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AlternDas Geheimnis der Unsterblichkeit

Es gibt Spezies wie Grönlandwale oder Zitterpappeln, die erstaunlich alt werden können. Lassen sich daraus Erkenntnisse gewinnen, dank denen das Menschenleben verlängert werden kann?

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Das ewige Leben wurde entdeckt, weil ein Student nachlässig war. Es war im Labor des meeresbiologischen Instituts der Universität von Lecce in Italien. Der junge Mann hätte ein Aquarium versorgen sollen, während sein Professor in den Ferien weilte. Darin lebten Quallen namens Turritopsis nutricula aus dem Mittelmeer. Doch der Student vergass, die Tiere zu füttern.

Als der Professor ins Labor zurückkehrte, traute er seinen Augen nicht – aber nicht, weil seine Nesseltiere gestorben wären. Das Gegenteil war der Fall: Die Quallen hatten sich in Polypen zurückverwandelt – in das Vorstadium der Qualle. Statt wie normale Tiere zu altern und zu sterben, verjüngten sie einfach ihre Zellen und wurden gleichsam zu ihren eigenen Kindern. Entdeckt wurde die einzigartige Verjüngungskur Anfang 1999. Seitdem suchen unzählige Wissenschaftler nach dem Jungbrunnen, der anscheinend in gewissen Tieren steckt.

Und sie fanden ihn auch – beispielsweise in Süsswasserpolypen, die mit den Quallen verwandt sind. Diesen kleinen Tierchen ist eine extrem hohe Regenerationsfähigkeit gegeben: Selbst wenn ihr Körper in 200 Stücke geteilt wird, kann sich aus jedem Teil wieder ein ganzes Tier entwickeln. Sogar die Nervenzellen werden dabei wieder vollständig regeneriert. Daneben brillieren die Polypen mit einer weiteren spektakulären Eigenschaft: Werden ihre Zellen voneinander getrennt, finden sie selbständig wieder zusammen. Ein Süsswasserpolyp, der durch ein Sieb gedrückt wird, kann sich also wieder zu einem Ganzen zusammensetzen. Jede Zelle weiss genau, wohin sie gehört.

Aus eins mach zwei

Ebenfalls erstaunlich gut regenerieren sich einige Arten von Plattwürmern. Schneidet man ein Exemplar mit dem Skalpell entzwei, entsteht aus beiden Teilen ein neuer Wurm. Regenwürmer haben diese Eigenschaft übrigens nicht – entgegen anderslautenden Gerüchten. Gewisse Plattwürmer pflanzen sich sogar fort, indem sie sich einfach in zwei neue Tiere aufteilen. «Das bedeutet letztendlich Unsterblichkeit», sagt Thomas DSouza vom Institut für Evolution und Ökologie an der Universität Tübingen, der die Biologie der Tierchen erforscht.

Schon die allerersten Einzeller kannten das grenzenlose Anti-Aging: Statt sich mit anderen Artgenossen zu paaren, spalteten sie sich einfach in zwei neue Zellen auf und verjüngten sich so ständig selber. Ewiges Leben war eine Selbstverständlichkeit, bis vor rund 600 Millionen Jahren die ersten mehrzelligen Lebewesen auf den Plan traten – und mit ihnen das Phänomen des Alterns und Vergehens. Diesem ist auch unser Körper unterworfen: Er baut schon früh allmählich ab, die Haare werden grau, Falten bilden sich. Irgendwann nehmen dann Krankheiten überhand, und der Tod wird unausweichlich. Damit folgen wir einem exakten Lebensplan, in dem alle Stationen – Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Alter – vorgegeben sind. Auch die allermeisten anderen mehrzelligen Tiere leben ganz nach Plan. Doch bei jeder Tierart sieht dieser Plan anders aus.

Forscher versuchen daher, dem Phänomen des Alterns auf die Spur zu kommen, indem sie die Lebensstationen der unterschiedlichsten Tiere erforschen. So etwa jene des Grönlandwals, der es locker auf 200 Jahre bringt. Einen Beweis für das hohe Alter liefern Speerspitzen aus Feuerstein, die in der Haut verendeter Wale stecken – denn seit über 130 Jahren benutzen die Waljäger nur noch Spitzen aus Metall.

Muscheln aus Galileos Zeiten

Gar bis zu 400 Jahre auf dem Buckel können Islandmuscheln haben. Wer ein solches Tier auf dem Teller liegen hat, sollte sich also bewusst sein, dass es vielleicht zur Zeit geboren wurde, als Galileo Galilei gerade sein erstes Fernrohr konstruierte und die Spanier das Inkareich unterwarfen. Der antarktische Riesenschwamm namens Scolymastra joubini soll gar bis zu 10'000 Jahre alt werden, wie Biologen des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven ermittelt haben. Die Schwämme, die bis zu zwei Meter gross werden können, wachsen im kühlen Wasser extrem langsam.

Noch älter werden bloss einige Pflanzen. So wurde etwa in der amerikanischen Mojavewüste ein Kreosotbusch gefunden, der schon vor 12'000 Jahren zu wachsen begann. Zu jener Zeit war der Mensch gerade daran, den amerikanischen Kontinent erstmals zu besiedeln. In Tasmanien wurde 1934 das vermutlich letzte Exemplar der Lomatia tasmanica entdeckt, dessen Alter auf 43'600 Jahre geschätzt wird. Die ältesten bislang gefundenen Pflanzen sind jedoch Amerikanische Zitterpappeln, die im US-Staat Utah einen ganzen Wald bilden. 80'000 Jahre alt sind die Bäume; sie alle sind Klone einer einzigen Mutterwurzel. Der Fisch namens Eviota sigillata vergreist dagegen schon im Alter von 59 Tagen. Worin liegt der Grund für solch eklatante Unterschiede?

Der Energiehaushalt machts aus

«Jedes Tier und jede Pflanze hat nur ein begrenztes Mass an Energie zur Verfügung», sagt Annette Baudisch vom Max-Planck-Institut für demographische Forschung im deutschen Rostock. «Diese Energie gilt es aufzuteilen, entweder in eine sehr hohe Überlebensrate, was zum Altwerden unabdingbar ist, oder dann in andere Ziele wie etwa in besonders viele Nachkommen.» Der Grund für die unterschiedlichen Lebensspannen liege darin, dass jede Art den Zielkonflikt anders löse.

Gute Beispiele dafür sind Nacktmulle und Mäuse. Beides sind Nagetiere. Doch der Nacktmull wird rund 28 Jahre alt, die Maus dagegen stirbt bereits im Alter von zwei bis drei Jahren. Steven Austad von der texanischen Universität San Antonio hat herausgefunden, was die Lebenspläne der beiden Arten unterscheidet: Der Nacktmull altert weniger schnell, weil seine Zellen mit Verletzungen weit besser zurechtkommen als jene der Mäuse. Offenbar besitzen die Nacktmulle eine aktive Abwehr gegen Schäden, während Mäuse sich weniger intensiv gegen das Altern schützen.

Die Mäuse haben dafür in kurzer Zeit möglichst viele Nachkommen – weil sie viele Feinde haben und diesen fast wehrlos ausgeliefert sind. Indem sie möglichst viele Junge zur Welt bringen, sichern sie das Überleben der Art. Das eigene Überleben gerät dabei ins Hintertreffen. Was auch sinnvoll ist: Warum soll man seine Energie fürs Anti-Aging aufsparen, wenn man nach wenigen Wochen gefressen wird?

Altern ist also die Häufung von Schäden in den Zellen – wobei auch die Erbsubstanz von diesen Schäden betroffen ist. Das ganze Leben ist demnach ein einziger Kampf gegen Zerfallsprozesse. Die Zellen müssen ständig erneuert werden. Fehler sind zu reparieren, laufend muss sich der Körper gegen Krankheiten, Giftsubstanzen und Feinde behaupten. Tiere, die potentiell unsterblich sind, verbrauchen unglaublich viel Energie für diese Reparatur- und Abwehrprozesse. Andere Tierarten, so auch der Mensch, haben im Lauf der Evolution andere Prioritäten gesetzt. «Das Altern ist der Preis dafür, dass wir im jungen Alter alle Energie ins Überleben und in die Fortpflanzung stecken», sagt Professor Dieter Ebert, Evolutionsbiologe am Zoologischen Institut der Universität Basel.

Anti-Aging-Formel für Menschen

Wie der Mensch das gesammelte Wissen für sein eigenes Anti-Aging benutzen könnte, ist trotz aller Forschung noch nicht klar. Dennoch gibt sich Steven Austad, der amerikanische Maus- und Nacktmullforscher, euphorisch: «Ich bin sicher, dass wir in den nächsten Jahrzehnten Wege entdecken werden, wie wir das Altern substantiell aufhalten können», sagte er in einem Interview. «Wir können das tun, indem wir unseren Menüplan anpassen, die Gene verändern oder gewisse Medikamente nehmen.»

Seine Versuchstiere sollen die besten Tricks verraten: Welche genetisch mutierten Tiere leben am längsten? Welche Chemikalien wirken gegen das Altern? Wie kämpfen die einzelnen Zellen genau gegen die Zerfallsprozesse an? Die gewonnenen Erkenntnisse könnten dann auf den Menschen übertragen werden, meint Austad: «Mäuse denken nicht über das Altern nach, der Mensch aber schon. Deshalb würden wir nur zu gern herausfinden, wie wir das Leben verlängern könnten.»

Veröffentlicht am 29. April 2011