Seraina G.: «Seit einer Ehekrise, die wir aber bewältigen konnten, habe ich regelmässig Fressanfälle. Eigentlich gibt es aber jetzt gar keinen Grund mehr dafür. Ich müsste doch damit aufhören können.»

Dass Sie nicht damit aufhören können, zeigt, dass es sich nicht mehr einfach um eine Willenssache handelt, sondern wohl um eine ausgewachsene Essstörung. Bekannter als das, worunter Sie leiden, sind die Pubertäts­magersucht (Anorexia nervosa), das Überessen mit anschliessendem Erbrechen (Bulimie) und gewöhnliches Zu-viel-Essen mit dem Resultat massiven Übergewichts (Adipositas). Die Essanfälle, von denen Sie berichten, heissen in der Fachsprache Binge Eating Disorder (BED); sie werden samt Methoden zur Behandlung in neuester Zeit immer besser erforscht.

Es gibt vier Wege, die helfen können:

  1. Sie unterziehen sich einer verhaltenstherapeutischen Einzelbehandlung. Diese dauert, mit zuerst wöchentlichen Sitzungen, drei Monate bis ein Jahr.
  2. Oder Sie nehmen an einer Behandlung in einer geleiteten Therapiegruppe teil.
  3. Oder Sie arbeiten an sich selbst mit einer Selbsthilfeanleitung aus einem Buch.
  4. Oder Sie finden eine Selbsthilfegruppe.

Wir leben in einer hektischen und schnell­lebigen Zeit. Viele von uns nehmen sich nicht mehr wirklich Zeit für das Essen mit Freunden oder der Familie. Oft genug sitzen Stress und Emotionen mit am Tisch und beeinflussen das Essverhalten.

Die Nahrungsaufnahme soll uns Energie liefern, sie verbindet uns aber darüber hinaus mit Menschen, die mit uns essen, und es macht uns Freude, wenn es schmeckt.

Von Essanfällen Betroffene essen allerdings nicht mehr aus diesen Gründen. Als Antwort auf Stress, Frust, Langeweile oder Leere, aber auch als Reaktion auf starke Gefühle wie Wut oder auch Freude, essen sie unmässig. Oft im Stehen, Süsses und Salziges durcheinander, unter Umständen, bis der Kühlschrank leer ist. Der Anfall hat eine klar abgegrenzte Dauer, zum Beispiel eine oder zwei Stunden. Es wird schneller und hastiger als normal eine riesige Menge gegessen.

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Nach dem Anfall bleiben oft Schuldgefühle, Scham oder eine gewisse Traurigkeit zurück. Radikale Vorsätze, ein bestimmtes Nahrungsmittel nicht mehr zu essen oder Mahlzeiten auszulassen, wirken kontraproduktiv. Die Verbote erhöhen den Druck, und der nächste Anfall kommt bestimmt.

Vorbelastung kann erschwerend wirken

Wer sich bei einer besonderen Gelegenheit einmal überisst, leidet nicht unter Binge Eating Disorder. Nur wenn die Anfälle durchschnittlich zweimal wöchentlich während eines halben Jahres auf­treten, wird die Diagnose gestellt. Aber natürlich gibt es Übergangsformen, die man ebenfalls ernst nehmen soll. BED-gefährdeter sind Menschen, die bereits als Kinder in der Familie mit ungewöhnlichem Essverhalten in Kontakt kamen, sowie Menschen, die seelisch verletzlicher sind, etwa weil sie etwas Schweres erleben mussten, etwa einen sexuellen Übergriff oder Mobbinggewalt. Im deutschsprachigen Raum leiden ein bis drei Prozent der Bevölkerung an dieser Störung, Männer ebenso häufig wie Frauen. Die Wirksamkeit von Verhaltenstherapie als Behandlungsform ist wissenschaftlich gesichert.

Zwei Tipps für erste Schritte:

  • Beobachten Sie Ihr Essverhalten, auch wenn Ihnen das unangenehm ist, und stellen Sie sich dabei Fragen:
    Was löst den Essanfall aus?
    Was bewirkt er vorübergehend?
    Wie lange hat er gedauert?
    Wie fühlen Sie sich nachher?
    Wirkung: Der Automatismus wird durchbrochen.
     
  • Planen Sie regelmässiges Essen: drei Mahlzeiten, eventuell zwei kleine Zwischenmahlzeiten pro Tag.

    Wirkung: Wenn Sie planen, übernehmen Sie wieder die Kontrolle.
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Buchtipp

Simone Munsch: «Das Leben verschlingen? Hilfe für Betroffene mit Binge Eating Disorder (Essanfällen) und deren Angehörige»; Verlag Beltz und Gelberg, 2011, 165 Seiten