Mit ihrem Lachen wirkt sie wie eine Frau, die viel Zeit auf der Sonnenseite des Lebens verbracht hat. Das täuscht. Erika Gehr heiratet 1959, um dem ­Elternhaus zu entkommen, in dem es keine Liebe für sie gibt – und landet bei einem Mann, der trinkt, schlägt und schreit, 46 Ehejahre lang. Erika Gehr lässts geschehen, zieht vier Kin­der gross. Schuftet als Putzfrau in Banken und Bürgerhäusern St. Gallens, ohne je Geld zu sehen: Der Mann nimmt alles. «Es gab damals keine Frauenhäuser, wo man hätte Hilfe holen können, und die Polizei griff bei häuslicher Gewalt nicht ein», sagt sie. Sie hält durch.

Der Mann stirbt 2005 und hinterlässt ein Chaos. Als einstiger Betreiber eines Brockenhauses vererbt er ihr Mehrwertsteuerschulden von über 15'000 Franken. «Ich hatte keine Ahnung, wie ich diese Schuld begleichen sollte», sagt Erika Gehr. «Erspartes war keines da, eigenes Geld hatte ich nie.» AHV, Ergän­zungsleistungen und die Unterstützung eines Sohnes bringen ihr im Monat etwa 2800 Franken. Doch sie hat Glück: Ihre Schwester springt ein, übernimmt den Betrag. Aufatmen kann die Rentnerin aber nur kurz: Schon bald flattert erneut eine Rechnung ins Haus, Verzugszinsen für die Mehrwertsteuer, fast 7000 Franken. Und Gehr, die manchmal tagelang nichts anderes isst als Tomatenreis, damit das Geld reicht, weiss: Jetzt kann ihr die Verwandtschaft nicht mehr helfen. Sie wird die Schuld abstottern müssen, trotz knappem Budget, jahrelang.

Es kam zum Glück anders. SOS Beobachter und andere Stiftungen übernahmen den Gross­teil der Schulden, die Erika Gehr unverschuldet aufgebürdet bekam. Die 70-Jährige, die so gerne lacht und ihre Besucher stolz in ihren Garten in Hagenwil TG führt, sieht nun endlich ruhigeren Zeiten entgegen. «Das Eis ist zwar dünn, jede unerwartete Rechnung kann mein knappes Budget aus dem Gleichgewicht bringen», sagt sie. Doch sogleich fügt sie an, ohne Bitterkeit, tapfer lächelnd: «Aber es geht mir gut. Die schlimmsten Zeiten sind vorbei.» 

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