Er hörte noch, wie der Motor lauter wurde, wie der Fahrer beschleunigte. «Wir hatten kurz Augenkontakt, und ich dachte: Wieso bremst der nicht?» Es war zu spät. Oliver Mohr*, auf dem Velo unterwegs, wurde von der Front des von rechts kommenden Subaru Forester erfasst. Auf Überwachungsbildern ist der Unfall, der sich kurz vor Weihnachten 2018 mitten in St. Gallen ereignete, schwammig zu sehen. Das weisse Auto aber ist erkennbar – ein Fahrzeug der Stadtwerke; der Fahrer trägt gelb leuchtende Arbeitskleidung. 

«Nach dem Aufprall sah ich, wie der Fahrer ausstieg, sein Auto checkte und wieder davonfuhr», erzählt der heute 19-jährige Oliver Mohr. Er richtete sich auf, zog sein lädiertes Velo von der Strasse, Schürfwunden an Händen und Armen. Hatte ein Stadtmitarbeiter soeben Fahrerflucht Fahrerflucht Zum Schaden die Kosten? begangen? 

Pflichtwidriges Verhalten

Oliver Mohr erstattete Anzeige. Bei der Stadtpolizei sagte er aus, dass der Autolenker weitergefahren sei – «ohne mit mir Kontakt aufzunehmen». Das wäre nach Artikel 92 Strassenverkehrsgesetz pflichtwidriges Verhalten nach einem Unfall – ein Offizialdelikt Straftaten Wir alle sind Verbrecher , das von Amtes wegen strafrechtlich verfolgt wird. 

Auf den Strafprozess wartete Oliver Mohr jedoch vergebens. Ein halbes Jahr nach dem Unfall erhielt er Post von der Staatsanwaltschaft Strafuntersuchung Kann man mich einfach verhaften? . Das Verfahren wurde eingestellt, der Student bekam einen Strafbefehl mit einer Busse von 600 Franken. Weil er damals, beim Unfall, den Fussgängerstreifen bei Gelb überquert hatte. Dass er mit dem Fahrrad auf dem Fussgängerstreifen unterwegs war, war zwar gesetzeswidrig, wurde im Tatbestand jedoch nicht erwähnt. Das Fehlverhalten des Autofahrers, der jemanden anfuhr, hatte für diesen keine Konsequenzen – er kam unbehelligt davon.

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«Sollte der Unfall vertuscht werden, weil ein Mitarbeiter der Stadt involviert war?», fragt sich Oliver Mohr. Das Protokoll des Untersuchungsamts erwähnt kein pflichtwidriges Verhalten des Autofahrers. Er habe sich zum Unfallopfer begeben und sich nach dessen Gesundheitszustand erkundigt. Stimmt nicht, sagt Oliver Mohr: «Es gab keinen Kontakt oder Wortwechsel.» Das steht in seinem Einvernahmeprotokoll Polizeivorladung Muss die Polizei Auskunft geben? .

Autolenker konnte nicht ermittelt werden

Die Staatsanwaltschaft St. Gallen erklärt, dass bei Diskrepanzen zwischen dem Einvernahmeprotokoll und dem Bericht über die Einvernahme im Polizeirapport das Protokoll berücksichtigt werde.

Der Rapport allerdings fasse alle Beweise zusammen, und auf den Videoaufnahmen Überwachung Sie werden gerade gefilmt der städtischen Verkehrskamera sei eindeutig erkennbar, wie sich der Fahrzeuglenker zu Oliver Mohr begebe. Ob ein Wortwechsel stattfand, sei auf dem Video nicht erkennbar, weitere Hinweise hätte nur eine Einvernahme des Automobilisten liefern können. Doch dieser habe nie ermittelt werden können. Deshalb wurde das Verfahren gegen unbekannt wegen pflichtwidrigen Verhaltens bei Unfall sistiert.

Wurde wirklich alles getan, um den Fahrer ausfindig zu machen? Der Fahrzeugverantwortliche der Stadtwerke gab an, man habe neun solche Autos, und kein Fahrer habe Angaben zu einem Unfall machen können. Auf Vermittlungsversuche von Oliver Mohr und der Ombudsstelle Ombudsstellen Hier finden Kunden Hilfe der Stadt gingen Stadtwerke, Polizei und Staatsanwaltschaft nicht ein.

Oliver Mohr schluckte das zähneknirschend. Er verzichtete auf Einsprache Strafbefehl Wann lohnt sich eine Einsprache? , zahlte 1000 Franken für Busse, Veloreparatur und Arzt. «Es gab wohl kein Interesse, einen Stadtmitarbeiter in eine rechtliche Angelegenheit zu verwickeln», sagt er. «Es beschäftigt mich bis heute, dass mich die Justiz im Stich gelassen hat.»

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