Beobachter: Bietet die Coronakrise mehr Gelegenheit, Zivilcourage zu zeigen?
Susanne Hochuli: Ja, in manchen Bereichen. Ich denke etwa an das Personal in Ambulanzen, das sich einem erhöhten Infektionsrisiko aussetzen muss, und natürlich an die Beschäftigten im Gesundheitsbereich. Zugleich müssen wir auch achtgeben, dass wir nicht vorschnell das Selbstverständliche als ausserordentlich begreifen und dadurch indirekt die Leistung der Menschen herabmindern, die Zivilcourage 9 heikle Alltagssituationen So schaffen Sie es, mutig zu reagieren zeigen. Für Mediziner und für das Pflegepersonal ist die Gefahr einer Infektion ein Stück weit Teil des natürlichen Berufsrisikos.


Einige Kritiker sind mit Einschätzungen zur Krise an die Öffentlichkeit getreten, die von der offiziellen Regierungspolitik abweichen, und ernteten teilweise gehässige Reaktionen. Brauchte das Mut?
Wenn eine Fachperson öffentlich ihre Meinung äussert, tut sie letztlich nur ihren Job. Sie muss ein gewisses Mass an Widerspruch ertragen können. Zugleich aber ist es in einer Demokratie Immer mehr Protestwahlen Wie ist die Demokratie noch zu retten? sehr wichtig, dass widerstreitende Meinungen gehört werden. Davon lebt unsere Staatsform. Während meiner Zeit als Gesundheitsdirektorin habe ich Ähnliches erlebt. Wenn die Menschen Angst haben und sich bedroht fühlen, neigen manche dazu, sich aggressiver zu verhalten. Sie reagieren dann wie ein verängstigtes Tier, das gar nicht anders kann, als zuzubeissen.


Reagiert unsere Gesellschaft zu ängstlich auf das Coronavirus?
Ich finde es erstaunlich, dass ein so kleines Virus die Gesellschaften auf der ganzen Welt zum Stillstand bringen kann und wir uns von den Regierungen vorschreiben lassen, ob wir noch das Haus verlassen dürfen. Die Klimaproblematik verängstigt die Leute viel weniger. Meiner Meinung nach zu Unrecht, denn der Klimawandel hat viel weiter reichende Konsequenzen als die Coronakrise.


Und wie beurteilen Sie das Handeln des Bundesrats? Hat er mit dem Lockdown zu harte Massnahmen beschlossen?
In einer Krise gibt es am Anfang immer ein Informationsdefizit. Der Bundesrat musste handeln, ohne über ausreichendes Wissen zu verfügen. Wichtig ist aber, dass im Nachhinein, wenn sich die Wissenslage verbessert, dieses neue Wissen bei den Entscheidungen berücksichtigt wird.

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Was raten Sie Menschen, die in diesen besonderen Zeiten mutlos sind und nicht zuversichtlich in die Zukunft schauen können?
Das wäre jetzt ein wenig anmassend von mir, wenn ich da Ratschläge erteilen wollte. Wichtig scheint mir, dass man möglichst schnell professionelle Hilfe holt, wenn man merkt, es geht einem psychisch nicht mehr so gut. Wir sollten auch darauf achten, trotz dem Gebot des Social Distancing unsere sozialen Kontakte zu pflegen – mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen.
 

Prix Courage 2020 – Gesucht: Mutige Menschen

Wer hat in den letzten Monaten besonders viel Zivilcourage gezeigt? Wer kann uns Vorbild sein?

Der Beobachter und Prix-Courage-Jurypräsidentin Susanne Hochuli suchen Frauen und Männer, die den diesjährigen Prix Courage verdienen.

Menschen, die halfen, wo andere weggeschaut haben, die sich engagierten, ohne davon profitiert zu haben, die bewiesen, dass jede und jeder von uns die Welt ein Stück besser machen kann. Kurz: Menschen mit Mut.

Ihre Vorschläge können Sie per E-Mail an kandidaten@beobachter.ch senden oder per Brief an:

Redaktion Beobachter
Kandidaten Prix Courage
Caroline Freigang
Flurstrasse 55
8021 Zürich

Einsendeschluss: 16. Mai 2020

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Andres Büchi, Chefredaktor

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