Frage von Martha G.: Mein Mann, der vor zehn Jahren verstorben ist, kränkte mich oft und betrog mich mit anderen Frauen. Obwohl ich dagegen kämpfe, kommt immer wieder Bitterkeit hoch. Kann mir da ein Psychologe helfen, auch wenn ich schon 75 bin?

Davon bin ich überzeugt. Natürlich muss die «Chemie» stimmen, damit Sie sich verstanden fühlen und Vertrauen entwickeln können. Am besten führen Sie zwei, drei Erstgespräche mit Fachpersonen, um sich danach für jene zu entscheiden, bei der Sie das beste Gefühl haben. Früher glaubte man, die Persönlichkeitsentwicklung sei mit Beginn des Erwachsenenalters so um die 20 abgeschlossen. Heute wissen Experten, dass die Seele bis zum Tod lernfähig bleibt. Jede Lebensphase bringt auch wieder neue Aufgaben, Herausforderungen und Konflikte, die wir kreativ bewältigen müssen.

In Ihrem Fall geht es darum, ein «unerledigtes Geschäft» aus der Vergangenheit abzuschliessen, denn die Zeit allein heilt keine Wunden. Ihre Verbitterung verschwindet nur, wenn Sie die Kränkungen und die Hassgefühle von damals nochmals durchleben. Dabei ist es wichtig, zum Kern des Problems vorzustossen und nicht einfach Beispiele aus der Vergangenheit zu erzählen.

Zuerst müssen Sie eine treffende und knappe Formulierung Ihrer Gefühle finden. Bereits dieser Schritt und das Teilen der Erkenntnis mit dem Therapeuten wird Ihnen Erleichterung bringen. Oft gehört in einem solchen Fall aber auch noch ein phantasiertes Gespräch mit Ihrem verstorbenen Mann dazu, um das Thema zu einem Abschluss zu bringen.

Wenn die Gefühle bis in alle Tiefen ausgelotet, erkannt und mitgeteilt wurden, ist es Ihnen vielleicht sogar möglich, Ihrem Mann im Nachhinein zu vergeben. Dieses Verzeihen können Sie aber nicht erzwingen; es ist wie ein Geschenk, das entlastet und befreit.

Umprogrammierung des Seelenlebens

Erfolgreiche Psychotherapie bewirkt so etwas wie ein Umprogrammieren des Seelenlebens. Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze:

  • Die Verhaltenstherapie geht davon aus, dass alles Unerwünschte gelernt wurde und auch wieder verlernt werden kann. Klassische Anwendungsbeispiele sind das Wegtrainieren von Ängsten oder das Antrainieren von Durchsetzungskraft.
  • Das andere therapeutische Muster baut auf der Wirksamkeit von Erkenntnis auf. Vor 100 Jahren hat Sigmund Freud entdeckt, dass unbewusste lebenseinschränkende Konflikte konstruktiv gelöst werden können, wenn sie im therapeutischen Gespräch ins Bewusstsein gehoben werden. Sobald das Problem mit Leib und Seele, mit Herz und Verstand erfasst wird, kommt man einen Schritt weiter. Quälende Symptome verschwinden allmählich, und die Freiheit in der Lebensgestaltung nimmt wieder zu.

Was Freud durch Beobachtung und scharfsinnige Spekulation erkannt hat, wird durch die moderne Hirnforschung bestätigt. Bildgebende Verfahren beweisen etwa, dass eine erfolgreiche Therapie von Depressionen zum Verschwinden von Ablagerungen in einer bestimmten Hirnregion führt. Psychotherapie bedeutet aus dieser Sicht ein Aktivieren alter destruktiver Hirnprogramme: Sie werden durch die Bearbeitung im Gespräch verändert und anschliessend neu so abgespeichert, dass sie das Wohlbefinden weniger beeinträchtigen. Dieser Prozess ist in jedem Alter möglich.

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