Wir haben nichts gesehen – und Sie?» Das hätten enttäuschte Wanderer sie oft gefragt, erzählt Claudia Wartmann. Erst mit der Zeit habe sie realisiert, was die Besucher im Nationalpark mit «nichts» meinten: keine Hirsche, keine Gämsen und keine Steinböcke. Weder für die uralten Wälder noch für die spektakulären Gesteinsformationen hatten sie ein Auge übrig. Und nicht einmal für die Orchideen, die am Wegrand blühten.

Ganz im Gegensatz zu Beat und Claudia Wartmann: Sie kartierten während vier Jahren die Orchideen im Nationalpark, der zuvor ein weisser Fleck auf der nationalen Verbreitungskarte gewesen war. Welche Arten wachsen nur an Orten, wo sie reichlich der Sonne ausgesetzt sind? Welche ­bevorzugen ein schattiges Plätzchen? Bei welchen anderen Pflanzen oder Gesteinen fühlen sie sich am wohlsten? Solchen Fragen ist das Forscherpaar nachgegangen.

Im Nationalpark, das wissen sie nun ganz genau, wachsen 17 verschiedene Orchideenarten. Das sind nicht so viele wie im Jura, wo mancherorts mehr als 24 verschiedene Arten auf einem Quadratkilometer heimisch sind. Die begrenzte Artenvielfalt hat mit der Höhenlage zu tun: Nur die Hälfte aller Orchideen gedeiht auf einer Höhe von über 1000 Metern über Meer.

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Perfekt an ihre Umgebung angepasst

Die Zwergorchis hat mit der Höhe kein Problem. Sie hat sich an das Leben in höchsten Lagen perfekt angepasst. Die ­gedrungene Orchidee wächst im Nationalpark ab 2200 Metern über Meer bis zur ­Vegetationsgrenze. Weil dort nur noch ­wenige Fluginsekten unterwegs sind, die als ­Bestäuber in Frage kommen, wendet die Pflanze einen Trick an: Sie lockt mit dem Nektar Ameisen an, die ihre Pollen zu Fuss zur nächsten Pflanze transportieren.

In schattigen Wäldern wächst die Korallenwurz, die ihren Namen dem korallenartig verzweigten unterirdischen Rhizom verdankt. Da die Pflanze keine Blätter hat, mit denen sie Fotosynthese betreiben könnte, lässt sie sich von einem Wurzelpilz mit Nährstoffen versorgen.

Am häufigsten haben die Wartmanns die Wohlriechende Handwurz gefunden. Claudia Wartmann gerät ins Schwärmen: «Es lohnt sich, niederzuknien und zu schnuppern. Dieser Duft hat Suchtpotenzial, er ist unglaublich süss und schlicht betörend.» Oft sind es eben die kleinen Dinge, die uns mit Glück erfüllen.

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Buchtipp

Claudia und Beat Wartmann: «Orchideenwanderungen im Schweizerischen Nationalpark»; Natürlich-Verlag, 2014, 172 Seiten, CHF 14.30

Quelle: Claudia und Beat Wartmann
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Wandertipps

Val Tantermozza

Der Weg startet an der Waldstrasse God d’Arduond. Beim Wegweiser erwartet einen eine grosse Gruppe Fuchs-­Fingerwurze. Später, unter den dichten Moos­polstern der dunklen Fichten, wachsen Korallenwurz und Moosorchis. Im lockeren Föhrenwald gedeihen die wärmeliebenden Handwurzarten und die Braunrote Stendelwurz. Nach einer Rast bei der Chamanna Tantermozza gehts auf dem gleichen Weg zurück. Wanderzeit: 1 Stunde 30 Minuten

Val Trupchun

Los gehts beim Parkplatz Prasüras oberhalb von S-chanf. Ein angenehmer Höhenwanderweg führt durch Bergföhren- und Fichtenwald. Eine Holzbrücke überquert den Bach Ova da Chaschauna. Durch Lärchenwald gehts zum Bach Ova da Trupchun und dann zum ehemaligen Alpgebäude. Der Rückweg führt an der rechten Seite des Bachs entlang. Wanderzeit: 4 Stunden

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Val Mingèr

Diese Wanderung bietet die grösste Vielfalt an Orchideen. Von der Postauto­haltestelle Pradatsch aus gehts über die Wasserfassung der Clemgia in den Nationalpark. Linker Hand, in einem kleinen Ried, steht die Blutrote Fingerwurz. Im Fichtenwald blühen Korallenwurz und Moosorchis. Auf den Wiesen der ehemaligen Alp blühen Schwarzes Männertreu und Grüne Hohlzunge. Von Sur il Foss gehts auf dem gleichen Weg zurück. Wanderzeit: 4 Stunden

Auf www.atlasnationalpark.ch sind die genauen Orchideenstandorte eingetragen.

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Heinrich Haller, Direktor des Schweizerischen Nationalparks, über die Bedeutung des Naturreservats, das vor 100 Jahren gegründet wurde.

Quelle: Claudia und Beat Wartmann

Heinrich Haller: «Das strenge Regime hat auch Vorteile»

BeobachterNatur: Heinrich Haller, im Gegensatz zu ­amerikanischen Nationalparks kann der schweizerische nicht mit spektakulären Naturwundern à la Grand Canyon aufwarten. Setzt er deswegen auf Orchideen­wanderungen?
Haller: Nein. Anders als in Amerika standen bei der Gründung unseres Nationalparks nicht die touristischen Attraktionen im Vordergrund, sondern wissenschaftliche Aspekte. Der Nationalrat beschloss vor 100 Jahren, eine alpine Landschaft unter «Totalschutz» zu stellen und sich selbst zu überlassen.

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BeobachterNatur: Brauchte die damalige Gesellschaft eine Antithese zur Kultur?
Haller: Das Bildungsbürgertum verfolgte die ­industrielle Revolution sehr skeptisch. Es fürchtete sich vor den Folgen der gros­sen technischen Umwälzungen. Mit dem ­Nationalpark wollte man ein Stück Natur bewahren – oder besser: wiederherstellen.

BeobachterNatur: Was nützt uns heute dieser «Hort der Wildnis»?
Haller: Wir haben hier die einmalige Chance, ­dynamische Prozesse über einen sehr ­langen Zeitraum hinweg zu studieren. Man kann die Zivilisation nur verstehen, wenn man die Grundlagen des Lebens versteht, also die unberührte Natur.

BeobachterNatur: Steigen die Besucherzahlen im National­park, seit die Menschen in der Schweiz angeblich unter «Dichtestress» leiden?
Haller: Wir haben jedes Jahr rund 150'000 Besucher. In den letzten Jahren kamen etwas mehr Wanderer, aber das hat sich nicht auf die Besucherzahlen ausgewirkt, weil wir etwas weniger ausländische Gäste hatten.

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BeobachterNatur: Im Park gibt es einen Bärenerlebnisweg, einen Kinderpfad – wie viele touris­tische Attraktionen verträgt die Natur?
Haller: Wir müssen attraktiv für die Besucher sein, weil wir für die Region auch ein Wirtschaftsfaktor sind. Dennoch bemühen wir uns, die Tourismusangebote diskret in die Natur einzufügen. Für die Bärenwanderung stellen wir zum Beispiel einen digitalen Guide zur Verfügung. Die moderne Technik spielt für uns eine wichtige Rolle: Es ist gut möglich, dass wir irgendwann alle Tafeln abbauen können und die ­Lehrpfade gar nicht mehr sichtbar sind.

BeobachterNatur: Die Wanderer wollen unberührte Natur erleben, dürfen aber die Wanderwege nicht verlassen. Ist das nicht ein Widerspruch?
Haller: Man darf nicht vergessen, dass unser strenges Regime auch Vorteile hat. Die Hirsche etwa lassen sich nur wegen unseres strikten Weggebots beobachten: Sie kommen den Wanderern relativ nahe, weil sie wissen, dass diese Distanz halten.

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BeobachterNatur: Halten sich die Gäste an die Regeln?
Haller: Wir müssen nur wenige Bussen verteilen. Da wir viele Stammgäste haben, ermahnen sich die Besucher gegenseitig.

BeobachterNatur: Wie hoch ist die Busse, wenn ich eine Orchidee pflücke?
Haller: Das müsste ich nachschauen. Soll ich?

BeobachterNatur: Ja, gern.
Haller: Also, Blumen pflücken oder Gegenstände mitnehmen: 150 Franken.

BeobachterNatur: Man erwartete, dass die Alp Stabelchod innert weniger Jahre mit Wald über­zogen sei. Warum sieht sie heute immer noch wie ein Golfplatz aus?
Haller: Weil sie zuvor intensiv landwirtschaftlich genutzt worden war. Die Grasnarbe ist bis heute so dicht, dass die Föhrensamen kaum hindurchdringen können und deswegen nur wenige neue Bäume ­wachsen. Auch der an den Nationalpark angrenzende Ofenpass zeugt von der ­früheren wirtschaftlichen Nutzung der ­Region: Er ist nach alten Eisenwerken ­benannt.

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BeobachterNatur: Zurzeit laufen im Nationalpark 40 Forschungsprojekte. Welche werden Geschichte schreiben?
Haller: Die Studie über die Renaturierung der Alp Stabelchod findet im In- und Ausland gros­se Beachtung. Auch das Forschungsprojekt über die Wirkung von künstlichen Hochwassern auf die Ökologie des Flusses Spöl. Dieses Projekt gefällt mir persönlich gut, weil es uns zeigt, wie wir mit Stauseen – die es nun mal gibt – künstliche Spü­lungen auslösen und so die Hochwasser ­imitieren können, die vor dem Bau der Stauseen regelmässig auftraten.