angebot reduziert?
Ohnmacht: Ja. Ein Ausbau der Infrastruktur mit erhöhter Erreichbarkeit induziert Neuverkehr. Das ist vielfach bewiesen. Wer Strassen sät oder auch breiter dimensioniert, wird Verkehr ernten.


Prof. Dr. Timo Ohnmacht ist Verkehrssoziologe und Dozent im Bereich Verkehrspolitik an der Hochschule Luzern.

Wegen der Sicherheit – Bund will breitere Strassen

Die Schweizer Strassen sind nicht mehr sicher, sagt der Verband für Verkehrsfachleute Schweiz (VSS). Der Grund: Die Autos werden immer grösser, die Strassen für sie zu schmal. 2016 war bereits jedes dritte neu in Verkehr gesetzte Auto ein sogenannter SUV, eine Geländelimousine in Übergrösse. Wollen diese Kolosse kreuzen, wird es vielerorts eng. Und gefährlich, sagen die Fachleute.

Nun reagiert der Verband, unterstützt vom Bundesamt für Strassen. Sie schlagen vor, die Strassen zu verbreitern. Um wie viel ist noch unklar. Wahrscheinlich um 10 bis 50 Zentimeter pro Fahrbahn, sagten Verbandsvertreter gegenüber der «Sonntagszeitung». Man müsse die Infrastruktur den breiter gewordenen Fahrzeugen anpassen, lautet die Argumentation. Nur so sei ein sicheres Miteinander auf Strassen gewährleistet. Der VSS arbeitet zurzeit an einer Revision der Norm für Strassenbreiten.

Ob diese in Kraft tritt, ist allerdings noch nicht sicher. Bereits vor einem Jahr hatte der VSS eine Revision der Norm vorgestellt. Damals sollten die Strassen sogar noch breiter werden, bis zu einem Meter. Gemäss «Sonntagszeitung» war die Kritik von Unfallverhütungsexperten und seitens der Kantone allerdings so gross, dass der Verband die Revision wieder zurückziehen musste, bevor sie öffentlich wurde.

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1 Kommentar

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perulee*******
Viel wichtiger wäre, den riesigen Sattelschlepper den Zutritt und noch wichtiger die Durchfahrt durch Städte und Dörfer zu verbieten. Diese Fahrzeuge gehören auf die Autobahnen und grossen Zufahrtsstrassen. Anstatt breitere Strassen zu bauen, sollten an den Autobahnausfahrten Umladeplätze eingerichtet werden, wo die grossen Lastwagen ihre Ladung in kleinere Transportfahrzeuge umladen können. Es kann nicht sein, dass ein 6 Achsiger Sattelschlepper mitten in einer Stadt halb auf dem Gehsteig anhält und ein kleines Paket in einem Geschäft kleines Paket abliefert.