Ende Monat bleiben gerade mal 1800 Franken – «davon kann doch keiner leben», sagt die 26-jährige Annina Kugler*. Die Pferdepflegerin erhält monatlich 3000 Franken brutto für eine 50- bis 55-Stunden-Woche, abzüglich 990 Franken für Kost und Logis sowie Sozialversicherungsabzüge. Dies als ausgebildete Fachperson mit sechs Jahren Berufserfahrung. Und Überstunden werden vom Arbeitgeber verlangt, aber nicht extra bezahlt. Jetzt sieht sich die Pferdeliebhaberin wohl oder übel gezwungen, das Metier zu wechseln.

Noch schlechter getroffen hat es die junge Deutsche Cosima Weyrich*. Auch sie hat eine dreijährige Ausbildung absolviert, arbeitete in einem Berner Reitstall pro Monat 220 Stunden als Pferdepflegerin und Bereiterin, oft bis zu elf Stunden pro Tag – für 2300 Franken brutto. Will heissen: Stundenlohn CHF 10.45.

Als Cosima Weyrich herausfand, dass die Schwei­zer Kolleginnen deutlich besser verdienen, stellte sie den Chef zur Rede. Seine Antwort: «Das hier ist kein Wunschkonzert für deutsche Mitarbeiterinnen.»

«Die Branche ist ein Klüngel»

Weyrich kündigte, jobbt nun in einer Bar und hofft weiter auf eine faire Anstellung in einem Schweizer Reitstall. Wie Kugler will auch Weyrich anonym bleiben: «Die Branche ist ein Klüngel. Da mag man keine Nestbeschmutzerinnen.» Annina Kugler weiss von Berufskolleginnen, die wegen kri­tischer Anmerkungen schikaniert wurden.

Rund 90'000 Pferde gibts in der Schweiz, vor allem Sport- und Freizeitpferde. Gepflegt und geritten werden sie meist von Mädchen und Frauen – viele machen ihre Passion zum Beruf. Und kommen im vermeintlichen Traumjob rasch auf die Welt. Patrick Rüegg, Präsident der Organisation der Arbeitswelt (OdA) Pferdeberufe, spricht von einem Knochenjob: «Die Arbeit ist hart und bringt wenig Lohn.» So blei­ben viele auf der Strecke: Nach fünf Jahren arbeiten von 100 ausgebildeten Pferdefach­leuten nur noch rund 20 auf ihrem Beruf.

Auch Männer müssen im Pferdeberuf finanziell untendurch – wie etwa der 37-jährige Robert Bär*. Er hat für Turnierreiter gearbeitet, wo der Tag schon mal von 5 Uhr früh bis 23 Uhr dauerte, wofür er am Monatsende zwischen 2800 und 3200 Franken bezahlt bekam, abzüglich Kost und Logis. «Das war zwar spannend, aber auf Dauer keine Perspektive. Du hast fast keine Freizeit», sagt Bär. Er ist jetzt auf der Suche nach einer neuen Stelle.

Verbandspräsident Patrick Rüegg empfiehlt einen Grundlohn von 3500 Franken. Doch mehr als empfehlen kann er nicht: Weil in der Branche ein verbindlicher Ge­samt­arbeitsvertrag fehlt, sind die Betriebe nicht an Mindestlöhne gebunden. So gibt Swiss Horse Professionals, der grösste Trägerverband der OdA Pferdeberufe, im Internet als Richtwert 3000 Franken brutto an, plus Umsatzbeteiligung oder Fixlohn mit Prozenten – dies unter dem viel­sagenden Vermerk «freie Marktwirtschaft».

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Darunter wird offenbar auch der Umgang mit den zahlreichen Pferdepflegern aus ­Polen oder der Slowakei zusammen­gefasst. In diesem Segment herrscht lohnmässig völliger Wildwuchs – Hungerlöhne von 1000 Franken pro Monat und 12-Stunden-Tage sowie Schwarzarbeit sind dabei keine Seltenheit.

«Doppelt so viele Lehrlinge wie benötigt»

1000 Franken pro Monat – genau das zahlen auch Pferdeliebhaber für die Vollpen­sion eines Pferdes inklusive Stallplatz. Das «Bewegen des Pferdes durch Personal» kostet 35 Franken pro Stunde. In der Schweiz darf jeder Reitunterricht erteilen – es gibt keine Auflagen, geschweige denn ein Qualitätslabel für Reitställe.

«Es ist so: Wir haben in der Pferde­branche leider einige schwarze Schafe», gibt Verbandspräsident Rüegg zu. Er führte selber während 14 Jahren einen Reitstall. Ihn ärgert neben den zu tiefen Löhnen vor allem auch, dass manch ein Betrieb un­seriös ausbildet. So fielen bei der Lehrabschlussprüfung 2011 über 20 Prozent der rund 1000 Kandidatinnen und Kandidaten durch. Rüegg wird deutlich: «Wer sich nicht um die Ausbildung seiner Lehrlinge kümmert, handelt verantwortungslos. Es muss ein Umdenken stattfinden.» Der heutige Zustand ist ein Teufelskreis: Je schlechter jemand ausgebildet ist, desto schwieriger hat er es bei der Stellensuche. Hinzu kommt die Konkurrenz der viel billigeren ausländischen Berufsleute und Hilfskräfte.

Bisher wurde die oft miese Ausbildung kaschiert, weil die zuständigen Kantone den Auftrag für die Lehre an den Schweizerischen Verband der Berufs­reiter und Reitschulbesitzer delegierten. Die Verbandsmitglieder waren im Qualifikationsverfahren sozusagen unter sich.

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Damit ist nun Schluss. Der Verband, der sich heute Swiss Horse Professionals nennt, ist nur noch ein Träger unter mehreren, die in der Dachorganisation OdA Pferdeberufe für Qualität der Ausbildung sorgen sollen. Kürzlich be­endete der erste Jahrgang seine dreijährige Ausbildung nach neuem Konzept mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis Pferde­­fachfrau/-mann. Daneben gibt es eine zwei­jährige Grundbildung als Pferdewartin/-wart. Das Ausbildungsspektrum wurde erweitert, die Kurse wurden aufgewertet. So soll die berufliche Mobilität erhöht werden.

Das ist nötig. Die Chancen der neuen Pferdefachleute auf dem Arbeitsmarkt sind nicht rosig, weiss Verbands­präsident Patrick Rüegg: «Es werden jedes Jahr doppelt so viele Lehrlinge ausgebildet, wie der Markt aufnehmen kann.» Schlechte Voraussetzungen für anständige Löhne.

*Namen geändert