«Das Sprechen mit dem Buschauffeur während der Fahrt ist verboten.» Das Schild im Postauto vom Bahnhof Versam-Safien ins Safiental ist reine Dekoration. Denn kaum eingestiegen, reden die Passagiere wie wild auf den Fahrer ein. Wollen wissen, ob das «Turrahus» hinten im Tal geöffnet hat. Berichten, wer wen heiraten wird. Der Bus, die Klatschbörse der Berggebiete.

Dann setzt sich das Fahrzeug in Bewegung und windet sich das nur teilweise asphaltierte Strässchen den Hang hoch. Vom Blick in die Rheinschlucht mit ihren Kalksteinwänden ist Leuten mit Höhenangst dringend abzuraten.

«Nicht am Ende der Welt»

Nach dem Dorf Versam hat der Kanton ein kurzes Stück zweispurig ausgebaut für stolze 42 Millionen Franken. Es dürfte wohl noch Jahre dauern, bis die rund 25 Kilometer lange Talstrasse mit allen Tunnels fertig gestellt ist. Bei starken Schneefällen ist man schon mal von der Aussenwelt abgeschnitten. Je weiter man ins Tal gelangt, desto stärker öffnet es sich. Durch die Schlucht schlängelt sich die Rabiusa, an den Hängen liegen kleine Walsersiedlungen und Einzelhöfe mit sonnengegerbten Fassaden.

«Wir leben nicht am Ende der Welt, sondern in einer der schönsten Ecken Graubündens», steht im Ferienprospekt der Verkehrsvereine Safien, Tenna, Versam und Valendas. Der gemeinsame Prospekt der Talgemeinden, prämiert mit dem letztjährigen Hauptpreis der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB), ist ein kräftiges Lebenszeichen der Talbewohner. Geworben wird für einen sanften Tourismus mit Schneeschuh-und Bergwandern, Wildbeobachtungen, Eisklettern und Walserkultur.

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Maria Hunger-Fry, Präsidentin und ehrenamtliche Geschäftsführerin des Verkehrsvereins Safien, ist der Motor des Tourismusprojekts. Die 46-Jährige kam vor über 20 Jahren aus der Surselva hierher. «Ich wollte eigentlich nur zwei Jahre bleiben», lacht sie. Es kam anders. Die Gründe dafür sitzen am Küchentisch: Ehemann Felix sowie die drei Söhne Diego, Adrian und Lucian. Die beiden Jüngsten erzählen aufgeregt vom Theaterstück, das zur Einweihung der neuen Mehrzweckhalle gespielt wird.

Zurzeit besuchen 42 Schülerinnen und Schüler aus den acht Fraktionen Safiens das einzig verbliebene Schulhaus. Ab Herbst wird die Oberstufe zentral in Valendas geführt. Die Turnhalle ist eine Investition nach dem Prinzip Hoffnung. Denn 2001 kam in der Gemeinde kein Kind zur Welt. Junge Leute müssen das Tal verlassen, wenn sie einen Beruf erlernen oder weiterführende Schulen besuchen wollen.

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Felix Hunger-Fry bedauert diese Entwicklung: «Viel Intelligenz wandert ab und hinterlässt Lücken.» Der Nachwuchs fehlt in der Schule, als Kunden im letzten Dorfladen, bei der Post und der Bank. Kein Wunder, dass die Poststellen im Safiental schon bald durch ein alternatives Dienstangebot ersetzt oder geschlossen werden sollen. Der Talarzt hat noch einmal pro Woche Sprechstunde im Restaurant Rathaus. Dort bedient auch die Coiffeuse einmal im Monat ihre Kundschaft.

Die neue Mehrzweckhalle wurde grösstenteils im Betrieb von Holzunternehmer Hunger-Fry gefertigt. Seine Frau war anfänglich skeptisch gegenüber der Halle. Sie befürchtete, dass kein Geld mehr für anderes übrig bleiben würde. Trotzdem ging sie zusammen mit halb Safien nach Zürich, um einen Lions-Club zu bewirten. So eindrücklich, dass dieser die Küche in der Halle finanzierte.

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Vorpreschen nicht erwünscht

Nach über 20 Jahren kennt Maria Hunger-Fry das Tal und seine Bewohner. Sie geht auf die Leute zu und wagt Neues. Etwa wenn sie, wie Juni letzten Jahres, eine kulturelle Rundreise in der Gemeinde organisiert mit Sagen und Texten aus dem Tal, mit Konzerten, Fotoausstellungen und Performance-Darbietungen. Dann kommen jeweils Besucher aus der ganzen Region.

Trotz solchen Erfolgs bittet die umtriebige Frau: «Schreiben Sie nicht zu viel von mir.» Leute, die sich engagieren, provozieren schliesslich auch Ablehnung oder Neid. So will Maria Hunger-Fry nicht alles Lob für den preisgekrönten Prospekt einheimsen: «Ich habe die Auszeichnung stellvertretend entgegengenommen.»

Der Werbeträger war das erste vorzeigbare Resultat des Impulsprogramms Safit, lanciert von Christian Buchli aus Versam. Auch der Kantonsangestellte weiss, dass Vorpreschen nicht gut ankommt. Daher liess er die Privatinitiative vor drei Jahren von allen Gemeindevertretern absegnen. Bei der SAB und der Schweizer Berghilfe holte er sich die finanziellen Zusagen für den Start. Inzwischen sind neben dem Tourismusprospekt bereits Schulprojekte und eine Alpzusammenlegung realisiert.

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Das Safier Heimatmuseum liegt auf Camana-Boda. Hier oben finden sich noch Alpweiden mit reicher Flora. Sie kontrastieren mit zu stark gedüngten Löwenzahnwiesen und den betonierten Alpzufahrten, die die Hänge durchziehen. Da wurde in den letzten Jahren mit der ganz grossen Subventionskelle angerichtet. Anderseits wäre das Safiental wohl schon längst entvölkert, hätte man die Berglandwirtschaft nicht massiv gestützt. Drei Viertel der rund 350 Safier leben davon.

Auch Oskar Zinsli. Der 63-Jährige ist gerade dabei, die Weidezäune herzurichten. Anfang Mai lag hier noch ein halber Meter Neuschnee, nun sind die Wiesen voll im Saft. Der Zwang zur Grösse hat auch das Safiental erfasst. Von den 100 Landwirtschaftsbetrieben, die es in den fünfziger Jahren hatte, ist noch knapp die Hälfte übrig. Bergbauer Zinsli war zwölf Jahre lang Gemeindepräsident und hat gelernt, nicht alles durch die «Stallbrille» zu sehen. «Wir haben zu wenig Alternativen zur Landwirtschaft», sagt auch er.

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