Eigentlich kann man es bei Entscheiden zu Corona-Massnahmen nie richtig machen: Geimpfte werden ungeduldig, weil sie keine Einschränkungen mehr auf sich nehmen wollen. Ungeimpfte fühlen sich in einem sensiblen, persönlichen Bereich vom Staat eingeschränkt und zu einer Entscheidung gezwungen, die sie lieber nicht treffen möchten.

Doch mit seinem neuesten Entscheid steuert der Bundesrat die Schweiz ohne Not in eine Zerreissprobe: Ungeimpfte können Covid-Tests nur noch bis zum 10. Oktober, einmal Geimpfte bis Ende November gratis machen lassen, so der bundesrätliche Vorschlag, der bei den Kantonen in die Vernehmlassung geht. 

Der Vorschlag schränkt Menschen stark ein, die zögern, sich impfen zu lassen. Ab dem 11. Oktober könnten sie nur mehr in Restaurants, Kinos oder Fitnesszentren, wenn sie ein Zertifikat haben. Darunter werden auch die Geschäfte leiden, die weniger Kundinnen und Kunden haben werden.

Ein voreiliger Entscheid

Der Bundesrat handelt unverhältnismässig. Denn er macht gleich zwei Schritte aufs Mal, statt umsichtig einen nach dem andern zu setzen. Bevor er weiter an der Massnahmenschraube dreht und die Tests für kostenpflichtig erklärt, sollte er erst einmal auswerten, wie die Ausweitung der Zertifikatspflicht wirkt. Wer lässt sich schon gerne vor jedem Kinoeintritt, Restaurant-, Zoo- oder Museumsbesuch ein Stäbchen tief in die Nase stossen?

Und die Zeit für eine Auswertung hat der Bundesrat. Die Zahl der Covid-Patientinnen und -Patienten auf Intensivstationen ist seit drei Wochen stabil bis rückläufig. Eine Überlastung droht nicht mehr unmittelbar, alle Notfälle finden schnell eine Behandlung. Die Zahl der Ansteckungen und Spitaleintritte geht ebenfalls zurück. Zwar stehen die Herbst- und Wintermonate an, wo die Menschen sich vermehrt drinnen aufhalten und sich damit eher anstecken. Doch falls die Ansteckungen zunehmen, kann der Bundesrat immer noch auf seinen Entscheid zurückkommen und die Tests für umgehend kostenpflichtig erklären. Mit guten Gründen. 

«Man muss das Ende des Tunnels sehen können, um die unangenehmen Einschränkungen und Entscheide weiter auf sich zu nehmen.»

Dominique Strebel, Beobachter-Chefredaktor

Mit seinem voreiligen Entscheid setzt der Bundesrat in einer angespannten Lage weiter Druck auf und forciert die Zerreissprobe. Denn Menschen mit tief sitzenden Ängsten vor dem Impfen und ärmere Leute, die sich wiederkehrende Tests nicht leisten können, fühlen sich zunehmend ausgegrenzt. Wer zahlt schon jedes Mal 50 Franken, wenn er ins Kino, ins Museum, ins Restaurant, in den Zoo oder ins Fitnesszentrum will? Dieses Gefühl der Ohnmacht, das allmählich in Wut umschlägt, ist über Corona hinaus gefährlich für den Zusammenhalt der Gesellschaft.

Geimpften ist es zuzumuten, mit ihren Steuern an die Gratistests zu zahlen und sich solidarisch zu verhalten – zumindest bis auch ein konventioneller Impfstoff zur Verfügung steht. Denn gut 70 Prozent der Nichtgeimpften gaben in einer Umfrage des Instituts Sotomo unlängst an, sich vielleicht impfen zu lassen, falls es einen Impfstoff gäbe, der nicht auf der mRNA-Technologie basiert. Der Impfstoff von Johnson & Johnson soll ja jetzt bald auch in der Schweiz verfügbar sein. 

Klare Kriterien sind gefragt

Die harte Linie des Bundesrats zeigt aber auch, dass eine klare Exit-Strategie immer dringlicher wird. Es bringt nichts und hilft niemandem, das Ende des Covid-Zertifikats bis zu einem willkürlich gesetzten Datum wie dem 24. Januar 2022 zu befristen. Corona hält sich nicht an Daten. Es braucht stattdessen klare Kriterien, wann eine Überlastung des Gesundheitswesens nicht mehr droht, die Zertifikats-App gelöscht werden und das ausgedruckte Zertifikat im Abfall landen kann. Knüpft man die angekündigte Normalisierungsphase aber einzig an die Impfquote, ist dies ein indirekter Impfzwang, den niemand will.

Man muss das Ende des Tunnels sehen können, um die unangenehmen Einschränkungen und Entscheide weiter auf sich zu nehmen. Erst recht als Gesellschaft, die einer gefährlichen Zerreissprobe ausgesetzt ist.

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Dominique Strebel, Chefredaktor

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