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Dominica«Der Hurrikan hat die Insel kahl gefegt»

Alles verloren, bloss den Mut nicht: Andy Burkard, Christine Roserens und Sohn Jérôme stehen im Wohnzimmer, das keine Aussenwände mehr hat. Bild: Privat

Christine Roserens hat den Hurrikan Maria auf der Karibikinsel Dominica überlebt. Die Schweizer Auswandererfamilie war in ihrem Haus gefangen.

von Jessica Kingaktualisiert am 2017 M10 12

Aufgezeichnet von Jessica King

«Wir hatten uns zu Hause verschanzt, als die ganze Wucht des Hurrikans über uns hereinbrach. Wir hörten ein lautes Pfeifen in der Luft, dann schrie mein Sohn: «Das Dach ist weg!» Eigentlich wollten wir in unseren Schutzraum hinter dem Haus flüchten. Die Windböen waren aber so brutal, dass es lebensgefährlich gewesen wäre. Stattdessen sprinteten wir ins WC. 

Der Wind riss und zerrte an den Wellblechdächern, der Lärm war ohrenbetäubend. Zu dritt kauerten wir auf ein paar Quadratmeter Fläche. Der 15-jährige Sohn sass auf dem WC und stemmte beide Beine gegen die Tür, mein Mann Andy und ich halfen mit den Händen. Trotzdem konnten wir die Tür kaum zuhalten. 

Es stank, weil der Druck von unten die Fäkalien im WC hochpresste. Ich schwitzte, mein Puls raste. Unten an der Tür flutete Wasser rein. Alle paar Minuten mussten wir den Druck in den Ohren ausgleichen, als ob wir in einem Flugzeug sässen. Der Regen weichte die Holztür langsam auf, wir konnten nur noch gegen den Rand drücken. Immer wieder machten wir uns Mut: «Wir schaffen das.»

«Keine Wände, kein Dach» 

Dreieinhalb Stunden sassen wir im WC fest, bis der Sturm vorübergehend abflaute. Mein Mann linste zum ersten Mal ins Wohnzimmer. «Keine Wände, kein Dach», sagte er. «Wir haben alles verloren.» In dieser kurzen Pause versuchten wir, doch noch in den Schutzraum zu gelangen. Draussen flog Zeug herum, Glas, Holz, alles. Wir packten uns an den Händen und kämpften uns hinters Haus. Die Türen waren eingedrückt, die Fenster weg. Überall Scherben und Wasser. 

Schliesslich suchten wir Schutz in einem Räumchen, wo wir die Gartengeräte aufbewahren. Meine Heugabel war noch drin, die ich aus der Schweiz nach Dominica mitgenommen hatte. In diesem Raum warteten wir nochmals vier Stunden. Ich fühlte mich wie in einem Film gefangen – Horror und Science-Fiction zugleich.

Als der Hurrikan vorbei war, wurde es draussen hell. Vorsichtig öffneten wir die Tür. Dominica ist sonst sehr grün, aber das ganze Land war jetzt kahl. Keine Pflanze hatte mehr Blätter. Meine Lieblingspalme im Garten, die ich vor 17 Jahren selber gepflanzt hatte, sah aus wie geschält. 

Mit Windböen von bis zu 300 Kilometern pro Stunde hat der Hurrikan wie ein Sandstrahler die ganze Insel dem Erdboden gleichgemacht. Fast alle Telefonmasten brachen auf die Strasse, dazwischen Stereoanlagen, Bücher, Kleider, Surfbretter, alles. 

Komplett zerstört: Das Haus der Familie nach dem Hurrikan.
Komplett zerstört: Das Haus der Familie nach dem Hurrikan.
Quelle: private Aufnahme

Unsere riesige Veranda, die ich so liebte, hat der Sturm über das Haus geschleudert. Auf der Strasse fand ich Dias aus unserer Anfangszeit in Dominica, als wir uns vor 32 Jahren in diese Naturinsel verliebt hatten. Mein Mann und ich sind ETH-Sportlehrer und haben hier ein Sporthilfe-Projekt auf die Beine gestellt, er arbeitet zudem für das Sportministerium.

Weil wir über Nacht obdachlos geworden waren, schliefen wir in der ersten Nacht nach dem Sturm bei der Nachbarin. Bei Kerzenlicht assen wir Spaghetti, und ich merkte, wie ich ruhiger wurde. Am nächsten Morgen erwachte der Tatendrang. Wir bastelten als Erstes ein provisorisches Dach für die Küche, mit der Plane einer Hochsprungmatte aus der Schweiz. Wir mussten räumen, suchen, säubern, bauen. In den ersten zwei Wochen gab es so viel zu tun, dass wir jede Nacht im Schnitt drei Stunden schliefen und jeden Tag nur einmal richtig assen. 

Im Moment haben wir neben Konserven, Reis und Teigwaren kaum frische Nahrungsmittel. Zwei Grapefruits, zwei Orangen, zwei Limetten und eine halbe Süsskartoffel. Und noch ein paar Tafeln Schweizer Schokolade. Immer wenn jemand einen Durchhänger hat, gibts ein Täfeli.

Zerstörung nach Dominica
Unfreiwilliges Grillieren: Der Kochherd hat nicht überlebt.
Quelle: private Aufnahme

Kein Strom, kein fliessendes Wasser

Andere auf der Insel hat es härter getroffen. Wer ein Holzhäuschen hatte, dem bleibt meist nur noch das Fundament aus Zement. Die Schulen dienen als Notunterkünfte, die Kinder werden das Schuljahr wohl wiederholen müssen. Strom und fliessendes Wasser gibts noch nicht. Der Hurrikan ist jetzt fast vier Wochen her. Bis die Insel einigermassen wieder funktioniert, dauert es wohl ein halbes Jahr. Bis alles ist wie vorher, bestimmt Jahre. 

Sobald wir unser Haus gesichert haben, wollen wir im Rahmen unseres Vereins Sport Aid Dominica ein Projekt für Kinder und Jugendliche auf die Beine stellen, damit sie sich mit Sport sinnvoll beschäftigen können. Traurig stimmt mich, dass Gangs von jungen Männern Hotels und Läden ausplündern. Am Anfang gab es keine Möglichkeit, die Polizei um Hilfe zu rufen – das Telefonnetz war am Boden.

Im Moment sind wir gut drauf und motiviert. Die Arbeit ist anstrengend, aber Andy und ich sind ein super Team. Durch eine solche Erfahrung bekommt man einen Blick fürs Wesentliche – man kann mit viel weniger leben, als man denkt. Ich brauche keinen Fernseher. Wir haben uns. Das ist das Wichtigste.»

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Reto Stauffacher, Online-Redaktor

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