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FischfangFisch-Label kämpft um guten Ruf

Wer nachhaltig gefangenen Lachs, Seehecht oder Zander kaufen möchte, achtet auf das Label des Marine Stewardship Council (MSC). Doch das Siegel steht derzeit massiv in der Kritik.

Schleppnetzfischerei richtet massive Schäden an. (Bild: Deutsches Bundesarchiv)
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Von A wie Alaska-Lachs über F wie Fischstäbchen bis Z wie Zanderfilet: Über 6100 Fischsorten und -produkte tragen heute bereits das blaue MSC-Label. Es zeichnet nachhaltig und ökologisch gefangene Meerestiere aus und gilt als eines der Ökosiegel mit der höchsten Glaubwürdigkeit. Oder besser: galt. Denn seit Anfang September im Wissensmagazin «Nature» ein kritischer Artikel von sechs Wissenschaftlern erschienen ist, muss der Marine Stewardship Council (MSC) um seinen guten Ruf fürchten.

Mit gutem Grund, denn die Vorwürfe wiegen schwer. So schreiben die Ozeanologen, unter dem MSC-Label würden auch Bestände befischt, die stark zurückgegangen seien. Diejenigen des Alaska-Seelachses etwa hätten seit 2004 um 64 Prozent abgenommen (siehe unten: «Finger weg!»), jene des Pazifischen Seehechts seien gar um 89 Prozent eingebrochen. Trotzdem vergebe der MSC weiterhin sein Siegel für diese Fische.

Fischmehl aus MSC-Krill

Weiter prangern die Forscher an, dass der MSC mit der Grundschleppnetz- und der Langleinenfischerei zwei sehr problematische Praktiken erlaube. Grundschleppnetze werden zum Fang von Fischen eingesetzt, die am Boden leben. Dabei ziehen Schiffe riesige Netze über den Meeresgrund, wobei dieser Lebensraum umgepflügt und meist zerstört wird. Bei der Langleinenfischerei ist vor allem der hohe Beifang ein Problem. Opfer sind oft auch Robben, Delphine und Vögel. Gefischt wird mit bis zu 130 Kilometer langen Leinen, an denen unzählige Nebenleinen mit beköderten Haken angebracht sind.

Für Konsumenten, denen die Herkunft des Fischs auf ihrem Teller nicht egal ist, sind das in der Tat schlechte Nachrichten. Doch damit nicht genug. Die Wissenschaftler kritisieren auch, dass neuerdings gar Krillfischerei MSC-zertifiziert ist – obwohl die Krebschen für die Produktion von Fischmehl für die industrielle Fisch- und Fleischproduktion bestimmt sind. «Wir glauben nicht, dass das als verantwortungsvoll oder nachhaltig angesehen werden kann», schreiben die Forscher. Diverse weitere Vorwürfe kommen hinzu. «So rasch der MSC wächst, so rasch bleiben die Versprechen auf der Strecke», lautet das Fazit der Wissenschaftler.

Ist der MSC also Opfer seines eigenen Erfolgs geworden? In der Tat ist das Label stark gewachsen: Während 2004 erst sechs Fischereibetriebe unter der MSC-Flagge fuhren, sind es heute 94. Die Verkäufe in der Schweiz stiegen 2009 um satte 60 Prozent an; weltweit werden bereits sieben Prozent des gesamten Fischfangs mit dem blauen Zeichen vermarktet. Und bereits bewerben sich 119 weitere Fischereibetriebe.

Der Zertifizierungsprozess ist komplex: Neben dem Fischbestand, den Fangmethoden oder der Grösse des Beifangs werden 28 weitere Kriterien geprüft. Zu Beginn muss ein Betrieb bei jedem Indikator mindestens 60 von 100 möglichen Punkten erreichen. Zielwert sind jedoch 80 Punkte; wo diese noch nicht erreicht sind, müssen die Betriebe Aktionspläne erarbeiten.

Bestände schwanken auch so

«Mit diesem System ist die Nachhaltigkeit von Anfang an gegeben», sagt Gerlinde Geltinger, Medienverantwortliche beim MSC. Wenn sich zum Beispiel herausstelle, dass ein Grundschleppnetz zum Einsatz komme, das den Lebensraum irreversibel zerstöre, falle der Betrieb bei der Bewertung durch. Auch Art und Umfang des Beifangs fielen ins Gewicht, egal, mit welcher Methode gefischt werde. «Schwarzweissaussagen wie jene zur Grundschleppnetz- oder Langleinenfischerei tragen der Komplexität des Themas nicht Rechnung.» Jeder Betrieb sei eben gesondert zu betrachten.

Als Beispiel führt sie eine Schollenfischerei in Holland an: «Früher war das Fanggerät sehr schwer und verursachte viel Beifang. Für die MSC-Zertifizierung stellte der Betrieb auf leichtere Netze um, die nicht mehr mit Eisenketten über den Boden geschleift werden.» Das Ökosystem bleibe so intakt, und auch der Beifang sei kleiner geworden.

Bloss: Was ist mit den überfischten Beständen, von denen die kritischen Forscher in «Nature» schreiben? «Der Artikel ist ein reiner Meinungsartikel», sagt Geltinger. «Bei einigen Thesen argumentieren die Autoren unwissenschaftlich.» Der Seelachsbestand sei bekannt dafür, dass er sich in natürlichen Zyklen auf und ab bewege, und beim Seehecht beziehe sich der angegebene Rückgang von 89 Prozent auf den höchsten je gemessenen Stand. Beim Krill wiederum gehe lediglich ein Prozent der Fangmenge aufs Konto der MSC-zertifizierten Fischerei.

Auch die anderen Kritikpunkte lässt Gerlinde Geltinger nicht gelten. «Der MSC-Standard stellt einen breiten Konsens dar, der von über 200 Wissenschaftlern, Umweltschützern und anderen Interessengruppen definiert wurde», sagt sie.

Inzwischen gibt es allerdings auch andere Wissenschaftler und Organisationen, die den MSC kritisieren. So führt Greenpeace seit Jahren ähnliche Kritikpunkte ins Feld, auch wenn die Organisation damit nie gross an die Öffentlichkeit gegangen ist – wohl um den WWF zu schonen. Dieser hat den Marine Stewardship Council gemeinsam mit dem Lebensmittelmulti Unilever gegründet und stellt sich seitdem konsequent hinter das Label.

WWF verspricht Optimierung

Anders Greenpeace: «Manchmal stehen uns schon die Haare zu Berge», sagt Bruno Heinzer, Leiter der Meereskampagne. So ermögliche das MSC-System teilweise tatsächlich eine Überfischung oder hohen Beifang, was dann auch andere Arten gefährde. Die Mindestanforderungen seien generell zu niedrig: «60 bis 80 von 100 Punkten genügen nicht.» Vor allem aber verurteilt Heinzer das Fischen mit Grundschleppnetzen: «Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass man mit diesen Netzen nachhaltig fischen kann», sagt er und rät: «Der WWF sollte sich von allen MSC-Fischereien distanzieren, die nicht nachhaltig sind.»

Davon hält der WWF indes nichts: «Aus unserer Sicht handelt es sich bei den derzeit über 90 Zertifizierungen in erster Linie um unkritische Betriebe», lässt die Umweltorganisation verlauten. Auf Nachfrage präzisiert Mariann Breu vom WWF Schweiz: «Natürlich lässt sich auch MSC noch verbessern, und nicht immer laufen die Prozesse so schnell ab, wie wir es gern hätten. Der WWF setzt sich deshalb weiterhin für die Optimierung des Labels ein.»

Dem kritischen Konsumenten bleibt also vorerst nichts anderes übrig, als auf die baldige «Optimierung des Labels» zu hoffen – oder wohl oder übel noch weniger Fisch zu konsumieren.

Finger weg!

Diese MSC-Fische stammen laut den Kritikern nicht aus nachhaltigem Fang

Alaska-Seelachs
Trotz MSC-Label überfischt, oft kommen zerstörerische Grundschleppnetze mit hohem Beifang zum Einsatz.


Hoki/Blauer Seehecht
Grundschleppnetzfischerei auch unter dem MSC-Label. Zudem werden bisher unberührte Fischgründe ausgebeutet, was der Schaffung von Meeresschutzgebieten zuwiderläuft.


Heilbutt

Trotz MSC-Label zerstörerische Grundschleppnetzfischerei und immenser Beifang.

Schwarzer Seehecht/Patagonischer Zahnfisch

Dieser Fisch ist als Speisefisch gross im Kommen, aber auch mit MSC-Label nicht empfehlenswert: zerstörerische Grundschleppnetzfischerei, hoher Beifang, abnehmende Bestände.


Quellen: «Nature», Greenpeace

Veröffentlicht am 01. Oktober 2010

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2 Kommentare

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Andreas Fischer
MSC-Zertifikate fallen immer wieder durch Intransparenz auf. So behauptet Nordsee seine aus angeblich MSC-zertifziertem Fisch geschaffenen Fischprodukte nicht als mit dem MSC-Label versehen zu dürfen, weil Nordsee diese Fische nicht selbst gekauft hat. Nachzulesen auf diesem lustigen Blog: http://montagsmailer.ch/2010/02/16/nordsees-undeklarierter-fisch/ Was bringt ein Label, wenn der Konsument es nicht sehen darf?

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Antonietta
Viele Gewässer, insbesondere die Meere sind überfischt. Viele Arten sind wegen zu hoher Fangquoten und umweltzerstörender Fangtechniken nahezu ausgerottet. Aquafarmen sind keine Alternative, da sie im höchsten Maße umweltgefährdend und tierquälerisch sind. Weltweit werden so ca. 16 Mio. Tonnen Fisch gezüchet. Meist wird nur eine einzige Art in Monokultur mit umfangreicher Technik und Chemikalien auf engstem Raum herangezogen. Kraftfuttercocktails sollen die Fische schnellstmöglich verkaufsreif wachsen lassen. Die Stoffwechselprodukte der Fische verursachen eine explosionsartige Ausbreitung der Algen und eine ökologische Zerstörung des Gewässers. In Anbetracht der Schadstoffbelastungen der Meere wird deutlich, daß Fisch kein gesundes Nahrungsmittel sein kann.

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