Jeden zweiten Tag stiegen wir morgens um fünf den Hang hoch – beladen mit zehn Kilo Fleisch. Am Anfang kühlten wir das tote Wild noch im Bach, doch der trocknete in den letzten Wochen aus. So ein totes Murmeltier stinkt schon bald bestialisch.

Kaum waren wir dann zurück, stapften schon die ersten Wanderer hoch zu unserem Infostand. An Spitzentagen waren es bis zu 200 Leute hier auf der Tannalp bei Melchsee-Frutt. Sie kamen wegen der drei jungen Bartgeierweibchen, die wir Ende Mai ausgewildert hatten. Man konnte sie durchs Fernrohr gut in ihrer Nische beobachten, als sie noch nicht flogen. Später war mit etwas Glück zu sehen, wie sie majestätisch um die Gipfel kreisten oder sich mit einem jungen Steinadler Luftgefechte lieferten.

Jeder Flügelschlag wird protokolliert

In den letzten zwei Monaten war ein Zweierteam der Stiftung Pro Bartgeier rund um die Uhr hier. Eine von uns beobachtete die Tiere von morgens bis abends vom Infostand aus, zusammen mit den Besuchern, und beantwortete Fragen. Die andere sass vor unserem Container am Fernrohr und protokollierte jeden Flügelschlag der Bartgeier Trudi, Sempach II und Ewolina.

Geier werden wieder angesiedelt: Trudi auf der Tannalp.

Quelle: Romano Cuonz, Neue OZ

Wir übernachteten auch hier, in einem kleinen Wohncontainer, daneben ein Toitoi-WC. Unser Badezimmer war der Bach. Als er versiegte, teilten wir mit den Kühen den Brunnen auf dem Hügel. Duschen konnten wir zwischendurch im Bergrestaurant Tann­alp, eine halbe Stunde zu Fuss entfernt. Ich war nur wenige Male daheim – um heiss zu duschen, meinen Mann wieder einmal zu sehen, Rechnungen zu zahlen.

Ich arbeite in dem Projekt als Praktikantin. Ja, ich mache mit 45 Jahren noch ein Praktikum. Ich bin eigentlich Geografin, arbeitete später lange als Meteorologin. 2014 gönnten mein Mann und ich uns eine Auszeit und liessen uns in Afrika zu Safari-Guides ausbilden; ein halbes Jahr Schulung in Südafrika und Botswana, dann wandten wir das Gelernte sechs Monate lang in einer Lodge in Malawi an. Zurück in der Schweiz, wollte ich mein Wissen in ein Wildtierprojekt einbringen und möglichst nicht den ganzen Tag im Büro sitzen. Doch solche Jobs sind rar. Also begann ich mich auch nach Praktika umzusehen.

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Totale Panik und unglaubliche Freude

Von der Safari-Ausbildung her bin ich das Arbeiten in der Natur gewöhnt. In Afrika waren wir täglich bis zu zehn Stunden im Busch, verbrachten die Nächte in Zeltlagern, umgeben von Elefanten, Löwen, Hyänen. Abends gingen wir oft «spotten», nach Tieren spähen. Dazu setzt man sich vorn auf die Motorhaube und sucht mit einem Scheinwerfer die Umgebung ab. Einmal näherte sich mir ein Leopard bis auf einen Meter. Das sind Momente, in denen totale Panik und unglaubliche Freude aufeinandertreffen.

So auch, als wir uns auf der Suche nach einem Spitzmaulnashorn hinter einem Baum versteckten und ich plötzlich aus dem Augenwinkel einen grauen Rüssel sah. Ein riesiger Elefantenbulle – direkt neben uns.

So viel Action hatten wir auf der Tannalp natürlich nicht. Aber langweilig wurde es trotzdem nie. Es ist wunderbar, ein so schönes Wildtier wie den Bartgeier beobachten zu dürfen. Seine Flugkünste sind enorm. Er hat eine Flügelspannweite von nahezu drei Metern, kann stundenlang ohne einen Flügelschlag kreisen und fliegt an einem Tag problemlos mehrere hundert Kilometer. Interessant finde ich auch die Geschichte des Vogels, den die Menschen in unserer Gegend vor 100 Jahren ausrotteten, weil sie dachten, er töte Lämmer und hole Kinder. Dabei fressen Bartgeier nur bereits tote Tiere und vor allem Knochen.

Ein stolzer Vogel, der austeilen kann

Von den drei Bartgeiern habe ich Trudi am meisten ins Herz geschlossen. Sie ist meine Heldin. Sie hat sich vom Küken zum stolzen, starken, mutigen Bartgeier entwickelt, hat einem Fuchs getrotzt und gibt nun auch zurück, wenn ihre Kolleginnen austeilen.

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Als ich das letzte Mal freihatte, sass ich daheim auf meinem kleinen Balkon und schaute an die Häusermauern gegenüber. Da wurde ich ganz melancholisch. Wir bleiben so lange auf der Tannalp, wie die Bartgeier zur Nische zurückkehren. Meist verlassen sie mit fünf bis sieben Monaten das Gebiet der Eltern respektive der Auswilderung. Es folgen ihre ­Sturm-und-Drang-Jahre. Vielleicht kommen sie zurück ins Gebiet rund ums Henglihorn, wenn sie mit fünf bis sieben Jahren geschlechtsreif sind. Sie tragen GPS-Sender – ich werde ihre Wege auf www.bartgeier.ch verfolgen.