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Alfred Russel WallaceHeller Kopf in Darwins Schatten

Zur selben Zeit wie Charles Darwin beschrieb Alfred Russel Wallace die Gesetzmässigkeiten der Evolution.

Pionier der Biogeographie: Alfred Russel Wallace

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Im Herbst 1876 setzt Alfred Russel Wallace seinen Ruf als hervorragender Naturforscher aufs Spiel. Der Grund ist ein öffentlicher Prozess über Spiritismus. Auf der Anklagebank des ehrwürdigen Londoner Gerichtshofs an der Bow Street sitzt Henry Slade; ihm wird Betrügerei und Irreführung vorgeworfen. Der Amerikaner versucht, die britische Bevölkerung von der Existenz übernatürlicher Wesen zu überzeugen – ein Vorhaben, das im viktorianischen England auf fruchtbaren Boden fällt.

Slade tritt als Medium auf und behauptet, er könne mit Geistern von Toten Kontakt aufnehmen. In seinen Séancen empfängt er angeblich Nachrichten aus dem Jenseits, die auf Schiefertafeln geschrieben werden. Doch zwei Studenten entlarven ihn als Betrüger, indem sie zeigen, dass ­Slade die Nachrichten selbst verfasst. Beim Prozess kommt es zum denkwürdigen Auftritt von Alfred Russel Wallace als Zeuge der Verteidigung: Der Wissenschaftler, der vor 100 Jahren, am 7. November 1913, starb, bekräftigt die Plausibilität spiritistischer Phänomene.

Der 53-jährige Wallace hat zu dieser Zeit bereits einigen Ruhm erlangt als Naturforscher, der unabhängig von Charles Darwin die Prinzipien der Evolutionstheorie beschrieben und die Biogeographie ­begründet hat. Sogar die Royal Society würdigt seine wissenschaftlichen Verdienste mit einer Medaille. Beim Slade-Prozess aber begibt er sich auf Konfrontationskurs gegenüber Darwin, der Geisterbeschwörung für Humbug hält. Darwin bezieht während der Verhandlung Position für die Gegenseite, indem er ­unbemerkt von der Öffentlichkeit die Anklage mit ­einem namhaften Betrag unterstützt. Der Richter verurteilt Slade schliesslich zu drei Monaten Arbeits­lager, weil er ihn für einen Gauner hält.

Wallace glaubte an ein Leben auf dem Mars

Der Prozess wirft ein Schlaglicht auf Alfred Russel Wallace und sein Verhältnis zu Charles Darwin. Obwohl Wallace ein Mann der Wissenschaft ist, glaubt er an Geister. Er ist ein Freidenker und politisch engagiert. Er beschäftigt sich mit Leben auf dem Mars und setzt sich für eine Landreform zugunsten armer Leute ein. Im Gegensatz zu Darwin, dessen Ruf als Wissenschaftler stetig wächst, gerät Wallace aber in Vergessenheit.

Alfred Russel Wallace wird 1823 in einem kleinen Dorf in Wales geboren. Er stammt aus einer «mittellosen Familie der unteren Mittelschicht», wie Matthias Glaubrecht in seiner Wallace-Biographie schreibt, und nicht aus einer begüterten Familie wie Darwin. Die Geldnot der Familie hat für Alfred und seine acht Geschwister zur Folge, dass sie die Schule früh verlassen und Geld verdienen müssen. Als 14-Jähriger folgt Alfred seinem älteren Bruder William nach Bedfordshire in ein Landvermessungsbüro und erlernt dort dank seinem Flair für Mathematik rasch das Handwerk des Geometers. Zu dieser Zeit hat der 14 Jahre ältere Charles Darwin mit der «Beagle» bereits die Welt umsegelt (1831 bis 1836).

Alfred Russel Wallace beginnt sich für die Natur zu interessieren. Er liest über Geologie und Botanik und sammelt Pflanzen. 1844 wird zum Schicksalsjahr für beide Forscher. Wallace erhält eine Stelle als Lehrer. Es ist die einzige bezahlte Festanstellung, die er je haben wird, und sie ermöglicht ihm, frei von Existenzängsten seinen Wissensdurst zu stillen. Er liest die Bücher der führenden Naturforscher und den Essay von Thomas Malthus über die Bevölkerungsentwicklung, in dem dieser wiederkehrende Hungersnöte prophezeit. Wallace lernt den ­Insektenspezialisten Henry Bates kennen, der ihn in die Welt der Käfer einführt.

Charles Darwin wiederum bringt 1844 einen Entwurf über die Entstehung der Arten zu Papier. Allerdings veröffentlicht er seine Ideen nicht, sondern versteckt das Manuskript. Warum, ist bis heute ­ungeklärt. Es wird Wallace sein, der ihn ­14 Jahre später zur Publikation veranlasst.

1847 beschliessen Wallace und Bates, an den Amazonas zu reisen, um Insekten und Vögel zu sammeln. Die Naturschätze wollen sie an Privatleute und Museen verkaufen. Ein Jahr später machen sie sich auf die Reise. Wallace ist begeistert von der farbenprächtigen Vielfalt der Tropen und reist bis an die Oberläufe des Amazonas. Unermüdlich fängt er Vögel, Käfer, Fische, Säugetiere und Schmetterlinge. Im Verlauf der fünf Jahre dauernden Expedition legt er die damals grösste Sammlung von Naturobjekten an, die er präpariert und in Kisten verpackt. Auf der Rückfahrt geschieht das Unglück: Mitten im Atlantik entzündet sich das in Fässern mitgeführte Baumharz. Die Mannschaft flüchtet in die Rettungsboote, die «Helen» sinkt mit Wallace’ Schätzen auf den Grund des Ozeans. Tage später wird die Besatzung von einem Kaufmannsschiff aufgegriffen und nach England gebracht.

Zurück in London, hält Alfred Russel Wallace Vorträge vor Fachpublikum. Zu dieser Zeit trifft er im naturhistorischen Museum auf Charles Darwin. Die erste Begegnung verläuft unspektakulär. Obwohl Wallace sich mit der Frage beschäftigt, wie die Artenvielfalt zustande kommt, sprechen sie wohl nicht über das Thema. Wallace ist noch immer voller Tatendrang und macht sich an die Planung einer nächsten Reise nach Asien. Anderthalb Jahre nach der Rückkehr vom Amazonas reist er auf einem Schiff nach Osten, zur Inselwelt des Malaiischen Archipels zwischen Malaysia und Neuguinea.

Grundprinzip der Evolutionstheorie erbracht

Mit dieser Expedition verdient Wallace nicht nur viel Geld durch den Verkauf seiner Schmetterlinge und Vögel, sie macht ihn wegen seiner Publikationen auch berühmt. Dank seiner Erfahrung erkennt er rasch die feinen äusserlichen Unterschiede, die nahe verwandte Arten trennen. Er stellt auf seinen Expeditionen fest, wie sich die Tierwelt im Westen des Archipels von derjenigen im Osten unterscheidet. Und er findet eine Erklärung für diese Trennlinie, die seither als Wallace-Linie bekannt ist (siehe «Rätselhafte Artengrenze»). Sein Meisterstück aber liefert er auf der Molukkeninsel Ternate ab. Dort bringt er 1858 nach einem Malariaschub innert weniger Tage das Grundprinzip der Evolutionstheorie zu Papier. Er schickt das Manuskript an Charles Darwin, mit dem er korrespondiert, und bittet ihn um eine Stellungnahme.

Für Darwin ist der Inhalt dieses Briefs ein Schock. Seit seiner Forschungsreise zu den Galapa­gosinseln arbeitet er an einer Theorie zur Entstehung der Arten. Nun muss er zur Kenntnis nehmen, wie dicht ihm Wallace auf den Fersen ist. Darwin fürchtet um seinen Ruhm als Entdecker. In der Folge kommt es zu einem «delikaten Arrangement», wie Biograph Glaubrecht schreibt. Darwin informiert seine Freunde bei der Londoner Linné-Gesellschaft über das Manuskript von Wallace und empfiehlt es zur Publikation.

Die einflussreiche Gesellschaft organisiert eine Lesung, an der in Abwesenheit der Autoren sowohl Wallace’ Manuskript als auch Auszüge aus Darwins Arbeiten aus dem Jahre 1844 besprochen werden. Darwins Priorität als Urheber der Theorie wird anerkannt; beide Berichte werden 1858 zusammen publiziert. Charles Darwin arbeitet nun mit Hochdruck an der Fertigstellung und veröffentlicht ein Jahr später sein 500 Seiten umfassendes Buch über «Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl».

Wallace erfährt auf der fernen Molukkeninsel mit Verspätung von den Vorgängen in London. Als Darwins Buch erscheint, verfolgt er Vögel und Schmetterlinge. Nachdem er auf der Insel Ambon ein Exemplar erhalten hat, gratuliert er Darwin per Brief. Auch als er 1862 nach England zurückkehrt, wirft er dem Kollegen nicht vor, ihn um wissenschaftliche Meriten betrogen zu haben. Statt Missgunst äussert er Freude darüber, dass sein Ternate-Artikel mit Darwins Werk publiziert wurde. Später wird er Darwin als alleinigen Begründer der Theorie bezeichnen.

Die Zurückhaltung von Alfred Russel Wallace ist aus heutiger Perspek­tive schwer verständlich. Er hätte sich zumindest rühmen können, zu den gleichen Schlüssen wie Darwin gekommen zu sein; darauf bestehen können, als Ko­entdecker genannt zu werden. Denn das Buch zur Entstehung der Arten, dessen Theorie der Philosoph Herbert Spencer später als Evolutionstheorie bezeichnen wird, wirft hohe Wellen. Nahe­liegend ist die Erklärung, dass Wallace’ Hang zu Übernatürlichem ihm im Weg stand. Die Arten­frage rückte nach seiner Rückkehr in den Hintergrund. Er arbeitete seine Reise­er­lebnisse auf und suchte nach einer Theorie zur Erklärung des Spiritismus.

Sein Glaube an Geister und Wunder hängt vermutlich auch mit einer überraschenden Kritik an der eigenen Evolu­tionstheorie zusammen. Zwar stützt Wallace die Lehre Darwins – aber ausgerechnet beim Menschen hegt er Zweifel. Mit der natürlichen Selektion liessen sich die geistigen Fähigkeiten des Menschen nicht erklären, glaubt er.

Bis zu seinem Tod verteidigt Wallace die Existenz paranormaler Fähigkeiten und zitiert in seinen Arbeiten seitenweise «Medien», die angeblich über Kontakte zur Geisterwelt verfügen. Er ­versucht zu erklären, dass Geister sich manchmal ­materialisieren. In einem intellektuellen Überschlag propagiert er eine spiritis­tische Evolution analog zur natürlichen Selektion der Evolutionstheorie.

Der Evolutionsforscher der ersten Stunde manövriert sich ins Abseits. Doch trotz allem Unverständnis überwiegt bei Charles Darwin Hochachtung gegenüber Wallace. So ist es Darwin, der sich für seinen mittellosen Kontrahenten einsetzt und ihm eine lebenslange staat­liche Pension verschafft. Als Darwin 1882 stirbt, trägt Alfred Russel Wallace den Sarg mit in die Londoner Westminster Abbey.

Buchtipp

Matthias Glaubrecht: «Am Ende des ­Archipels. Alfred Russel Wallace»; Galiani-Verlag, 2013, 444 Seiten, CHF 38.90

Rätselhafte Artengrenze

Im Malaiischen Archipel macht Alfred Russel Wallace eine überraschende Entdeckung: Auf den benachbarten Inseln Bali und Lombok leben je ganz unterschiedliche Pflanzen und Tiere. ­In Richtung Norden setzt sich diese Arten­grenze zwischen Borneo und Sulawesi fort. Wallace erkannte als ­Erster, dass die Ursachen im Untergrund und in Entwicklungen in der Eiszeit liegen: Die Inseln westlich der ­Linie sind mit dem asiatischen Festland, dem Sundaschelf, verbunden. Die östlichen Inseln ­dagegen liegen auf dem australischen ­Sahulschelf. Ein Tiefseegraben trennt die beiden Kontinentalsockel. Während der Eiszeiten bildeten sich innerhalb eines Schelfs Eisbrücken, über die sich Tiere verbreiten konnten. ­Zwischen den Schelfen aber stockten die Wanderungen. Als das steigende Meer später die Inseln isolierte, formten sich unterschiedliche Lebensgemeinschaften. Wallace’ ­Studien über das Phänomen machten ihn zum Begründer der Bio­geogra­phie. Das Fach setzt das Vorkommen von Arten mit der geographischen Geschichte in Beziehung. Die Artengrenze zwischen den indonesischen Inseln wird zu Ehren des Forschers als Wallace-Linie bezeichnet.

Quelle: London Stereoscopic & Photographic Company

Die Evolutionstheorie

Alfred Russel Wallace und Charles Darwin erkannten: Arten sind nicht statisch, sie verändern sich durch Mutationen dauernd. Innerhalb einer Population pflanzen sich die am bes­ten an die Umwelt angepassten In­dividuen fort. Darwins und ­Wallace’ Verdienst ist, dass sie erklärt haben, wie verändernde Umweltbedingungen für manche Spezies einen Überlebens­vorteil bedeuten, während andere aussterben. Im Lauf der Zeit entstehen durch diese Selektion neue Arten.

Veröffentlicht am 05. November 2013