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EssstörungenZu viele haben das Essen satt

Bild: Anita Baumann

In der Schweiz gibt es überdurchschnittlich viele Menschen mit Essstörungen. Ist eine falsche Präventionspolitik schuld?

von Alexandra Bröhmaktualisiert am 2015 M01 14

Ungefähr 50 Kalorien erlaubte sich Lea noch pro Tag. 50 Kalorien stecken beispielsweise in einem kleinen Apfel oder einer halben Banane. Gleichzeitig versuchte sie, mit Sport ein Mehrfaches an Energie zu verbrennen. «Mein Ziel war es, kalorienmässig unter null zu kommen», sagt sie. Vor zwei Jahren erkrankte die heute 17-jährige Zürcherin an Magersucht. Sie habe selbst lange nicht realisiert, wie sie immer tiefer in die Krankheit hineingerutscht sei. Es habe nur einen Gedanken gegeben: «Hauptsache, ich muss nicht essen. Hauptsache, ich nehme nicht zu. Hauptsache, die Waage zeigt morgen noch weniger an», sagt sie, sitzt in der Ecke des Sofas, streicht die kurzen Haare immer wieder aus dem Gesicht und zieht die Knie zum Körper.

Doppelt so häufig wie in Deutschland

Lea ist kein Einzelfall. Im europäischen Vergleich sind Essstörungen in der Schweiz überdurchschnittlich häufig. 3,5 Prozent der Bevölkerung leiden oder litten daran. Bei den Frauen ist der Wert mit 5,3 Prozent deutlich höher als bei den Männern mit 1,5 Prozent. Dies zeigt die Studie «Prävalenz von Essstörungen in der Schweiz», in der ein Team der Universität Zürich im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit erstmals untersucht hat, wie verbreitet Essstörungen in der Schweiz sind. Dazu haben die Forscher 10'038 Menschen am Telefon über ihr Essverhalten befragt.

Die Experten unterscheiden drei Störungsbilder. Die Betroffenen hungern wie Lea (Magersucht), haben Heisshungerattacken mit anschliessendem Erbrechen (Bulimie) oder quälen sich mit Essanfällen (Binge Eating Disorder). Zum Vergleich: In Deutschland und den Niederlanden haben nur 1 bis 2 Prozent der Bevölkerung Essstörungen, der europäische Durchschnitt liegt bei 2,5 Prozent. In Frankreich, Belgien und Italien sind die Werte ähnlich hoch wie in der Schweiz, wobei die Schweizer Studie die bisher umfassendste und deshalb aussagekräftigste ist. Besonders Bulimie ist in der Schweiz überdurchschnittlich häufig. Mit einem Anteil von 1,7 Prozent liegt die Schweiz deutlich über dem europäischen Durchschnitt von 0,5 Prozent und dem US-amerikanischen von 1 Prozent.

Warum die Zahlen in der Schweiz hoch sind, sagt die Studie nicht. Und auch die Experten haben dafür noch keine eindeutigen Erklärungen. Gleichzeitig gehören die Schweizer weltweit zu den schlanksten Menschen.

In dieser Nacht wäre sie gestorben

Magersucht endet in ungefähr einem von zehn Fällen tödlich. Auch Lea wäre beinahe verhungert. «Irgendwann bin ich zusammengebrochen.» Schräg findet sie noch heute, dass ihr die Ärzte später sagten, noch eine Nacht, und sie wäre gestorben. Sie hatte einen Ruhepuls von gerade mal 17 Schlägen pro Minute. Bei einer Grös­se von 1,68 Meter wog sie noch 36 Kilo. «Dabei wollte ich mich eigentlich gar nicht umbringen.» Die letzten zwei Jahre hat sie im Krankenhaus und auf Therapiestationen verbracht. Vier Spitalaufenthalte wegen akuten Untergewichts und drei Klinikaufenthalte hatte sie vor ihrem Zusammenbruch bereits hinter sich.

Jetzt ist sie seit sechs Monaten stationär im Zentrum für Essstörungen des Unispitals Zürich. Diese Abteilung, gegründet 1998, war das erste spezialisierte Zentrum der Schweiz. Betroffene können sich ambulant oder stationär behandeln lassen. Ab und zu ist mal ein Mann dabei, doch noch immer sind die überwältigende Mehrheit Patientinnen. Auch im Moment wohnen nur Frauen in dem grossen Haus mitten im Zürcher Universitätsviertel.

Die Ursachen für Essstörungen sind vielfältig, und meist kommen mehrere Dinge zusammen. «Das Schlankheitsideal spielt sicher eine Rolle», sagt Gabriella Milos, Leiterin des Zentrums. Der Druck habe sich in den letzten zehn Jahren ausserdem verstärkt, Schlankheit bedeute nicht mehr nur Schönheit, sondern stehe zusätzlich auch noch für Gesundheit. «Es braucht zudem eine gewisse genetische Veranlagung, um in eine Essstörung zu rutschen», sagt Milos. Viele Fragen seien in diesem Bereich jedoch noch offen.

Zum Essen wird am Unispital niemand gezwungen. Die Patientinnen können jedoch nur bleiben, wenn es mit dem Gewicht langsam, aber stetig aufwärtsgeht. 14 Kilo hat Lea inzwischen zugenommen, nur noch zwei fehlen bis zum Mindestgewicht von 52 Kilo, das sie erreichen soll. Noch immer ist sie sehr schlank, aber die Krankheit sieht man ihr nicht mehr auf den ersten Blick an. «Lange wollte ich gar nicht zunehmen», sagt Lea.

In einer siebenmonatigen Therapie im Kinderspital habe sie es bis fünf Kilo unter das Mindestgewicht geschafft. Dann überredete sie ihre Eltern, dass sie nach Hause kommen durfte, und hungerte dort in drei Wochen wieder zehn Kilo weg. «Ein bisschen war da auch Trotz dabei», sagt sie heute. Sie könne doch genauso gut mit heftigem Untergewicht leben, habe sie damals gemeint – sich aber immer mehr abgeschottet. «Ich hatte für nichts mehr Kraft, war total niedergeschlagen und habe niemanden an mich herangelassen.» Trotzdem habe sie grosses Glück, ihre Freunde hätten immer zu ihr gehalten.

Magersucht verdrängt andere Probleme

Lea kann sich nicht so richtig erklären, wa­rum sie magersüchtig wurde. Eigentlich habe sie gar nicht abnehmen wollen. Und viele hätten auch gesagt: «Bei dir hätte ich das nie gedacht.» Angefangen hat alles mit einem Schüleraustausch in England. «Da haben mich vorher alle gewarnt: ‹Werd ja nicht dick mit dem ganzen Fastfood.›» Dabei war Lea immer schon sehr schlank. Sie fühlte sich nicht wohl in der Gastfamilie, und irgendwann kreisten die Gedanken nur noch ums Kalorienzählen. «Die Magersucht ist auch ein Weg, sich nicht mit anderen Problemen beschäftigen zu müssen.»

Gefahren von Übergewicht-Kampagnen

Immer wieder wird Kritik an der Schweizer Präventionspolitik laut. «Prävention darf nicht nur auf das Thema Übergewicht fokussieren», sagt Dagmar Pauli, Chefärztin des Kinder- und Jugendpsychia­trischen Dienstes der Universität Zürich. Die Schweizer Gesundheitspolitik habe in den letzten Jahren zu wenig Anstrengung ins Vermeiden von Essstörungen gesteckt. Schlimmer noch: Die zwar gut gemeinte Aufklärungskampagne zur Fettleibigkeit könne bei Kindern und Jugendlichen, die anfällig sind für Essstörungen, negative Folgen haben. «Kindergartenkinder und Primarschüler sollen sich nicht mit Nährwerttabellen beschäftigen und der Frage, was gesundes Essen ist», sagt Pauli. Viel wichtiger sei es, mit den Kindern zusammen zu kochen und zu essen.

Essen solle etwas Unbeschwertes sein und auf keinen Fall negativ behaftet. «Viele sind überfordert, wenn man sie mit Informationen zu gesunder Ernährung überschüttet», sagt auch Milos. Und man rede zu wenig über die Gefahren des Untergewichts. Eine Diät im Teenageralter zählt zu den Risikofaktoren für eine Essstörung.

Mit dem Wunsch, ein wenig abzunehmen, schlich sich auch bei Sophia eine Essstörung ins Leben. Die 21-Jährige macht ebenfalls eine stationäre Therapie im Unispital. «Ich war früher eher kräftig», sagt sie. Sie machte eine Diät, bekam Komplimente, nahm weiter ab. Und merkte irgendwann, dass sie nicht mehr aufhören konnte. «Ein Todesfall in der Familie hat mich letzten August zusätzlich belastet, und ab da ging es rasant bergab.» Sophia ass kaum mehr. Einen neuen Job als Verkäuferin verlor sie nach zwei Monaten, weil sie körperlich nicht mehr in der Lage war, die langen Arbeits­tage durchzustehen.

Bei Besorgnis früh reagieren

Für Eltern haben die Experten verschiedene Ratschläge: Wichtig sind regelmässige Mahlzeiten. Und: «Man muss das Selbstwertgefühl der Kinder stärken», sagt Pauli, «ihnen sagen, was sie gut machen, dass sie schön sind, auch in der Pubertät noch.» Und wenn sich jemand Sorgen mache, das eigene Kind könnte ein gestörtes Essverhalten zeigen: möglichst früh professionelle Hilfe suchen. Am Kinderspital Zürich gibt es etwa eine ambulante Sprechstunde, wo Betroffene schon Hilfe bekommen, bevor sie richtig in die Störung abrutschen. Auch Eltern können sich beraten lassen.

In einer Studie der Freiburger Psychologin Caroline Bender beklagten sich 33 Prozent der 8- bis 14-jährigen Mädchen, sie fühlten sich zu dick.

«Auch die digital retouchierten Bilder bleiben nicht ohne Wirkung», sagt Psychiaterin Pauli. Obwohl jeder wisse, dass die Bilder dünner, makelloser Models mit Photoshop geschönt seien, beeinflussten sie uns. «Wir können uns dem nicht entziehen», sagt Pauli, «und die Jugendlichen, die in einer schwierigen Übergangsphase in ihrem Leben stecken, noch viel weniger.» Das sei jedem klargeworden, als eine Kosmetikfirma eine Werbekampagne mit «real women» gestartet habe. «So sehen wir alle aus, und trotzdem irritieren einen die Bilder irgendwie.»

Superman schaffts auch ohne Sixpack

Um digital geschönte Bilder und Schönheitsideale geht es auch an einem Aufklärungstag in der siebten Klasse der Orientierungsschule Kerzers BE. «Natürlich beschäftigt uns das», sagt Catarina, 14, und lacht. «Eigentlich den ganzen Tag», ergänzt sie, und Kollegin Leonie nickt zustimmend. Was die Mädchen den ganzen Tag umtreibt, ist die Frage, wer schön ist, was schön ist, wer dünn, dick, attraktiv, hässlich. Catarina und Leonie haben gerade mit der ganzen Klasse am Workshop «Body­talk» teilgenommen – ein Präven­tionsprogramm für Kinder und Jugendliche. Es soll ihnen ein gutes Körper- und Selbstwertgefühl vermitteln und so vor Essstörungen schützen.

Eine Viertelstunde zuvor machte Leonie grosse Augen, als die Kursleiterin zwei Hosen hochhielt. Beide hatten Grösse 38, doch der Hosenbund des einen Modells war um ganze fünf Zentimeter breiter. Die Grössen seien nicht festgelegt und variierten je nach Hersteller enorm, erklärt die Kursleiterin. Niemand müsse sich für zu dick halten, nur weil mal die Hose in der Grösse, die man normalerweise trage, nicht passe.

Zu Beginn des Workshops werden zwei Plastikfiguren von Superman in die Höhe gehalten. Die eine ist neu und muskelbepackt, die andere aus den achtziger Jahren. Stark war Superman zwar auch damals schon, doch Sixpack und Waschbrettbauch zeichneten sich nicht ab. Die Kursleiterin bespricht mit den Jugendlichen, wie sich auch Jungs heute vermehrt dem Fitness- und Schönheitsdiktat beugen. Beispielsweise ins Fitnessstudio rennen, sich die Brusthaare entfernen. Der 13-jährige David murmelt: «Roger Federer hat aber ziemlich viel Haare auf der Brust.»

Anschliessend tragen die Jungen und Mädchen in getrennten Gruppen zusammen, wie ein idealer Mann, eine ideale Frau heute auszusehen hat und wie wenig davon Realität oder vom Einzelnen beeinflussbar ist. Alle sollen dann an eine geliebte Person denken und auf einem Blatt fünf Gründe aufschreiben, warum sie diesen Menschen mögen. In der anschliessenden Auswertung zeigt sich, dass das Aussehen 20-mal vor kommt, Eigenschaften hingegen 98-mal genannt wurden.

Menschen mit Essstörungen messen dem Aussehen jedoch eine übermässig grosse Rolle bei. Zudem geraten die Körperwahrnehmung und das Selbstbild durcheinander. Auch wenn Magersüchtige nur noch Haut und Knochen sind, sehen sie sich selbst im Spiegel als übergewichtig. Das ging auch Lea so. Sogar kurz vor dem Zusammenbruch habe sie gefunden, da und dort könne es noch etwas weniger sein. «Und dies, obwohl ich schon Kinderkleider kaufen musste; oben passten die Hosen, aber sie waren viel zu kurz.»

Nun müsse sie glauben, was die Therapeuten zu diesem Thema sagten. Ihre eigene Wahrnehmung habe sich noch nicht geändert. «Es ist einfach ein Aushalten.» Trotzdem gibt es auch Zuversicht. Mit der Gewichtszunahme kämen Energie und Lebensfreude zurück. Das Gymi musste Lea abbrechen, doch im Sommer beginnt sie eine Ausbildung als Grafikerin und zieht in eine begleitete Wohngruppe.

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