BeobachterNatur: Jane Goodall, Sie haben jahrelang über Schimpansen in Tansania geforscht und mit ihnen gelebt. Sind Affen die besseren Menschen?
Jane Goodall:
Nein, das sind sie nicht. Aber wir können einiges von ihnen lernen. Zum Beispiel, eine gute, liebevolle, geduldige Mutter zu sein. Oder Konflikte besser zu lösen. Schimpansen beenden eine Auseinandersetzung immer mit einer Berührung, einer Geste, die zeigt, dass alles wieder in Ordnung ist.

BeobachterNatur: Es gibt doch aber auch blutige Fehden zwischen Schimpansen – mit tödlichem Ausgang.
Goodall: Schimpansen haben auch eine dunkle Seite, ja. Sie können aggressiv und brutal sein, regelrecht Krieg führen. Bei der kriegerischen Auseinandersetzung, die wir in Gombe (Nationalpark in Tansania, Anmerkung der Redaktion) beobachten konnten, wurde jedes Männchen der angegriffenen Gruppe getötet. Die Weibchen aber wurden in die neue Gruppe integriert, ihr Genpool übernommen.

BeobachterNatur: Seit 1986, als Sie spontan beschlossen haben, ihre Feldforschungen einzustellen und sich für Tiere und Umweltanliegen einzusetzen, reisen Sie praktisch nonstop um die Welt. Ist es mit 77 Jahren nicht langsam Zeit, ans Aufhören zu denken?
Goodall: Meine Arbeit ist wichtiger denn je, denn heute erreiche ich auch die Menschen ganz oben, Menschen, die über die Zukunft unseres Planeten entscheiden. Ich treffe Staatspräsidenten, den Präsidenten der Weltbank und der Weltgesundheitsorganisation. Ich versuche, an diesen Konferenzen eine andere Stimme einzubringen, eine emotionale Botschaft. Heute dreht sich alles um Zahlen und Statistiken. Doch wenn wir etwas verändern wollen, dürfen wir nicht allein den Intellekt der Menschen ansprechen, wir müssen ihr Herz berühren.

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BeobachterNatur: Schon als junge Forscherin im Urwald haben Sie auf Emotionen gesetzt, betont, dass Tiere uns ähnlicher sind, als viele von uns wahrhaben wollen.
Goodall: Damals in den 1960iger Jahren war es absolut verpönt, bei Tieren von Emotionen oder Persönlichkeit zu sprechen. Dass ich den Schimpansen Namen gab, löste bei den Kollegen Kopfschütteln aus.

BeobachterNatur: Die moderne Verhaltensbiologie hingegen scheint Ihre These zu bestätigen. Führende Anthropologen sind überzeugt, dass Empathie bei Tieren weit verbreitet ist.
Goodall: Ja, unsere Haltung Tieren gegenüber wandelt sich – zum Glück. Aber noch immer denkt die grosse Mehrheit der Menschen, dass Tiere anders sind als wir. Denken Sie nur an all die Leute, die in Labors arbeiten, die Tiere jagen oder unter unwürdigen Bedingungen halten. Seit ich weiss, was Massentierhaltung bedeutet, kann ich kein Fleisch mehr essen. Fleischkonsum belastet die Umwelt enorm und lässt sich auch ethisch nicht mehr rechtfertigen. Wir könnten die Weltbevölkerung ernähren, wenn wir statt Rinder zu züchten Getreide anbauten.

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BeobachterNatur: Es ist das alte Dilemma: Die Umwelt retten wollen alle, doch auf ihr gutes Leben verzichten die wenigsten. Kommen Sie sich nicht oft vor wie die Ruferin in der Wüste?
Goodall: Es ist schwierig, Dinge zu ändern, aber nicht unmöglich. Ein 15-jähriger Junge aus dem Kongo bespielsweise hat seinen Onkel davon überzeugt, nicht mehr im Busch jagen zu gehen und stattdessen Hühner zu züchten. Innert zweier Jahre haben es ihm 75 Jäger gleich getan. Und all dies nur aufgrund der Initiative eines einzelnen Jungen im Rahmen unseres Programms «Roots and Shoots» (auf Deutsch: «Wurzeln und Schösslinge», Anmerkung der Redaktion).

BeobachterNatur: Glauben Sie, dass die Jugend die Welt zum Besseren verändern kann?
Goodall: Ja. Wir brauchen möglichst viele Jugendliche, die an einen Wandel glauben, die verstehen, dass es noch andere Werte als Geld gibt. Sie werden als künftige Lehrer, Juristen und Politiker den Lauf der Dinge verändern können.

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BeobachterNatur: Welche Botschaft geben Sie uns mit?
Goodall: Dass unsere Lage nicht hoffnungslos ist. Dass es sich lohnt, etwas zu tun, dass jeder von uns zu einer lebenswerten Zukunft beitragen kann. Auch wenn es kleine Schritte sind. Jeder kann seine täglichen Entscheidungen überdenken und künftig anders handeln.

BeobachterNatur: Sie sind UN-Friedensbotschafterin, eine Ikone der Umweltbewegung. Eine amerikanische Zeitung hat sie gar mit Mahatma Gandhi verglichen...
Goodall: Wieso sollte ich es den Menschen verübeln, wenn sie etwas in mich hineinprojizieren, solange es der Sache dient? Ich weiss, wer ich bin, und so leicht hebe ich nicht ab. Aber es berührt mich, wenn 17-jährige Schüler, die für Popstars und Schauspieler schwärmen, mir zuhören und sich von mir inspirieren lassen. Wo immer ich hinkomme, sagen mir Menschen, dass ich etwas in ihrem Leben verändert hätte. Ich trage eine grosse Verantwortung. Deshalb mache ich weiter, so lange ich kann.

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Quelle: Michael Neugebauer

Das Jane Goodall Institut ist eine global tätige Non-Profit-Organisation, die sich für Tier- und Umweltschutz, für Bildung und Entwicklung einsetzt. Das Jane Goodall Institut Schweiz wurde 2004 gegründet.

Informationen über ihr Jugendprogramm «Roots & Shoots»:
www.rootsandshoots.ch