An diesem Mittwoch berichtet das Radio vom jüngsten Projekt des Züriwerks: 40 Behinderte ziehen in die neue ­Genossenschaftssiedlung im Zürcher Hochhausquartier Leutschenbach ein. 30 werden dort auch arbeiten. Behinderte und Nichtbehinderte sollen sich im Alltag möglichst oft über den Weg laufen. So lösen sich Vorurteile schnell in Luft auf. Es sei einmalig, mitten in einer grossen, neuen Wohnüberbauung zu sein, meint Christoph Meyer von der Stiftung Züriwerk. Und der ­behinderte Roland Witsch spricht es so herzhaft ins Mikrofon, dass seine Freude förmlich aus den Lautsprechern sprudelt: «Es macht einfach Spass und ist eine Abwechslung.»

Schwarzenegg im Berner Oberland. Sattgrüne Wiesen ziehen sich über den langgestreckten Bergrücken, aus dem schwarzgrünen Wald steigen die letzten Fetzen der Regenwolken. «Recht zentral und dennoch eine Idylle im ländlichen Gebiet», so beschreibt die Gemeinde die Randlage auf ihrer Homepage. Vom Gemeindehaus geht es dann aber noch gut einen Kilo­meter an Wiesen und urchigen ­Bauernhäusern vorbei. Dann erst ist man beim Wohnheim Höchmatt.

Ein Leben im Rhythmus der Natur

«Wer zu uns kommt, muss auf dem Land leben wollen. Sonst geht das gar nicht», lacht Heimleiterin Tanja Wulff. Schon beim Eintrittsgespräch mache sie das Interessierten klar, so dass sich bisher niemand mit romantisierenden Vorstellungen auf die Höchmatt verirrt habe. Denn hier sei man geografisch etwas isoliert. Möglichkeiten für den Ausgang fehlen fast vollständig. Man kann nicht einmal schnell in eine Beiz gehen.

Die Höchmatt, das sind vier Häuser, in denen 21 Menschen mit Behinderung leben und arbeiten, die von 17 Personen betreut werden. Hinzu kommen zwei Ställe mit Rindern, Schweinen, Kaninchen, Eseln und Katzen. Das Leben ist vom Rhythmus der Jahreszeiten und der Arbeit auf dem Hof geprägt. Ein bewusst gewähltes The­rapiekonzept, sagt Wulff. Ihre Eltern, die das Heim vor über 40 Jahren gründeten, hätten früh die Sinnhaftigkeit des ­Arbeitens mit Tieren und in der Natur erkannt. Die wiederkehrenden Pflichten geben Halt und Orientierung, so die Idee.

Wohnheim Höchmatt

  • Bietet Menschen mit Behinderung ein Zuhause, in dem sie leben, arbeiten und alt werden können.

  • SOS Beobachter beteiligt sich mit 5000 Franken am Bau eines neuen Hühnerstalls.
Quelle: Marco Frauchiger

Die Höchmatt ist das bäuerliche Gegenkonzept zum urbanen Integra­tionsmodell des Züriwerks – und funktioniert quasi natürlich. Zum Beispiel im Eselstall, wo jeden Tag eine andere Gruppe Betreuter die anfallenden Arbeiten erledigt, wo sie füttern, misten und die Tiere pflegen. Höhepunkt sind jeweils die Eseltrekkings. Sie sind so etwas wie das Markenzeichen der Höchmatt geworden.

«Wenn wir mit den Eseln unterwegs sind, haben alle eine feste Auf­gabe. Und alle wissen: Wenn nur einer seine Rolle nicht erfüllt, bleiben die Esel stehen.» Die Höchmatt sei zwar ein «Heim mit Beschäftigung», wie das in ­offiziellem Amtsdeutsch heisst. «Wir wollen unsere Bewohner aber nicht bloss beschäftigen, sondern sie als Mitglieder der ­Gesellschaft anerkennen, indem wir ihnen eine ­sinn­volle und notwendige Tätigkeit geben», sagt Tanja Wulff.

Liebe Leserinnen und Leser

Ein Hühnerstall für Behinderte, ein Kühlwagen für ein Sozialwerk, das Lebensmittel an Bedürftige verteilt – wir von SOS Beobachter unterstützen neu auch präzis umrissene Projekte gemeinnütziger Institutionen. Nicht weil Neues immer besser wäre. Sondern weil wir überzeugt sind, dass damit Ihre Spenden so wirksam wie nur möglich eingesetzt werden können. Aber klar: Schwerpunkt unserer Tätigkeit ist und bleibt die Direkthilfe an Einzelpersonen. Und die ist nötiger denn je.

Bei SOS Beobachter gingen allein in den letzten zwölf Monaten gegen 3000 Unterstützungsgesuche ein. Hinter fast jedem steht eine Geschichte von Menschen, die nicht mehr weiterwissen. Und in jedem Fall wägen unsere Experten genau ab, ob Hilfe nötig ist und welche Form der Unterstützung die beste Wirkung entfaltet.

So war das auch beim Wohnheim Höchmatt. «Täglich wiederkehrende Pflichten wie die Arbeit im Hühnerstall geben Halt und Orientierung», sagt Heimleiterin Tanja Wulff. Und sind die beste Basis für eine wirkungsvolle Therapie.

Roland-Wahrenberger-024.jpgIhnen, liebe Spenderinnen und Spender, danke ich herzlich, dass Sie so etwas möglich machen!

Roland Wahrenberger,
Präsident der Stiftung SOS Beobachter 


Spendenmöglichkeiten:

  • Postkonto: 80-70-2 
  • IBAN: CH84 0900 0000 8000 0070 2 (Empfänger: Stiftung SOS Beobachter, 8021 Zürich)
  • SOS Beobachter ist als gemeinnütziges Hilfswerk anerkannt. Ihre Spende ist steuerabzugsfähig. Weitere Informationen: www.sosbeobachter.ch


Wie viel Dankbarkeit und Erleichterung Ihre Spenden bei diesen Menschen auslösen können, zeigen die überwältigenden Reaktionen, die wir jeden Tag erhalten:

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Ein Hühnerstall kostet

Die Höchmatt ist ein kleiner Planet, der möglichst viel für den Eigenbedarf selbst herstellt. Entsprechend vielfältig sind die Arbeiten. Im Stall, auf dem Feld, im Holz und im Haus – überall beteiligen sich die Behinderten und können Ver­antwortung übernehmen. Wie auf jeden Bauernhof ­alter Schule gehörten zur Höchmatt nicht nur Rinder und Schweine, sondern ­lange Zeit auch Hühner. Doch irgendwie seien sie abhandengekommen. Und irgendwann hätten sie im Heim realisiert, dass die Hühner fehlen.

So entstand das Projekt für einen neuen Hühnerstall, und alle waren begeistert. Aber schnell realisierte man: Betonsockel, Zäune, Wasser- und Stromleitungen – das ­alles kostet und lässt sich trotz eigener Schreinerwerkstatt nicht im Rahmen des Budgets finanzieren. Tanja Wulff suchte darum Sponsoren. Und wurde – nach diversen Absagen – bei SOS Beobachter fündig.

Bisher ragt zwar erst ein blauer Schlauch in die Höhe, und die Profile stecken im Rasen, doch der Hühnerstall ist an der wöchentlichen Betreutenkonferenz immer das grosse Thema. «Bauprojekte sind sehr wichtig. Un­sere Bewohner lieben das. Wir müssen ja auch immer an Baumessen gehen», sagt Tanja Wulff. «Hühner, die passen einfach zur Höchmatt!»

Erstmals Geld für eine Institution

Der Hühnerstall auf der Höchmatt bringt auch für die Stiftung SOS Beobachter ein neues Kapitel. Es ist eines der ersten Projekte, bei denen das auf Individualhilfe spezialisierte Hilfswerk eine Institution unterstützt. ­Wa­rum dieser Wechsel? «Es ist kein ­eigentlicher Wechsel, sondern eine ­Erweiterung unserer bisherigen Tätigkeit», sagt SOS-Geschäftsleiter Walter Noser. «Wenn wir solche Projekte ­unterstützen, erhoffen wir uns, damit die Wirkung der Spenderfranken zu ­multiplizieren.»

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«Hühner, die passen einfach zur Höchmatt!»

Tanja Wulff, Leiterin des Behindertenwohnheims Höchmatt

Der Hühnerstall für die Höchmatt sei geradezu exemplarisch für diesen Ansatz: ein präzis umrissenes Projekt, das von der öffentlichen Hand nicht ­finanziert würde. Er eröffne den ­Bewohnern der Höchmatt aber ein zusätzliches Feld, das ihrer Arbeit Sinn gebe. «Und das», sagt Noser, «ist schliesslich entscheidend für ein erfülltes Leben.»

Höchmatt-Leiterin Tanja Wulff freut sich, dass endlich Bewegung in das Hühnerstall-Projekt gekommen ist und man schon bald das Gegackere der Hühner rund um das Heim vernehmen kann. Die Bewohner selber haben einen etwas bodenständigeren Zugang. Die Freude über das Bauprojekt ist nicht ganz uneigennützig. Denn was im Garten wächst und auf den Wiesen herumläuft, landet in der Höchmatt irgendwann auch auf dem Teller. So auch die Eier. «Und», sagt Tanja Wulff, «das fägt doch, oder?»

Man spürt die Sparpolitik

SOS Beobachter hat in letzter Zeit immer mehr Anfragen für Projekte erhalten. Das habe nicht nur mit der Statutenänderung zu tun, die neu auch die Unterstützung für genau umrissene Projekte von Institutionen vorsieht. «Offensichtlich bekommen immer mehr Organisationen die Sparpolitik von Gemeinden und Kantonen zu spüren. Und sehr oft sind jene betroffen, die sich nur schlecht wehren können und für die keine ­Lobby einsteht», sagt Walter Noser.

SOS Beobachter ­unterstütze aber nur Projekte für Menschen, die tatsächlich in Not sind. «Wir würden niemals auch nur einen Franken an das Hühnerstall­projekt eines Internats in St. Moritz ­geben – obwohl den Kindern super­reicher Eltern die Arbeit mit Hühnern vielleicht auch guttäte.»