Wild wehen meine Haare im Wind, ich halte mir die Ohren zu, kurz darauf entgleitet mir der Boden. Nach wenigen Sekunden liegen mehrere hundert Meter zwischen meinen Füssen und der Erde. Das Matterhorn im Rücken, überfliege ich Bergwiesen, einen See und Wanderwege mit vereinzelten Wanderern. Die 360-Grad-Panoramasicht ermöglicht mir ein Seil, an dem mein Bergsteigergurt mittels Karabiner festgemacht ist. Ich mime ein Unfallopfer, das am Helikopter mit der Kennung Lama HB-XII hängt, und höre die Trainingsanweisungen von Air-Zermatt-Pilot Gerold Biner über Funk. Neben ihm im Cockpit sitzt Surendra Paudel, ein Pilot aus Nepal. Im Rahmen eines Trainingsprogramms der Air Zermatt und der Alpine Rescue Foundation (ARF) wird er in der Schweiz in die Rettungsmethode «Human Cargo Sling» eingeführt.

Am Tag zuvor habe ich Surendra Paudel bei der Kantonalen Walliser Rettungsorganisation in Siders getroffen. Zwei Wochen lang wird er in Zermatt am Ausbildungsprogramm für Helikopterpiloten und Bergretter aus Nepal teilnehmen. Der 31-jährige Pilot ist zum ersten Mal in der Schweiz, und es ist sein erster Besuch ­in einer hochtechnisierten Notrufzentrale.

30 Dollar pro Flugminute

In Nepal sei die Bergrettung chaotisch, sagt Surendra Paudel. Meistens müssten ausländische Bergsteiger und Wanderer geborgen werden. Der Abenteuertourismus ist der Treibstoff im nepalesischen Rettungsbusiness. Seit einer Saison mischen sogar ausländische Firmen mit. Es findet ein erbitterter Konkurrenzkampf statt, auf Kosten der Professionalität. Der Ausbilder und Air-Zermatt-Pilot Gerold Biner bestätigt: «Was fehlt, ist eine zentralisierte ­Organisation, die koordiniert. Und es mangelt an staatlichen Regulierungen, insbesondere bei der Frage der Tarife.»

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30 Dollar pro Flugminute zahle man in Nepal für eine Rettung per Helikopter, sagt Surendra Paudel. Was tatsächlich abgerechnet werde, wisse man nie. Ein Problem sei, dass reiche Ausländer, die Notrufe absetzen, bevorzugt würden. Anders als in der Schweiz rufen Hilfesuchende die Helikopterfirma direkt an. Später verrechnet diese den Krankenkassen für die Bergrettung und den Flug nach Kathmandu 12'000 statt der üblichen 4200 Dollar. Ein Teil des Geldes fliesst in Form von Schmiergeldern, die dieses System sichern.

«In 20 Jahren», sagt Bruno Jelk, Bergführer und Vizepräsident der ARF, «wird das Rettungswesen in Nepal den Stand unseres heutigen Rettungswesens haben.» Mit der ARF setzen Gerold ­Biner und Bruno Jelk dort an, wo dem Fortschritt effizient unter die Arme gegriffen werden kann: bei einer hochwertigen Ausrüs­tung und beim Know-how-Transfer.

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Das Training

Auf dem Landeplatz der Air-Zermatt-Zentrale wird frühmorgens um sieben Uhr der Trainingsablauf besprochen und die Ausrüstung kontrolliert. Die Crew macht sich zum Abflug bereit: Gerold Biner und Surendra Paudel als Piloten, ­Bruno Jelk und zwei weitere Nepalesen als Bergretter, der Fotograf und ich als Versuchskaninchen. Innerhalb von zehn Minuten lassen wir eine Strecke hinter uns, für die ein Wanderer dreieinhalb Stunden bräuchte. Die erste Landung erfolgt auf ­2685 Metern. Wir steigen aus. Die Stimmung an diesem regnerischen Morgen hat etwas Unwirkliches, Nebel hängt im Tal.

Gerold Biner erteilt Surendra Paudel via Funkmikro am Helm Instruktionen. «Vorsichtig, sachte, genau. Du musst darauf hören, was dir dein Mittelsmann am Boden sagt», erklärt der Walliser in perfektem Englisch. Dann übernimmt er die Rolle des sogenannten Spotters, des Beobachters und Lotsen: ­Biner öffnet die Beifahrertür und gibt Surendra Paudel die Höhenanweisungen durch. Im Himalaya, sagt Paudel, gebe es keine Spotter. Man sei als Pilot auf die Funkanweisungen des Bergretters am Boden angewiesen.

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Bei Rettungsmissionen in der dünnen Luft auf 5000 oder 6000 Metern kann der Helikopter nur zwei Personen tragen. Landungen sind an den steilen Hängen im Himalaya selten möglich. Schon beim Anflug der Rettungsstelle muss der angeseilte Bergretter Kommandos erteilen. Sobald er Boden unter den Füssen spürt, ertönt das Kommando: hold! Während der Helikopter wenige Meter über der Rettungsstelle in der Luft steht, seine Rotoren gefährlich nah am Hang, kümmert sich der Bergretter um die verunglückte Person. Erst wenn sie in Sicherheit geflogen ist, wird auch der Bergretter abgeholt.

«Noch zwei, noch eineinhalb, eins, go!» hört man Bruno Jelk durch die Funkkopfhörer sagen. Er und der Fotograf stehen angeseilt am Boden. In dem Moment, als die beiden abheben, schwingen wir mit dem Helikopter seitwärts ins Tal. Die Bergretter befinden sich 50 Meter unter uns, einige hundert Meter trennen sie vom Erdboden – und dazwischen: nichts. Wenig später werde ich selber als «Patien­tin» am Seil hängen, wo mich die eisige Bergluft umfängt wie der Griff des Todes, der erst nachlassen wird, wenn ich «gerettet» im Helikopter sitze.

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Bergrettungen sind sehr gefährlich

Nach dem Einsatz schwärmt der sonst schüchterne und wortkarge Surendra Paudel von der guten Koordination vor Ort, die ­sowohl die eigene Sicherheit als auch die des Pa­tienten gewähr­leis­te. Weitere Trainings im Himalaya mit Gerold Biner und an­deren Schweizer Piloten sollen folgen. Biner ist vom «Ausnahme­talent» Surendra Paudel überzeugt: «Er hat ein unglaubliches ­Fingerspitzengefühl.» Im ­Himalaya soll Paudel als einer von zwei Piloten Rettungseinsätze mit dem Human Cargo Sling beherrschen und auf höchstem Niveau fliegen können.

Gerold Biner weiss, dass Bergrettungen gefährlich sind. Auch er hat schon Kollegen verloren. 2010 starben im Himalaya zwei in Zermatt ausgebildete Retter. Szenen, die in einer SRF-­Doku über die Schweizer TV-Bildschirme flimmerten und Gerold Biner noch heute erschüttern. Gerade wegen des Risikos sei eine hochprofessionelle Rettungsarbeit notwendig, sagt er.

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«In ein paar Jahren, wenn der Wissenstransfer abgeschlossen ist, überlassen wir den Nepalesen den Steuerknüppel ganz», erklärt Biner. Ob es möglich sei, dass er selbst dereinst Gerold Biners Platz als Ausbilder im Himalaya übernehmen werde, frage ich ­Surendra Paudel später am Abend. Das könne er sich durchaus vorstellen, antwortet Paudel, es setze aber noch einiges mehr an ­Erfahrung voraus. Bereits am nächsten Tag wird er weiter daran arbeiten.

Stiftung ARF: Ausbildung für Bergretter

Die ARF (Alpine Rescue Foundation) ist eine gemeinnützige Stiftung, die sich zum Ziel gesetzt hat, unabhängige Bergrettungsteams in Nepal und anderen Ländern auszubilden, um dort Rettungseinsätze mit international anerkannter Qualität zu garantieren.
Die ARF vereint weltweit anerkannte Spezialisten auf dem Gebiet der Luftrettung, der Bodenrettung und der Notfallmedizin. Mehr Informationen über die ARF und die Air Zermatt: www.arf-zermatt.ch

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