Streitpunkt Artenschutz: Unsere Redaktoren Stefan Stöcklin (r.) und Stefan Bachmann sind geteilter Meinung.

Stefan Stöcklin: «Wir müssen der Natur ihren Lauf lassen.»

Einmal mehr bedroht eine invasive Spezies die heimische Fauna. Das Grauhörnchen ist nicht mehr weit vom Tessin entfernt und breitet sich aus. Wenn wir nicht durchgreifen, dann sterbe das heimische Eichhörnchen aus, lautet die Warnung. Das ­beliebte Tier würde zum Opfer rücksichtsloser Eindringlinge, die stärker und resistenter sind.

Ich bin nicht gegen Artenschutz. Aber die Diskussionen über eindringende Tiere und Pflanzen erinnern mich jeweils an die Kontroversen über Ausländer und Überfremdung. Auf dem Prüfstand steht in beiden Fällen das Ideal einer nationalen Identität, die durch Fremdes aus dem Ausland ­bedroht wird. Dahinter steckt ­eine konservative Ein­stellung, die bei Naturschützern recht häufig zu finden ist.

Im Fall von Tieren oder Pflanzen ist diese Haltung grotesk. Flora und Fauna verändern sich dauernd. Was wir heute als typisch heimisch bezeichnen, war auch mal fremd. Die Alpenrosen und Enziane stammen aus Zentralasien und haben sich im Lauf der Zeit in unseren Bergen ausgebreitet. Dagegen ist das Mammut der Klimaerwärmung und der Jagd zum Opfer ­gefallen. Andere Tiere sind vor langer Zeit eingewandert oder eingeflogen, zum Beispiel der Schneehase oder das Schneehuhn. Kürzlich eingeführt wurde der Burunduk, ein dem Hörnchen ähnliches Nagetier mit dunklen Rückenstreifen. Wandel gehört zur Natur.

Nun haben die niedlichen Eichhörnchen einen Feind, den unbedachte Menschen dummerweise in Europa ausgesetzt haben. Das ist schlimm für die Eichhörnchen. Aber kein Grund, das prosperierende Grauhörnchen zu jagen und zu töten. Mit der Zeit wird sich ein neues Gleichgewicht einpendeln.

Stefan Bachmann: «Wir müssen unseren Fehler korrigieren.»

Natur ist stets in Bewegung. Tiere siedeln sich neu in einem Gebiet an, angestammte haben das Nachsehen. Grundsätzlich muss der Mensch in diesen Prozess nicht eingreifen. Im Fall des Grauhörnchens ist die Sachlage jedoch eine andere: Die amerikanische Art wurde von Menschen nach Europa gebracht. Sonst hätten es die Nager nie über den grossen Teich geschafft. Folglich wäre das Eichhörnchen von Natur aus auch nie in Bedrängnis geraten.

Anzeige

Nicht alle vom Menschen eingeführten Arten bringen die Natur zwingend durcheinander. Weil das Grauhörnchen aber derart konkurrenzstark ist und das einheimische Eichhörnchen bedroht, gehört es klar auf die Liste der sogenannten invasiven Neozoen. Diese stellen laut der Weltnaturschutzunion IUCN heute die zweitgrösste Gefahr für die Naturvielfalt überhaupt dar – nur der Verlust von Lebensraum ist schlimmer. Die Fauna vieler Inseln wurde schon von ausgesetzten Ratten oder Katzen ausgerottet, Ziegen oder ­Kaninchen liessen in vielen Lebensräumen kein Grashälmchen für heimische Arten übrig. Auf den Kontinenten können die ­Folgen ungleich fataler sein. Den Naturschützern Xenophobie vorzuwerfen ist vor diesem Hintergrund heikel, ja sogar perfid. Naturwissenschaft mit Ideologie zu ­vermischen war noch nie hilfreich.

Hilfreich wäre jedoch, wenn Aktionen gegen eingeschleppte Neozoen so qualfrei wie möglich vonstattengingen. Tierquäler sollen keine Spielwiese haben. Vor allem aber müssten die invasiven Tiere eingefangen werden, bevor sie sich stark vermehren können. Je länger man wartet, umso ­aussichtsloser wird der Kampf und umso hitziger werden die ­Diskussionen.