«Eins, zwei, drei und ausatmen.» Ratsch! Es ist ein fieser Schmerz. Erwartet und doch überraschend. Männer würden ein sogenanntes Intimwaxing wohl nur unter Vollnarkose über sich ergehen lassen. Frauen beissen auf die Zähne. Alle vier Wochen 20 Minuten leiden für eine glatte Bikinizone, das ist der Deal. Wer weniger mutig ist, rasiert. Schmerzfrei zwar, dafür beinahe täglich. Untenrum keine Haare zu tragen ist kein Trend mehr, es ist ein Massenphänomen.

Das Hygiene- und Modebewusstsein lässt aber nicht nur unsere Härchen verschwinden. Es vernichtet auch den Lebensraum der Filzlaus. In unseren Breitengraden ist sie deshalb bedroht.

Wirklich traurig darüber ist wohl niemand. Wir spenden Franken um Franken für die Rettung bedrohter Arten wie Tiger und Panda, aber dass es der kleinen Filzlaus ans Lebendige geht, ist uns egal. Wer sie schon mal hatte, mag sich sogar freuen.

Das Kopfhaar ist nicht ihr Revier

Dabei ist die nur ein bis zwei Millimeter kleine Filzlaus harmlos, mal abgesehen vom Jucken, das sie verursacht. Ein träges Wesen. Sie bewegt sich weniger als die Kopflaus. Hat sie sich mal im Schritt fest­gekrallt, beginnt sie subito mit Blutsaugen. Dafür nimmt sie sich Zeit. Ein einzelner Saugakt dauert oft eine halbe Stunde. Ihre Eier klebt sie knapp über der Haut ans Haar. Wird ihr Lebensraum mit einem Wachsstreifen oder einer Rasierklinge zerstört, ist sie verloren und lebt nur noch ein bis zwei Tage.

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In die Kopfbehaarung ihres Wirts zu flüchten ist ihr unmöglich. Sie springt und fliegt nicht und kann sich nur an Haaren festhalten, nicht auf der glatten Haut. Nur wenn der Wirt durchgehend behaart ist, kann sie flüchten. In sehr seltenen Fällen wurde sie in Augenbrauen, Brusthaaren oder Achselhöhlen gefunden. Sie mag es zwar behaart, aber zu viele Haare wie auf dem Kopf sind ihr ein Graus.

Die Sackratte, wie sie umgangssprachlich auch genannt wird, ist dicker und kleiner als die Kopflaus. Diese ist im Gegensatz zur Filzlaus auf dem Vormarsch. Gemäss der Lausexpertin und ehemaligen Basler Schulärztin Sandra Leonhardt hat in den letzten 30 Jahren der Kopflausbefall in der Schweiz zugenommen. Der Grund dafür ist, dass die Lausmittel nicht mehr wirken. In der Nachkriegszeit setzte man diese Insektizide noch mit Erfolg ein. Aber schon bald entwickelten die Läuse Resistenzen. Heute ist keines der Mittel zu mehr als 70 Prozent wirksam.

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Natürlich könnte man sein Haupthaar abrasieren und so die Läuse verbannen. Anders als beim verborgenen Schambereich dürfte dieser Schritt aber nur für wenige Patienten in Frage kommen.

Von Filzläusen sind weltweit noch fünf bis zehn Prozent der Menschen befallen. Tendenz sinkend. Dafür steigen die Umsätze der Enthaarungsindustrie: im Jahr 2012 auf rund 4,3 Milliarden Franken. Ob alles wegkommt (Brazilian Waxing oder Hollywood Cut) oder ob noch ein Streifen Kurzhaar stehen bleibt (Landing Strip), ist für die Filzlaus einerlei. Sie braucht Schamhaar von mindes­tens einem Zentimeter Länge, um zu überleben. Ein Tabu für viele. Wie eine Studie der Universität Leipzig im Jahr 2008 ergab, stutzen oder scheren 88 Prozent der Studentinnen und 65 Prozent der Studenten ihren Intimbereich. Die häufigste Begründung ist nicht die Angst vor der Filzlaus, sondern: «Schamhaare sind eklig.»

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Eine Rarität in den Arztpraxen

Kein Wunder, spriessen Enthaarungsstudios an jeder Ecke aus dem Boden. Ruhiger wurde es dafür in den dermatologischen Abteilungen der Spitäler. Im Universitätsspital Basel kann man den letzten Fall «nicht mehr datieren». Gerade noch einer, manchmal auch zwei Patienten pro Jahr lassen sich im Zürcher Stadtspital Triemli wegen Filzläusen behandeln.

War das früher «tägliches Brot für die Ärzte», seien die Filzläuse seit einigen Jahren «arg dezimiert», berichtet Stefan Lautenschlager, Chefarzt des Dermatologi­schen Ambulatoriums. Und der Oberarzt der Dermatologischen Klinik am Unispital Zürich, Severin Läuchli, behandelt pro Jahr gerade mal zwei Patienten mit Filzläusen, seine Kollegen weitere 10 bis 20, schätzt er. Betroffen sind hauptsächlich sexuell aktive Personen.

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Denn die «Papillons d’amour», wie sie der romantisch veranlagte Franzose nennt, werden vor allem beim Geschlechtsverkehr übertragen. In Hotelzimmern oder in einem fremden Bett kann man Filzläuse nur einfangen, wenn die Bettwäsche nicht gewechselt wurde und man wenige Stunden nach seinem mit Filzläusen befallenen Vorgänger unter die Decke kriecht. Alles andere sind faule Ausreden.

Das stellte auch die Stadtzürcher Beratungsstelle Schädlingsbekämpfung bei ihrem letzten Filzlausfall fest. Dieser liegt schon 14 Jahre zurück und handelt von einem deutschen Banker, der nach Zürich ins Apartment einer alten Dame zog. Schon bald juckte es ihn im Schritt. Und weil vor ihm eine Pferdeliebhaberin in dem Zimmer gewohnt hatte, war er sicher, dass die Läuse vom Ross via Reiterin und Bettlaken zu ihm gelangt waren.

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Der Vermieterin war das äusserst unangenehm. Zur Abklärung brachte sie die Tierchen zur Schädlingsbekämpfungsstelle. Ein Blick durchs Binokular gab Aufschluss: Es handelte sich um Filzläuse. Statt bei der Vermieterin zu reklamieren, müsse der Banker wohl eher überdenken, wo er seine Nächte verbringe, liess der Schädlingsberater ausrichten. Das war 1999. Der Betroffene meldete sich nicht mehr, und auch sonst sei niemand mehr mit Filzläusen zu ihnen gekommen, sagt Marcus ­Schmidt von der Schädlingsbekämpfungsstelle.

«Parasiten sind zäh»

Ist die Filzlaus also bald das Mammut unter den Läusen? Ausgestorben? Ein Kapitel in den Geschichtsbüchern? Stefan Lautenschlager glaubt nicht daran. Nicht in allen Ländern werde der Genitalbereich rasiert. Das sei ein westliches Phänomen, kein weltweites. «Parasiten sind sehr zäh», betont Severin Läuchli. Auch die Lausexpertin Sandra Leonhardt ist skeptisch: «Ausgestorben ist ein grosses Wort.» Nur wenn jeder einzelne der gut sieben Milliarden Menschen dieser Welt auf ein Kommando hin seine Intimzone enthaaren würde, stürbe die Filzlaus komplett aus. Natürlich sei ihr Lebensraum derzeit sehr begrenzt. Aber sobald die Retrowelle auch unter der Gürtellinie Einzug hält und der gelockte Busch wieder Trend ist, kehrt die Filzlaus zurück.

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Das Revival der Filzlaus ist bloss einer kleinen Anzahl Leute ein Anliegen. Seit Anfang Jahr gibt es die Facebook-Gruppe «Rettet die Filzlaus». «Es sollte unser aller Mission sein, zu verhindern, dass die Filzlaus ausstirbt», heisst es auf ihrer Site. Und weiter: «Zu beachten ist: häufig wechselnde Sexualpartner und absolut keine Körperrasur oder Enthaarung.» Die Gruppe zählt zurzeit 17 Mitglieder.