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Natur entdeckenMit Kindern im Wald

Mit guten Absichten und etwas «Lockstoff» hat die Autorin ihre Kinder ins Gehölz gelockt – und im dunklen Tann mehr Abenteuer erlebt, als sie den Kleinen eigentlich bieten wollte.

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Lino möchte Fussball spielen, Charlotte unbedingt schaukeln – aber ich will in den Wald. Vielleicht ist es nur eine romantische Idee, aber ich glaube fest daran: Der Wald tut meinen Kindern gut. Die Kleinen, sie sind sechs und drei Jahre alt, können dort existentielle Erfahrungen machen, die ihnen kein Abenteuerspielplatz bietet. Tannzapfen sammeln, endlich einmal das Eichhörnchen sehen, das immer viel zu schnell den Baum hinaufhuscht. Die Blätter rauschen hören und sich geborgen fühlen. Ein Feuer machen. In unserer durchorganisierten und verplanten Gesellschaft ist der Wald einer der letzten Orte, wo sich Kinder wirklich frei fühlen können. Wo, wenn nicht in der Wildnis, können sie noch ein echtes Abenteuer erleben?

Okay, manchmal braucht es etwas Überredungskunst. Ich zücke eine Packung Guetzli – und tatsächlich, die Mienen meiner Kinder hellen sich augenblicklich auf. Der Sohn steigt aufs Velo, die Tochter schön brav in den Kinderwagen. Los gehts.

Entdecker-und-Sammler-Stimmung

Kaum biegen wir in den Wald ein, orten die beiden auch schon ein rotes Bänkchen am Wegrand und fordern lautstark die Zvieri­pause ein. Im Dschungel sind wir noch nicht gerade angekommen, aber egal. Lino und Charlotte verschlingen die trockenen Biskuits und die Kirschen, die ich als Vitamincocktail dazu serviere, als hätten sie seit zwei Tagen nichts zu essen bekommen. Lino spuckt einen Kirschstein aus. Er schaut ihm hinterher, denkt nach und sagt: «Es wird ziemlich lange dauern, bis daraus ein Baum gewachsen ist, ungefähr 98 Jahre.» Charlotte moniert mit ernster Miene eklige Hundekot-Säckchen, die neben einem Abfalleimer liegen, und sagt dazu: «Weltverschmutzung.» Typisch Stadtkin­der: faul auf der Bank sitzen, mampfen und altkluge Gespräche führen.

Ich mache ein paar Schritte ins Gebüsch hinter uns. «Jetzt wollen wir mal sehen, ob in diesem Dickicht Heinzelmännchen wohnen», motiviere ich meine Kleinen. Tatsächlich trippeln sie mir hinterher. Lino findet einen Ast, etwa fünfmal so lang, wie er selbst gross ist. «Ein perfekter Laser», stellt er begeistert fest (für einen Sechsjährigen ist ein Laser das Gefährlichste und Aufregendste, was die Welt so zu bieten hat). Charlotte bleibt vor einem Baumstamm stehen, an dem in ziemlicher Höhe eine Weinbergschnecke klebt. Sie staunt: «Was die wohl dort oben macht?» Sie hebt ein leeres Schneckenhaus auf und steckt es ein, für die Sammlung.

Endlich also doch noch: Entdecker-und-Sammler-Stimmung. Niemand vermisst den Spielplatz. Wir finden dicht ­belaubte Zweige und bauen daraus eine Hütte. Charlotte setzt sich rein. Sie ist jetzt eine Zauberfee. Ihre Hose strotzt nur so vor Dreck. Nun ja, heutzutage bezahlt man ­pädagogisch wertvolle Spiele ja stets mit einem zusätzlichen Waschgang. Doch die Versunkenheit der Kinder entschädigt für alles.

Plötzlich wird es dunkel im Wald. Schwarze Wolken sind aufgezogen. «Vielleicht wird es regnen», bereite ich gutgelaunt auf das Unvermeidliche vor. Ich freue mich bereits auf das ultimative Naturerlebnis, den nassen Wald, der nach Alles-ist-möglich duftet. Tatsächlich dauert es nicht lange, bis die ersten fetten Tropfen fallen. Und nur wenige Minuten später leert sich der Himmel über uns aus. Die Kinder sehen mich schockiert an. Natürlich habe ich keine Regenkleidung dabei.

Ich beschleunige meine Schritte. Lino tritt in die Pedale, fährt voraus. Charlotte schreit hysterisch: «Es regnet in meine Augen!» Ich sehe noch, wie Lino weiter vorne anhält und mir durch die Bäume etwas ­zuruft. Einem Reflex folgend, mache ich ­irgendwelche beruhigenden Gesten. Dass mein Sohn diese als Erlaubnis ­interpretiert, allein nach Hause zu ­fahren, realisiere ich erst, als er im stockdunklen Wald verschwunden ist. Mein Herz schlägt schneller. Mein Sohn hat noch mindestens eineinhalb Kilometer vor sich. Er kennt die Strecke kaum. Nicht mal bei Sonnenschein hätte ich ihn alleine fahren lassen.

Das ultimative Naturerlebnis

Ein erster Blitz. Kurz darauf grässlich lauter Donner. Ich bekämpfe aufkommende Panik, mache mir Vorwürfe: Wie konnte ich bloss die Wettervorhersage (heftige Gewitter und Hagel) verdrängen! Wie konnte ich bloss Lino ziehen lassen! Ich renne unter wasserschweren Ästen hindurch, streiche mir nasse Blätter aus dem Gesicht. Unterwegs schaue ich in die kleinen Tobel unter mir, nach einem gelben Velo Ausschau haltend. Charlotte kuschelt sich pitschnass und leise wimmernd in den Wagen.

Nun haben wir – und hat insbesondere ­Lino – das ultimative Naturerlebnis, ungeplant und wild. Dagegen verblasst jedes Heinzelmännchen. Ein echtes Abenteuer. Wollte ich das wirklich? Ich weiss es nicht. Jedenfalls ist mir die Naturromantik längst vergangen. Ich habe Angst um mein Kind. Endlich biege ich in unsere Strasse ein, schicke ein Stossgebet in die Wolken. In Gedanken male ich mir schon aus, wie ich meinen Kleinen im Gebüsch suche. Aber nein, tatsächlich: Das gelbe Velo liegt vor der Haustür. Drinnen Lino, in Tränen aufgelöst. Er blafft mich an: «Von wegen, Regen macht schön! Ein ‹Seich› war das!»

Wir nahmen dann zu dritt ein Bad. Noch lange sprachen wir über den dunklen Wald, Angst und Mut. So nah waren wir uns, dass wir unsere Herzen schlagen hörten.n

Spielerisches Entdecken: So lernen Kinder den Wald kennen


Minizoo
Die Kinder bauen für Käfer und Insekten, die sie vom Waldboden und aus Laubhaufen sammeln, kleine Häuser und Gehege aus Zweigen, Moos und Steinchen.

Bestimmen
Erst werden Zapfen, Blätter und Nadeln gesammelt, danach versuchen die Kinder herauszufinden, zu welchem Baum sie gehören, und lernen, wie dieser Baum heisst.

Beobachten
Ein Stück Wald von etwa einem Quadratmeter wird mit Stecken markiert. Die Kinder legen sich darum herum, beobachten und erzählen oder schreiben auf, was sie alles auf dieser Fläche sehen und riechen. Dann schliessen sie die Augen, es wird irgend­etwas aus dem Quadrat entfernt, und die Kinder müssen herausfinden, was es war.

Riechmemory
Die Kinder sammeln duftende Blätter, Blüten oder Ähnliches und legen es in Filmdöschen. Darüber spannen sie ein Stück Nylonstrumpf. Jetzt riechen sie daran und versuchen, nur mit der Nase herauszufinden, woher der «Duftträger» stammt.

Befühlen
Mit verbundenen Augen wird ein Kind einige Male um die eigene Achse gedreht und dann an einen Baumstamm geführt. Jetzt ertastet es dessen Struktur. Danach wird es zum Ausgangspunkt geführt, die Augenbinde wird abgenommen, und das Kind versucht, den Baum wiederzufinden.

Erkennen
Anhand eines Bestimmungsbuchs und unter Anleitung von Erwachsenen lernen Kinder, wie giftige Pflanzen in der Natur aussehen. Bei dieser Gelegenheit lernen sie auch, dass man niemals unbekannte Früchte, Beeren oder Pilze pflücken und essen sollte.

Basteln
Mit Zündhölzern oder Zahnstochern, Zapfen, Nüssen, Blättern und weiteren Dingen lassen sich Phantasiefiguren basteln, die man ein Dorf aus Moos und Zweigen bevölkern lässt. Oder man setzt die Figuren auf ein Stück Rinde und lässt sie als Seefahrer über einen Waldweiher oder Tümpel schippern.

Geräuschkarte
Jedes Kind sucht sich einen Platz, wo es den Geräuschen lauscht. Diese hält es mit kleinen Skizzen auf einem Blatt Papier fest: Hört es beispielsweise rechts einen Specht, zeichnet es diesen Vogel auf die rechte Seite des Blattes. So entsteht nach und nach eine «Geräuschkarte». Morgens und abends hört man besonders viele Vogelstimmen.

Baumkronenspaziergang
Leider können wir nur so tun: Wenn man sich einen kleinen Taschenspiegel auf den Nasen­rücken hält, sieht man die Baumkronen, die sich darin spiegeln. Weil man sich nicht auf den Weg konzentrieren kann, sollte man sich beim Baumkronenspaziergang von jemandem führen lassen.

Marianne Siegenthaler

Richtiges Verhalten im Wald

Feuern: Feuer nur an Feuerstellen entfachen – und auch dort nur, wenn keine Waldbrand­gefahr besteht.

Pflanzen: Keine Pflanzen abschneiden, keine Äste abbrechen und das Dickicht nicht betreten.

Abfall: Niemals Abfall im Wald liegen lassen.

Naturschutz: In Naturschutzgebieten die Wege nicht verlassen und keine Pflanzen pflücken.

Lärm: Musik oder lautes Schreien erschreckt die Waldtiere. Singen oder Sprechen hingegen stört nicht.

Zecken: Wer nicht geimpft ist, sollte Kopfbedeckung sowie lange Kleidung tragen und abends den ganzen Körper nach Zecken(-bissen) absuchen.

Weitere Infos

www.kinderspiele-welt.de
www.pflanzenbestimmung.de

Katharina Brändlein, Ulrike Grafberger: «Naturwerkstatt Wald. Spielen, ent­decken und experimentieren rund ums Jahr»; AT-Verlag, 2010, 144 Seiten, CHF 33.90

Imke Rudel, Christine Henkel: «Mein Mal- und Bestimmungsbuch – Wald und Wiese»; Carlsen-Verlag, 2011, 24 Seiten, CHF 6.90

Veröffentlicht am 08. August 2011

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1 Kommentar

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Martina Müller
Der Schutz vor Zecken muss auch erfolgen, wenn man geimpft ist, denn die Impfung schützt NICHT vor Zecken. Sie schützt nur vor der seltenen FSME. Sie schützt nicht vor der häufigen Borreliose, die ohne typisches Frühsymptom schwierig zu diagnostizieren und in späteren Stadien schwierig zu therapieren ist.

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