Eine Schönheit ist er nicht gerade. Ein dunkler, daumengros­ser Käfer, viel weniger auffällig als sein berühmter naher Verwandter, der Hirschkäfer, der sein gros­ses Geweih stolz vor sich herträgt. Und dennoch hat es das Insekt zu einiger Berühmtheit gebracht: Der Winzling hat das Milliarden-Bahnprojekt Stuttgart 21 beinahe zu Fall gebracht, und auch wenn ihm das letztlich nicht gelungen ist, so hat er es doch erheblich behindert und verteuert. Für die Bahnhofsgegner ist das seltene Tier, das in ­einem kleinen Hain in Bahnhofsnähe gesichtet wurde und den Artenschutz der EU ­geniesst, so etwas wie ein Maskottchen geworden.

Hohe Ansprüche ans Biotop

Auch in der Schweiz ist der Juchtenkäfer, wie der Eremit auch genannt wird, vom Aussterben bedroht, die Massnahmen zu seiner Erhaltung haben höchste Priorität. Als Totholzkäfer hat er in unserem Ökosystem eine wichtige Funktion: Er gehört neben dem Biber, einigen Insektenarten, Pilzen und Bakterien zu den wenigen Lebewesen, die Cellulose und somit totes Holz abbauen können.

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Der Juchtenkäfer ist eine sogenannte Schirmart, eine Tierart, die besonders hohe Ansprüche an ihr Biotop stellt. Verhindern wir ihr Aussterben, überleben auch andere Arten der Lebensgemeinschaft. In den letzten knapp 40 Jahren wurde er hierzulande nur fünfmal gesichtet, zweimal in Solothurn, zweimal in Bubendorf bei Basel, einmal konnte seine Larve in Genf identifiziert werden. Vergleicht man diesen Minimalstbestand mit demjenigen des ebenfalls bedrohten Luchses, wird klar: Die berühmten fünf Minuten vor zwölf sind längst vorbei.

Der Juchtenkäfer (Osmoderma eremita).

Quelle: Fabian Unternährer

 

«Maden interessieren die meisten Käfersammler nicht. Unsere Community besteht im Prinzip aus einem 70-jährigen Forscher in Russland – und mir.»

 

Lea Kamber, Biologin

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Die Berner Biologin und Käferspezialistin Lea Kamber hat sich deshalb auf die Suche nach dem kostbaren Tier gemacht. Im Auftrag von Pro Natura Solothurn will sie es finden, damit seine Brutbäume unter Schutz gestellt werden können. Seit vergangenem Herbst ist sie rund zehnmal aufgebrochen, um es aufzuspüren. Bislang erfolglos.

Unsere Expedition beginnt am Bahnhof Solothurn. Die Biologin klemmt sich hinter das Steuer ihres Kleinwagens, in die zweite Reihe quetschen sich Fotograf und Reporterin. Der Kofferraum ist mit allerlei Nützlichem gefüllt: Bestimmungsbüchern, Taschenlampe und Sandwiches – wir wollen nicht aufgeben, bevor wir fündig werden. Als Erstes steuern wir die Fegetzallee an, wo vor zwölf Jahren beim Fällen einer alten Linde eines der raren Exemplare entdeckt wurde.

Der Juchtenkäfer legt seine Eier in einem hohlen Baum ab. Die Larve frisst sich durch das sich zersetzende Holz, den Mulm. Drei ganze Jahre lang. Bis sie sich verpuppt und aus dem Kokon der Käfer schlüpft. Um sein kurzes Leben in der Krone des Baumes zu leben: Nur wenige Tage wird er alt, dann stirbt er.

Der Baumstrunk in der Fegetzalle ist mit Brettern zugenagelt. Ein Hinweisschild verkündet, so habe man den ­Käfer und seinen Lebensraum erhalten. «Gut gemeint», sagt Kamber lakonisch. «Aber wenig hilfreich.» Sie schraubt den Strunk mit dem Akku­bohrer auf und holt mit einer Küchenschöpfkelle dunkles, krümeliges Mate­rial heraus. «Der Mulm hat sich bereits in Humus zersetzt. Hier finden die Larven schon lange keine Nahrung mehr. Der Standort ist erloschen.»

Im Park von Schloss Waldegg nehmen wir die nächsten Verdachtsbäume ins Visier. Doch Kamber dämpft die Hoffnung. «Ehrlich gesagt bin ich nicht allzu optimistisch.» Die Suche ist schwierig, und Fallen aufstellen bringt nichts – ein Eremit lässt sich nicht ködern. Tatsächlich ist ein hohler Kirschbaumstamm voller Ameisen, «kein gutes Zeichen», wie Kamber sagt. Ihre ­Miene hellt sich erst auf, als sie millimetergrossen Kot entdeckt. Handelt es sich etwa um Hinterlassenschaften des Gesuchten? Zu Hause will sie die Krümel genauer untersuchen.

Hört man Lea Kamber zu, gewinnt man den Eindruck, es sei beinahe ebenso schwierig, sich Zugang zu den maroden Bäumen zu verschaffen, wie das Krabbelvieh zu finden. Weil manche Baumbesitzer die Bewirtschaftung abgetreten haben, kommt sie oft erst nach «abartiger Telefoniererei» zum Ziel: Im Schlosspark ist eine Gartenbaufirma zuständig, zehn Meter weiter, hinter der Schlossmauer, hingegen ein Arbeitsintegra­tionsprojekt – doch der Verantwortliche ist längst auf und davon.

Eine kleine Sensation: Lea Kamber hat tatsächlich die Larve eines Eremiten gefunden.

Quelle: Fabian Unternährer
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Letzte Hoffnung Verenaschlucht

Vielleicht haben wir im Baumgarten neben dem Schloss mehr Glück. Weil Obstbäume einmal im Jahr ein grosses Gewicht tragen müssen, neigen sie von Natur aus dazu, stabilisierende Hohlräume zu bilden. In ­einem Apfelbaum findet Kamber einen Kokon und zwei Larven – doch ein Blick in ihr zusammenkopiertes Bestimmungshandbuch zeigt, dass es sich um diejenigen des ebenfalls gefährdeten Goldkäfers handelt.

Die Biologin gehört zu den wenigen ­Entomologen, die sich auch mit den Larven der Tiere auskennen. «Genau genommen besteht unsere Community aus einem 70-jährigen Forscher in Russland – und mir», witzelt sie. «Käfersammler sind wie Schmetterlingssammler auf das Ästhetische fixiert. Die Maden interessieren sie nicht.»

 

«Es ist kaum möglich, den ausgewachsenen Käfer zu finden, da er nur wenige Tage lebt.»

Nun bleibt uns noch eine letzte Hoffnung: eine tote Linde am Waldrand von Kreuzen, unweit der Verenaschlucht. Hier hat die Biologin einmal Beine und einen leeren Kokon gefunden, die sie dem Eremiten zuordnen konnte. Doch da diese möglicherweise alt waren, gelten sie nicht als Nachweis. Heute hat Kamber eine Leiter dabei, damit sie auf den etwa vier Meter hohen Baumstrunk steigen und den Mulm untersuchen kann. Sie stellt die Leiter an den mächtigen, efeubewachsenen Stamm, klettert hinauf und bückt sich kopfüber in den Strunk. Für ein paar Minuten ist es still.

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Freude über den fetten Engerling

«Ich habe einen!» ruft es plötzlich aus dem Baum. Kamber klettert nach unten und öffnet die Hand: Darauf liegt die Larve des seltensten Käfers der Schweiz. Gekrümmt und hellhäutig windet sich der Engerling auf der Handfläche. Aufgrund seiner Grös­se – wohl sechs Zentimeter –, der stumpfen Klauen und des fehlenden Rasters am Hinterteil ist er eindeutig zu identifizieren. «Cool», sagt Kamber und strahlt wie ein Maikäfer. Seit 15 Jahren jagt sie Krabbeltiere; ein so seltenes Exemplar hat sie noch nie in der Hand gehalten. Der Fund ist eine kleine Sensa­tion. Dass sie «nur» die Larve aufgespürt hat, trübt die Freude nicht. Sie weiss: Es ist kaum möglich, den ausgewachsenen Käfer zu finden, da er nur wenige Tage lebt.

Schnell legt sie den Engerling zurück in den Baumstrunk. Morgen will sie den Fund beim Kanton melden, damit der hohle Baum geschützt werden kann. Kamber schätzt sein Volumen: Der Mulm könnte bis zu 100 Larven Lebensraum bieten. Ist der Stamm einmal leer gefressen, wird sich die gesamte Population eine neue Behausung in nächster Nähe suchen. Gut, dass einige Meter weiter eine uralte und teilweise schon hohle Linde steht. Darin könnten die Tiere die nächsten 100 Jahre überleben.

Wenige Schritte von der Einsiedelei in der Verenaschlucht entfernt lebt er also, der Eremit. Die Population gälte als stabil, wenn 80 Bäume in der näheren Umgebung bewohnt wären. Der Baum in der nahen ­Fegetzallee ist mittlerweile verlassen – wir haben also soeben den zweiten Eremitenbaum dieser Population entdeckt.

Tipp: Den abgestorbenen Baum stehen lassen

Ein abgestorbener Baum ist keineswegs einfach tot oder «faul», er bietet bis zu einer Million Lebewesen einen Lebensraum und kann bis zu 3000 verschiedene Arten beherbergen – vom Käfer bis zum Specht. Deshalb sollten tote Bäume im Garten möglichst nicht ganz abgeräumt werden. Am besten sägt man nur die Baumkrone ab und lässt den Stamm stehen. So werden herabfallende Äste nicht zum Sicherheitsrisiko.

Einen jungen Baum kann man ­direkt neben den alten Stamm setzen, die toten Wurzeln machen ihm die Nährstoffe nicht streitig. Lässt man eine schöne ­Kletterrose und Efeu am ­toten Holz emporranken, wird dieses zum romantischen, dekorativen Element im Garten.

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