Ein engagierter Reallehrer wird vom Vater einer Schülerin erschossen. Der Täter ist Kosovo-Albaner, mit seiner Familie seit 1991 in der Schweiz. Zwischen ihm und dem Lehrer gab es öfter Unstimmigkeiten. Unstimmigkeiten, wie sie entstehen, wenn ein Lehrer sich für die Integration ausländischer Schüler einsetzt und dies von Eltern mit anderem kulturellem Hintergrund nicht immer verstanden wird. Hinzu kam, dass das Mädchen von Gewalt in seiner Familie berichtete.

Als die Situation Ende letzten Jahres eskalierte und das Mädchen einen Selbstmordversuch unternahm, handelte der Lehrer rasch und mutig. Er alarmierte die Behörden. Das Mädchen fand Zuflucht in einer Institution. Der Vater drohte dem Lehrer mit dem Tod. Obwohl sich der Konflikt in der Folge wieder zu entspannen schien, brachte der Vater den Lehrer am 11. Januar dieses Jahres um.

Die Tat schockierte und löste weitherum Betroffenheit aus. An die 2000 Personen nahmen im Trauergottesdienst Abschied von Paul Spirig. Unter den Trauergästen befanden sich viele ausländische Eltern und Kinder. Sie hatten es in jenen Tagen doppelt schwer. «Wehe dem, dessen Name mit -ic endet», titelte das «St. Galler Tagblatt» damals und stellte eine neue Welle von Fremdenfeindlichkeit fest. 

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Lehrer fühlten sich allein gelassen
Dann folgten Fragen. «War es ein Einzelfall oder liegt eine Tendenz vor?», überlegte der «Tages-Anzeiger». «Facts» stellte fest: «Die Integrationspolitik an den Schweizer Schulen steht zur Diskussion.» Unzählige andere Medien doppelten nach.

Als von den Behörden schliesslich eröffnet wurde, dass im Zusammenhang mit der Gewalttat der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs im Raum stand, erhielt die Tat eine weitere Dimension. Medizinische Abklärungen ergaben, dass das Mädchen tatsächlich missbraucht worden war. Allerdings nicht im fraglichen Zeitraum, sondern früher. Die Aussagen des Mädchens belasteten den Vater schwer.

Bereits Ende Januar wurden aus Lehrerkreisen erste Forderungen laut – unter anderem der Ruf nach Unterstützung. Beispielsweise nach Sozialarbeitern für die Realschulen. Lehrerinnen und Lehrer berichteten von Drohungen. Zustände, von denen die Öffentlichkeit bis zum 11. Januar nie Notiz genommen hatte.

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Von der Regierung wurde eine Arbeitsgruppe «Interkulturelles Zusammenleben» eingesetzt. Ende März nahmen sämtliche Lehrkräfte an einer dezentral durchgeführten Veranstaltung teil. Es ging um eine Standortbestimmung, um die Klärung von Ängsten und Unsicherheiten, um die Frage nach geeigneten Massnahmen.

Seit den Sommerferien sind in St. Gallen drei Sozialberater für die Oberstufe zuständig. Sie versuchen, die Lehrerschaft bei der Bewältigung von Problemen zu unterstützen. Problemen wie jene, die Paul Spirig am 11. Januar das Leben kosteten.

Lehrer sollen sich weiterhin für das Wohl der ihnen anvertrauten Kinder engagieren. Aber bei Konflikten mit Eltern soll sich kein Lehrer mehr allein exponieren müssen. Es ist tragisch, dass diese Neuerung für Paul Spirig zu spät kommt.

Kommentar der Angehörigen

Paul Spirig ist für den Prix Courage vorgeschlagen. Einerseits schön, anderseits unsäglich traurig.

Was sollen wir Ihnen über Paul erzählen? Nochmals dieselbe Geschichte, die von den Medien in so vielen Versionen geschrieben wurde? Das macht keinen Sinn.

Paul fehlt.

Was ihn auszeichnete, ist nicht einzufangen und in Worte zu fassen. Er war einfach Mensch: in der Familie, in der Schule, im Garten, als Sportler. Er packte unmittelbar an Ort und Stelle an und gestaltete sein Umfeld lebenswert und menschlich, humorvoll und zielstrebig.

Er hat nie grosse Worte um seine Person gemacht.

Warum sollten wir dies jetzt tun? Paul wirkte an seinem Platz – und wir können dies an unserem tun.

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