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Die Juso-Präsidentin im PorträtDas Feindbild Funiciello

Man hasst sie oder man liebt sie: Die Juso-Chefin Tamara Funiciello polarisiert und provoziert, Rechte, Linke, Männer. Warum bloss?

«Ich will die Welt verändern, nicht über Velospuren diskutieren.» – Tamara Funiciello (28), SP-Vizepräsidentin.

Von Veröffentlicht am 20. Dezember 2018, aktualisiert am 20. Dezember 2018

Eigentlich wollte sie um 11 Uhr auf dem Bundesplatz sein, um zu demonstrieren. Irgendein Anlass gegen die Selbstbestimmungsinitiative, und Tamara Funiciello hatte sich einfach mal angemeldet. «Dann rief plötzlich jemand von Economiesuisse an und fragte, ob das wirklich nötig sei, dass ich komme. Schliesslich sei das ihr Anlass.» Breites Grinsen: «Bei aller Abneigung gegen die Initiative – mit Economiesuisse gehe ich sicher nicht demonstrieren.»

Als Tamara Funiciello am 18. Juni 2016 die Wahl zur neuen Präsidentin der Juso Schweiz für sich entscheidet, ist sie ausserhalb von Bern kaum bekannt. Klar, sie hatte die 25-Stunden-Woche gefordert, im Pyjama auf dem Berner Bahnhofplatz gegen das Nachrichtendienstgesetz demonstriert und die Miss-Schweiz-Wahl in den Medien mit den Worten kommentiert, sie finde den Anlass «zum Kotzen».

Doch seit ihrer Wahl provoziert die 28-Jährige auch auf nationaler Ebene Reaktionen wie ein Holzschnitt: schwarz oder weiss, man hasst sie oder man liebt sie. Und selbst wenn der Hass meist von rechts aussen kommt: Auch in linken Kreisen ist Tamara Funiciello umstritten. Die Juso Forderung der Juso Soll Weihnachten kein staatlicher Feiertag mehr sein? müssten «der Stachel im Arsch der SP» sein, hatte sie bei ihrer Wahl gesagt. Nun sitzt sie von Amtes wegen seit bald zwei Jahren als Vizepräsidentin in der Geschäftsleitung der SP Schweiz und setzt dort alles daran, dass der Stachel richtig Schmerzen verursacht.
 

«Zwischen mich und gewisse Nationalräte der SP passen mehr als ein paar Blatt Papier.»

Tamara Funiciello, SP-Vizepräsidentin


Bei SP-Präsident Christian Levrat etwa. Er reagiert nicht auf die Anfragen des Beobachters für ein Gespräch über Vizepräsidentin Funiciello. Es gibt aber dieses Foto, das ihr Verhältnis ziemlich gut illustriert. Es zeigt Funiciello und Levrat am SP-Parteitag Ende August bei der Abstimmung über die Steuervorlage 2017. Links Präsident Levrat, ein Befürworter des Steuerdeals, mit einem Blick zwischen Resignation und Ärger. Rechts neben ihm Vizepräsidentin Funiciello, die wild entschlossen ihre rote Abstimmungskarte gegen die Vorlage in die Höhe streckt.

Darauf angesprochen, lacht sie vergnügt. Dass der Präsident und mit ihm mindestens die halbe Führungsriege der SP sauer sind – geschenkt. «Das ist die Rolle der Juso, das ist mein Job. Zwischen mich und gewisse Nationalräte der SP passen mehr als ein paar Blatt Papier. Wohl eher ein paar Bibeln. Und das ‹Kapital› gleich dazu.»

SP-Präsident Christian Levrat und SP-Vizepräsidentin Tamara Funiciello

Er war für die Steuervorlage, sie entschlossen dagegen: SP-Präsident Christian Levrat und Tamara Funiciello am SP-Parteitag 2017.

Quelle: Peter Klaunzer/Keystone

Was es für die Genossinnen und Genossen besonders schwierig macht: Tamara Funiciello kann locker über marxistische Theorien debattieren und im nächsten Moment über Mehrgenerationen-WGs reden – und beides so, dass man ihr zuhört. Geschichtliche Bezüge, Beispiele und Zusammenhänge kommen ihr ganz von selbst über die Lippen. Da ist kein Akademikerdeutsch, kein Politikerinnen-Geschwurbel, sondern die Sprache der Strasse. Und selbst wenn sie sich bemüht, weniger zu fluchen: Ein «Arschloch» kann ihr immer noch rausrutschen.

Sie teilt nicht bloss aus, sondern muss auch einstecken, und das nicht zu knapp. Primitivste Sprüche über ihr Aussehen, Vergewaltigungs- und Morddrohungen: Tamara Funiciello kennt mittlerweile fast alle Tiefen der menschlichen – meist männlichen – Seele. Eine junge Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt, hochintelligent ist und auch mal medienwirksam ihren BH verbrennt, um auf Sexismus und fehlende Gleichstellung aufmerksam zu machen – diese Kombination lässt selbst Nationalräte verbal in die unterste Schublade greifen. SVP-Nationalrat Thomas Matter etwa: Auf seinem privaten Youtube-Kanal verunglimpft er sie als Michelin-Männchen oder rät ihr, sich ans psychiatrische Nottelefon zu wenden. «Gschpässli» seien das, sagt Matter: «Sie lädt halt manchmal gerade dazu ein, sich einen Spass über sie zu erlauben. Wenn ich mich halb nackt fotografieren liesse, würden sich auch alle über meinen Ranzen auslassen.» Aha.

Hasstiraden im Netz

Wie schnell blinder Hass sich verbreitet Gewaltexzesse Die hohe Zeit der Idioten , erlebt Tamara Funiciello immer wieder. Zuletzt Mitte August, als sie in einer Rede einen Satz über den Sommerhit «079» der Berner Musiker Lo & Leduc sagt: «Wir leben in einer Gesellschaft, in der der meistverkaufte Hit der Schweiz eine Stalking-Geschichte erzählt.» Irgendwie gelangt die Bemerkung in die Redaktion des Lokal-TV-Senders Tele Bärn, man macht ein Interview, dort doppelt die Juso-Chefin nach: Ein Song, in dem ein Mann mit allen Mitteln versuche, die Telefonnummer einer jungen Frau herauszufinden, sei sexistisch.

Es folgt ein übler Sturm, Hassbotschaften ohne Ende, Morddrohungen, eimerweise virtueller Dreck. In den «Schaffhauser Nachrichten» erscheint eine Karikatur mit ihrer Handynummer. Von da an kommen die Hassbotschaften im Sekundentakt. «Ich weiss nicht, wie viele ‹dick pics› – Penisbilder – ich bekommen habe», sagt Funiciello, «es müssen Dutzende gewesen sein.» Sie deponiert ihr geliebtes Handy im Zentralsekretariat der Juso und taucht für ein paar Tage ab. Seit ihrem ersten Shitstorm Hass im Internet Im Auge des Shitstorms hat Tamara Funiciello in solchen Situationen Unterstützung. Jolanda Spiess-Hegglin, ehemalige Zuger Kantonsrätin, Gründerin des Vereins Netzcourage und selbst vor vier Jahren Opfer einer üblen Hasswelle im Netz, steht ihr mit juristischem Rat und viel Einsatz zur Seite, wenn sich wieder einmal eine braune Sauce über sie ergiesst.

«Ein Riesenvorbild» sei Funiciello für sie, sagt Spiess-Hegglin: «Sie ist jung, sie ist links, hat eine Hammer-Ausstrahlung und bringt die Dinge auf den Punkt. Und sie versucht, die Wohlfühloase des Patriarchats gründlich in Frage zu stellen und zu stören.» Es sei eine Art Arbeitsteilung, sagt Spiess-Hegglin. «Sie macht die Politik, die ich nicht mehr machen kann. Und ich erledige die Klagen, damit sie Politik machen kann.» Die Arbeitsteilung funktioniert. Zu Beginn ihrer Juso-Präsidentschaft habe sie selbst in «normalen» Zeiten täglich zehn Hassbotschaften erhalten, sagt Funiciello. «Seit Jolanda kompromisslos Anzeigen einreicht, ist es vielleicht noch eine pro Woche.»
 

«Man kann doch nicht mit 15 behaupten, man könne auf der Welt nichts ändern!»

Tamara Funiciello


Rathaus Bern, Mitte November. Seit dem letzten Frühling sitzt Tamara Funiciello im bernischen Grossen Rat, dem Kantonsparlament. Linke sind dort in der Minderheit, und der Juso-Präsidentin ist das recht so. Sie braucht Widerstand und konkrete Themen, an denen sie sich reiben kann: «Ich will die Welt verändern und nicht über Velospuren Kampf um Platz Velofahrer gegen Fussgänger gegen Autofahrer diskutieren.» Auf ihrer Website beschreibt sie das so: «Ich bin Aktivistin mit zu wenig Zeit, Feministin von Kopf bis Fuss und Sozialistin mit Leib und Seele, stolzer Gutmensch, Antinationalistin aus Überzeugung, Antikapitalistin aus logischen Gründen, echte Linke sowie Utopistin mit Hang zum politischen Alltag.»

So sammelt sie selbst als Juso-Präsidentin tagelang Unterschriften für die 99-Prozent-Initiative, mit der sie Kapitalgewinne höher besteuern will. Oder gegen die Altersvorsorge 2020 Altersvorsorge 2020 Das Ringen beginnt von vorne – mit schlechteren Karten , welche die Juso im Herbst 2017 gegen den Willen der Mutterpartei erfolgreich bekämpfte.

Klischees passen nicht

Wenn Ursula Marti etwas an Tamara Funiciello zu kritisieren hat, dann ist es genau dieses Referendum. «Da hat sie sich verrannt», sagt die ehemalige Präsidentin der SP Kanton Bern. Die beiden Frauen kennen sich schon aus der Zeit, als Funiciello noch die kantonalen Juso präsidierte. Sie habe schnell den Ruf einer Provokateurin gehabt, sagt Marti. «Aber bei den Diskussionen mit ihr merkte ich, dass da mehr dahinter ist. Sie denkt ungeheuer strategisch und auf längere Zeit hinaus, und sie ist immer offen für andere Meinungen.»

Interlaken, Grand Hotel Victoria-Jungfrau, Anfang November. Die Junge Auns und die Junge SVP Berner Oberland haben zu einer Podiumsdiskussion über die Selbstbestimmungsinitiative Endlich verständlich Darum geht es bei der SVP-Initiative eingeladen. Es wird schnell klar, welche Rolle der Moderator für Tamara Funiciello vorgesehen hat: die der ultralinken, feministischen Sozialistin. Ihre sorgfältig vorbereiteten Argumente gegen die Initiative interessieren ihn wenig. Wenn sie etwas erklären will, fällt er ihr ins Wort, mit klischeehaften Fragen: «Wie wäre es, wenn Sie den Kapitalismus mit einer Volksinitiative abschaffen würden?»

Tamara Funiciellos Moment kommt erst nach der Diskussion. Zwei Jungs steuern auf sie zu und erklären ihr, dass man den Kapitalismus nicht abschaffen könne. Ändern lasse sich das System ja sowieso nicht. Funiciello hört zu, den Kopf zur Seite geneigt, die Hände gefaltet. Dann legt sie los. «Wie alt seid ihr? 15 und 18? Meine Güte! Lasst euch nie, nie von jemandem sagen, man könne nichts ändern! Versprochen?!» Hände rauf, Hände runter, nach aussen, nach innen – Funiciello gibt alles. «Die werden wohl nie SP wählen», sagt sie später. «Aber man kann doch nicht mit 15 behaupten, man könne auf der Welt nichts ändern! Das musste ich ihnen einfach erklären!»

Angst und Stolz der Mutter

Denn mit 15, da wollte sie die Welt mindestens ebenso verändern, wie sie das heute will. Niemand weiss das besser als Lotti Funiciello, ihre Mutter. Beim Treffen in einer linken Berner Quartierbeiz erzählt sie aus der Familiengeschichte. Wie die Leute tuschelten, als sie damals in den achtziger Jahren mit ihrem Verlobten – einem Italiener! – durch das kleine Berner Bauerndorf lief. Wie sie später mit ihrem Mann ein Jahr in Nicaragua verbrachte, um linke Projekte zu unterstützen. Wie ihr Mann in Bern den Job verlor und die Familie nach Sardinien auswanderte. Und wie sie wegen Tamara zurückkam. «In Italien, wo man für alle Schulsachen bezahlen muss, hätten wir uns nie leisten können, Tamara an ein Gymnasium oder eine Universität zu schicken.»

Der ausstehende Uniabschluss ist der wunde Punkt zwischen Mutter und Tochter. Die Tochter sagt, sie studiere «eher so ein wenig berufsbegleitend», habe aber der Mutter versprochen, das Studium abzuschliessen. Die Mutter sagt: «Sie muss abschliessen. Auch wenn sie in den Nationalrat will: Politikerin ist kein Beruf.»

Lotti Funiciello schwankt, wenn es um das politische Engagement ihrer Tochter geht. Da ist einerseits das Unangenehme. Dass sie selber angepöbelt wird, wenn sie mit ihrem Namensschild im Supermarkt an der Kasse sitzt. «Sind Sie die Mutter von der Funiciello?» Oder wie sie wildfremde Menschen beschimpfen, dass sie ihre Tochter schlecht erzogen habe. Da sind die Kommentare im Internet, die ihr Tamara zu lesen verboten hat (und die sie trotzdem liest). Da ist die Angst um die Tochter, die auch schon mal körperlich angegriffen wird. Die Angst, natürlich, dass Tamara ausbrennt, sich überfordert.

Aber ganz oft ist da auch ein anderes Gefühl: Mutterstolz, riesengrosser. Wie etwa letzten Sommer, als Tamara von «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel zu einem öffentlichen Gespräch eingeladen wurde. Lotti Funiciello sass ganz hinten im Saal – und platzte fast vor Freude, wie sich ihre Tochter schlug. «Sie hat Köppel richtig Paroli geboten. Der hat sie total unterschätzt!» Roger Köppel dürfte nicht der einzige Politiker bleiben, dem das passiert

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Thomas Angeli, Redaktor

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