Was für ein Fest! Die letzten Party-Löwen liessen sich erst in den frühen Morgenstunden des 28. September 1997 aus dem Zürcher Kongresshaus bewegen - nachdem der offizielle Festakt schon längst zu Ende war. Anlässlich seines 70. Geburtstags hatte der Beobachter erstmals den Prix Courage an Angela Ohno und Hanspeter Heise verliehen.

Die beiden Gewinner hätten «mit ihrer Haltung Zeichen gesetzt», würdigte Jury-Präsident Otto Stich die beiden Gewinner in seiner Laudatio. Hanspeter Heise, der ehemalige Leiter der Zürcher Kläranlagenbetriebe, und die Polizistin Angela Ohno, seine damalige Assistentin, hatten in der Verwaltung einen Bestechungsskandal aufgedeckt - und deswegen ihren Job verloren.

In seiner Laudatio betonte Jurypräsident Otto Stich die Wichtigkeit von Zivilcourage im Alltag:

«Sie, Frau Ohno, Sie, Herr Heise, haben den Prix Courage des Beobachters redlich verdient. Und wir beglückwünschen Sie dazu herzlich. Für die beiden Preisträger bedeutete die Arbeit in der Verwaltung nicht einfach gesichertes Einkommen und rechtzeitiger Feierabend, sondern auch Dienst im Interesse und für die Gemeinschaft.

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Sie haben sich darum interessiert, wie ein Vertrag zur Klärschlamm-Entsorgung erfüllt werde und ob die verlangten hohen Entschädigungen auch tatsächlich einer umweltgerechten Entsorgung dienten. Eigentlich alles selbstverständlich.

Nicht aber selbstverständlich für die Vorgesetzten, die diese Überprüfung recht unmissverständlich zu verhindern suchten. Unsere beiden Preisträger gingen trotzdem nicht den Weg des geringsten Widerstands und liessen die Sache auf sich beruhen, sondern sie führten die Kontrolle in eigener Verantwortung durch. Damit bewiesen sie grossen Mut und Unerschrockenheit. Denn sie setzten bewusst die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes aufs Spiel. Das will in der heutigen Zeit etwas heissen.

Mit ihrem Handeln setzten sie Zeichen für alle Beamten - nicht nur in Zürich, sondern in der ganzen Schweiz. Denn wir brauchen mutige Beamte und auch sonst couragierte Menschen, wenn wir heute beim Kampf gegen Ungerechtigkeiten und Korruption in der Schweiz solche Ungeheuerlichkeiten erleben.

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Gerade dafür sind unsere Preisträger Vorbild geworden. Sie haben die eigenen Interessen zurückgestellt und sind entschlossen gegen Zustände angetreten, die nicht tolerierbar sind. Sie haben mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes teuer bezahlt. Und auch eine Genugtuung haben sie bis heute nicht erhalten.

Der Beobachter zeichnet heute zwei einfache Menschen aus. Menschen wie du und ich. Jeder könnte im Alltag in eine ähnliche Situation kommen. Mut ist nicht eine Frage einer ausserordentlichen Zeit oder aussergewöhnlicher Umstände und Ereignisse.

Mut ist oft eine Frage der Haltung im Alltag, wenn es darum geht, Recht und Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen - in einer Gesellschaft, wo Geld vielen Menschen alles bedeutet und mit Geld fast alles machbar erscheint.

Hoffentlich ist der Beobachter-Preis auch ein Signal an die Behörden, Leute zu belohnen, die sich für eine gute Sache und nicht für sich wehren. Das wäre echter Leistungslohn.

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Frau Angela Ohno und Herr Hanspeter Heise, Sie haben mit Ihrem Mut und Ihrer Haltung Zeichen gesetzt. Dafür danken wir Ihnen.»

Die Reaktionen auf den ersten Prix Courage waren überwältigend - nicht nur von seiten der Medien. «Es war das schönste Pressefest, das ich in den letzten 25 Jahren erlebt habe!», schwärmte etwa Ruth Binde, die «Grand Old Woman» der Zürcher Kulturszene. «Ein herausragender Anlass», lobte der Innerschweizer Unternehmer und Bio-Pionier Stephan Baer. Und der Zürcher Professor und Aidsarzt Ruedi Lüthy wünschte sich, dass «dieser Preis zur Tradition werde» - das wird er! Auch 1998 wird der mit 25'000 Franken dotierte Preis für besonders mutige Taten vergeben.

«Ich bin stolz auf den Preis», erklärte die sichtlich gerührte Angela Ohno. Als sie strafversetzt worden sei, als niemand mehr zu ihr gehalten habe, da sei sie überzeugt gewesen, jetzt habe das «Zeitalter der grossen Wurstigkeit» begonnen. «Jeder arbeitet nur für seinen Vorteil: Was ihm nichts nützt, ist ihm Wurst. Und wies seinem Nächsten geht - auch das ist ihm Wurst. Der Prix Courage gibt mir nun den Glauben an Gerechtigkeit und Demokratie zurück.»

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Auch Preisträger Hanspeter Heise erinnerte mit einigen Worten an die dunkelste Zeit seines Lebens. Er habe sich 23 Jahre mit allen Kräften für die Stadt Zürich eingesetzt. Dann habe man ihm verboten, dies weiter zu tun. «Am 7. März 1994 - an dieses Datum erinnere ich mich sehr genau - bin ich unter einem läppischen Vorwand fristlos entlassen worden.» Damals fanden seine Vorgesetzten eine Axt an seinem Arbeitsplatz und schlossen daraus, Heise stehe vor einem Amoklauf, ähnlich demjenigen von Günther Tschanun acht Jahre zuvor. Ironie des Schicksals, dass zum Preis neben der Geldsumme von 25'000 Frankenauch eine Plastik von Celestino Piatti gehört - eine Hellebarde, geschaffen als Symbol für den kämpferischen Beobachter. Klar, dass sie Preisträger Heise an das Beil von 1994 erinnerte.