«Das Flugzeug der Pegasus Airlines war seit ­einer Viertelstunde in der Luft, als ein Mann aufstand, durch den Gang schritt und die Passagiere musterte. Er war gross, breitschultrig und gut gekleidet. Bei mir blieb sein Blick ein wenig länger hängen. Ich hatte gleich ein merkwürdiges Gefühl. Eine halbe Stunde später kam er erneut. Jetzt trug er einen offiziellen Badge der Airline und fragte mich, ob ich Düzgün Vurgec sei.

Ich war mit meiner 14-jährigen Tochter Sinem auf dem Weg in die Türkei. Wir wollten meine Mutter im Spital besuchen. Sie leidet schon lange an Diabetes. Die Ärzte sagten, sie müssten ihr einen Teil des Fusses amputieren. Nach der Landung auf dem Istanbuler Flughafen Sabiha Gökçen machten sich die Leute zum Aussteigen bereit. Doch der Mann mit dem Badge sagte, sie sollten sitzen bleiben und ihr Handgepäck wieder verstauen.

«Meine Tochter bleibt bei mir»

Die Türen des Flugzeugs blieben geschlossen, bis drei Männer einstiegen. Sie kamen auf mich zu und befahlen mir und meiner Tochter mitzukommen. Es waren vermutlich Leute vom türkischen Geheimdienst. Die können tun und lassen, was sie wollen, weil sie von Präsident Erdogan geschützt werden. Die Agenten brachten uns zu ­einer Polizeistation am Flughafen.

Wir wurden durchsucht, und die Agenten nahmen uns Portemonnaie und Handys weg. Dann sollten Sinem und ich in getrennten Räumen warten. «Meine Tochter bleibt bei mir», sagte ich. Wir blieben im Gang auf den ­unbequemen Metallstühlen sitzen. Es war acht Uhr abends. Lange geschah nichts. Man liess uns einfach warten.

Endstation Sabiha Gökçen: Düzgün Vurgec durfte nicht einreisen. Bild: Shutterstock

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Ich bin im kurdischen Teil der Türkei aufgewachsen, lebe seit 30 Jahren in der Schweiz und bin Schweizer Bürger. Ich war nicht wirklich beunruhigt. Als Kurde in der Türkei ist man viel Schlimmeres gewohnt. Als ich noch in meiner Heimatstadt Dersim lebte, wurde ich verhaftet. Ich war 16 Jahre alt. Drei Wochen lang wurde ich immer wieder verprügelt und mit kaltem Wasser abgespritzt.

Meine Tochter und ich mussten bis kurz vor Mitternacht warten. Dann ­befahlen uns Beamte in einen Raum und stellten Fragen. Warum ich in der Schweiz lebe, was ich dort mache und warum ich gegen Erdogan und seine Partei AKP sei. Die Beamten wussten, dass ich in der Schweiz an prokurdischen Demonstrationen teilgenommen und auf Facebook kritische Kommentare zu Erdogan gepostet hatte.

Sie fragten, warum ich das getan hätte. Diese Leute sind für mich Idioten. Die Antwort ist ja klar. Die wissen ja, was Erdogan mit den Kurden macht. Man weiss von den Bombardierungen ganzer Dörfer, den Verletzungen der Menschenrechte, den ­Folterungen. In einem kurdischen Dorf haben sie eine Frau getötet. Ihre Leiche lag sieben Tage auf der Strasse. Die Brutalität dieser Menschen ist ­unfassbar. Die Türkei ist ein dunkles Land, Erdogan ein Bandit.

Er hat überall in Europa, wo viele Türken leben, seine Spitzel. Auch in der Schweiz. Sie haben mich beobachtet und in Ankara denunziert. Pegasus Airlines gehört zum Teil dem türkischen Staat. Ihre Angestellten geben Passagierdaten an den türkischen ­Geheimdienst weiter. Daher wussten die Agenten, dass ich im Flugzeug war.

«In der Türkei ist heute jeder, der nicht für Erdogan ist, ein Terrorist.»

Düzgün Vurgec

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In der Nacht und am Vormittag wurde ich noch dreimal befragt. Das dauerte jeweils eine halbe Stunde. Die Beamten waren unfreundlich, aber nicht ­aggressiv. Man gibt dir einfach zu verstehen, dass du nichts zu melden hast. Sie rauchen, aber wenn du dir auch ­eine anzünden willst, heisst es, Rauchen sei verboten. Wenn du Durst hast, dauert es eine Ewigkeit, bis sie dir einen Becher bringen. Bei der letzten Befragung kam ein Regierungs­beamter dazu. Er sagte, er werde mir keine Fragen stellen, sondern wolle mich nur kennenlernen. Zu welchem Zweck, sagte er nicht. Vielleicht wollten sie uns einfach einschüchtern.

Gegen Mittag teilten uns die Polizisten mit, wir dürften nicht in die Türkei einreisen. Wir seien eine Bedrohung für die öffentliche Sicherheit. Ich gelte dort nun als Terrorist. Aber in der Türkei ist heute jeder, der nicht für Erdogan ist, ein Terrorist.

Die Beamten brachten uns zu ­einem Flugzeug mit Ziel Zürich. Am Flughafen in Kloten erwarteten uns Schweizer Polizisten. Von ihnen erhielten wir unsere Pässe zurück. Das Einreiseverbot ist zeitlich unbeschränkt, ich kann meine Mutter und die restliche Familie, die noch dort lebt, nicht mehr besuchen. Meine Mutter hat mir Fotos geschickt. Die Ärzte mussten ihr nur die Zehen ­amputieren, die Operation ist geglückt. Wenigstens das.»