«Unterwürfigkeiten sind dem Mutigen zuwider»

«Mutige Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich in besonderer Weise für andere oder für eine Sache einsetzen. Dies auch dann, wenn es für sie unangenehm, ja gefährlich werden kann. Sie tun etwas, was andere meist nicht tun, eben weil es ihnen zu unangenehm, zu ­risikoreich ist.

Mutige Menschen tun etwas, was man gemäss allgemeiner Meinung nicht tut, auch wenn man erkennt, dass es begrüssenswert wäre, Risiken einzugehen für andere – nicht nur für sich selbst. Oft müssen dabei Grenzen überschritten werden. Mutige Menschen nehmen meist wenig Rücksicht auf sich selbst und auf ihren guten Ruf, ihr Ansehen, auf das eigene Wohlergehen. Jede Gemeinschaft – sei es die Familie, die Firma, die Gemeinde, die Schweiz – braucht solche Menschen.

Der mutige Mensch richtet sich nicht nach der allgemeinen Lebensweise, die in der Regel das eigene Wohl in den Mittelpunkt stellt. Unterwürfigkeiten sind ihm zuwider, und Überheblichkeiten existieren für ihn nicht. In der Regel werden Mutige erst nach geglückter Tat gelobt. Von all den Mutigen, denen der Erfolg versagt blieb, spricht niemand. Oft werden sie verspottet. Der eigene Mut ist für sie zum Wagemut geworden.

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Mut ist eine Tugend und hat viel mit Aufrichtigkeit zu tun. Zivilcourage gehört auch dazu. Auch Mutige haben Ängste zu überwinden. Solche Ängste sind notwendig, denn sie schützen vor Leichtsinn. Ein wirklich Mutiger ist nicht ein Mensch ohne Ängste; sondern einer, der die Ängste überwindet. Aber, so sagte Theodor Fontane (1819–1898): ‹Am Mute hängt der Erfolg!›»
Christoph Blocher, ehemaliger Bundesrat

Quelle: Nina Süsstrunk
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«Ich bin ein Feigling»

«Die Schweiz braucht mutige Menschen. Nicht mich. Ich bin ein Feigling. Ich kann noch nicht mal nein sagen. Es braucht Mut, um nein zu sagen. Hinzuschauen. Nicht wegzuschauen. Mut beginnt im Kleinen. Mut beginnt da, wo die Bequemlichkeit aufhört. Da, wo es einfacher wäre, zu lächeln und zu nicken.

Ich gebe Ihnen – ungern zwar – ein Beispiel: Einmal fuhr ich mit dem Zug in die Berge. Es war heiss, das Abteil leer, der Kondukteur setzte sich zu mir und erzählte aus seinem Alltag. Die vielen Weiterbildungen, die langen Präsenzzeiten. Als ich aussteigen musste, bot er an, meinen Koffer zur Tür zu tragen.

‹Achtung, der ist schwer›, sagte ich. Mein Koffer war voller Bücher. ‹Kein Problem. Sie werden ja keine Goldbarren eingepackt haben – wie diese Juden immer!›

Der Zug hielt an, mitten auf einer Wiese. Der Mann hob meinen Koffer aus dem Wagen, und dann stand ich allein am Berg, neben einem einzigen Gleis, das die Weide durchschnitt. Der Zug fuhr weiter, und ich hatte immer noch nichts gesagt. Hätte ich – wäre der Zug nicht gleich weitergefahren – etwas gesagt? Den Koffer geschwungen, protestiert? Ich kann es nur hoffen.

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Doch da bleibt die nagende Frage: Seh ich aus wie jemand, zu dem man ungestraft so etwas sagen kann? Offensichtlich. Der Feigling steht mir ins Gesicht geschrieben. Ich seh genau aus wie jemand, der nicht nein sagt. Der lieber lächelt. Und nickt.

Nein. Genickt hab ich nicht. Aber das ändert nichts. Ich bin ein Feigling. Mein Mut reicht nur gerade dazu, das zuzugeben. Das ist natürlich nicht genug. Mutige Menschen braucht die Schweiz. Mutigere als mich.» 
Milena Moser, Autorin

Quelle: Nina Süsstrunk
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