Moritz steht etwas abseits der Herde. Ein Zaun trennt ihn von den Pferden anderer Rassen. Als Freiberger ist er vom Aussterben bedroht. Und auf Diät. Wo er steht, weiter hinten im Hof, findet er weder Heu noch Gras, geschweige denn Kraftfutter. Nur Wasser und Stroh. Der Freiberger ist das tierische Pendant zu jenen Menschen, von denen man behauptet, sie müssten Schokolade nur ansehen, um ­zuzunehmen. Freiberger seien ­eigentlich immer auf Diät, sagt Arabella Biehler und öffnet das Tor von Moritz’ Gehege.

Moritz ist einer vom alten Schlag. Stämmig, dickes Fell und, typisch für seine Rasse, unaufgeregt gemächlich. «Sein Vater war ein Gigant», sagt Biehler. Der war noch breiter als Moritz, der an der oberen Grenze sei. Wenn er nicht konsequent Diät halte, werde es eng für ihn. Jedenfalls beim Futterplatz. Zweimal am Tag erhalten die Pferde voneinander abgetrennt etwas zu fressen. Die Plätze sind 82 Zentimeter breit. Es gab Zeiten, da war Moritz regelrecht eingeklemmt zwischen den Holzwänden. «Jetzt hat er auf beiden Seiten drei Fingerbreit Platz», sagt Biehler. Und Moritz könne ja nichts dafür. Der Urfreiberger war so breit. Weil seine Figur bei den Leuten nicht ankam, wurde er mit schlankeren Freibergern weitergezüchtet. Die Stute Herta, mit der Moritz das Gehege teilt, ist schon sichtlich graziler.

Seit vier Jahren kümmert sich Biehler um Moritz. Sie war schon immer von Pferden begeistert. Mit acht Jahren begann sie zu reiten. Drei Jahre später machte sie das Reitbrevet, kurz darauf fing sie an, auf der ­Pferdepension im bernischen Rumendingen mitzuhelfen. Auf dem Hof von Paul Schmutz war auch Moritz eingestellt. Er war lange der Chef der Herde. «Wenn er auf die andere Seite der Weide wollte, teilte sich die Herde, damit er ohne Umweg durchkonnte.»

Mittlerweile hat der 24 Jahre alte Moritz seinen Chefposten für ein jüngeres Pferd geräumt. Vor vier Jahren wurde Arabella Biehler von Moritz’ Besitzerin gefragt, ob sie sich um ihn kümmern wolle. Hätte Biehler damals abgelehnt, wäre sie heute nicht die jüngste Stiftungsgründerin der Schweiz. «Aber ich habe natürlich sofort zugesagt. Gäu du, Moritz.»

Moritz habe nicht immer Freude, sie zu sehen. Manchmal sei er faul, wolle nicht raus. Ein typischer Freiberger. Viermal die Woche fährt sie nach Rumendingen. Reitet aus, übt Tricks, geht mit Moritz eine Runde spazieren. Wie heute. Einmal um Rumendingen rum. In der Emmentaler Gemeinde leben fast so viele Pferde wie Menschen. Rund 80. Die Häuser sind riesig. Alte Bauernhöfe mit dem typischen Stöckli daneben. Auf Handyempfang hofft man vergebens. Während des Spaziergangs fährt ein einziges ­Auto durch die Strasse. Kein Mensch ist unterwegs. Misthaufen dampfen. Im Winter sei es so ruhig, da glaube sie manchmal, die Zeit stehe still. Arabella Biehler wuchs im Nachbardorf Wynigen auf. Heute lebt sie mit ihren Eltern in Solothurn. 30 Auto­minuten von Rumendingen und Moritz entfernt.

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Moritz spaziert brav neben Biehler her. Wobei das Verb seine Gangart nur unzureichend beschreibt. Er schreitet, stolziert. Wie ein Rock-’n’-Roll-Tänzer kickt er seine Vorderhufe bei jedem Schritt nach vorn. «Wie ein General, oder?» So gehe er aber nur bergab. Wenn Biehler von Moritz erzählt, kommt sie ins Schwärmen. Sie würde sich sofort wieder eines Freibergers annehmen, wenn Moritz einmal nicht mehr ist.

Angefangen hat Biehlers Engagement vor zwei Jahren, mit der Abschlussarbeit ihrer kaufmännischen Ausbildung. Sie wusste, sie wollte etwas über Pferde schreiben. Und sie wusste, dass Moritz ein Freiberger war. Aber dass dies die letzte Schweizer Pferderasse und dass sie vom Aussterben bedroht ist, war ihr neu. Während ihrer Recherchen erfuhr sie, dass der Bestand der Freiberger kleiner wird. Nur noch 120 Hengste gibt es derzeit. Und die rund 3000 Zuchtstuten bringen immer weniger reinrassige Fohlen zur Welt. Als reinrassig gilt ein Freiberger, wenn er weniger als zwei Prozent von einer anderen Rasse enthält.

Arabella Biehler wollte etwas zur Rettung der Freiberger beitragen.

Es gab zwar einen Freiberger-Züchterverein und eine Interessengemeinschaft zur Rettung der letzten Schweizer Pferderasse, aber noch keine Stiftung. Biehler erhielt familiäre Unterstützung. Ihr Vater arbeitet für eine Pensionskasse und ist Experte im Bereich ­Stiftungsrecht. Seit März 2013, als sie die Freiberger Stiftung gründete, ist Arabella die jüngste ­Stiftungsgründerin der Schweiz. Sie steckte ihr ganzes Erspartes in die Stiftung. Eigentlich wird ein Start­kapital von 50 000 Franken verlangt. Aber der Stiftungsausschuss drückte ein Auge zu, und die junge Frau konnte mit weniger starten. Seither reist sie an Messen, trifft Züchter und nimmt an Tagungen teil.

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Immer mit dabei ist der Vater. Ronald Biehler steht jetzt neben seiner Tochter, tätschelt Moritz unbeholfen die Nase. Er sei ganz und gar kein Pferdenarr. Reite auch nicht. Wenn er aber vom Freiberger, von dessen Geschichte und seinen Visionen für die Stiftung spricht, merkt man das nicht. Mit jedem Wort wird ­Ronald Biehler enthusiastischer.

Ältere Männer geraten beim Thema Freiberger häufig ins Schwärmen. Im Militär waren es «ihre» Pferde, ihre treuen Begleiter. Auch der Besitzer der Pferdepension in Rumendingen, Paul Schmutz, findet nur lobende Worte für die Schweizer Pferderasse. Sein Vater führte einen Landwirtschaftsbetrieb. Er pflügte seine Äcker mit Freibergern. Heute wäre dies nicht mehr rentabel.

Seit 30 Jahren dienen die Ställe und Weiden als Pferdepension. 26 Pferde sind eingestellt. Vier davon Freiberger. Mehr davon täten der Herde gut. Denn Freiberger sind robuste Tiere. Kaum krank. Machen keine Probleme. Am ehesten kann man die stämmigen, pflegeleichten Tiere mit den norwegischen Fjordpferden vergleichen. Freiberger sind ausgezeichnete Therapiepferde. Ideale Arbeitstiere. Wegen ihrer gemächlichen Art sind sie auch für Kinder geeignet. Und trotzdem bei der Masse nicht beliebt. Viele Reiter wünschen sich «mehr Temperament».

Bei den anderen Rösselern aber seien derzeit Wes­ternpferde wie die Freiberger sehr im Trend, davon dürfte die Rasse profitieren, hofft Arabella Biehler. Dass die Tiere als «verfressen» gelten, sei ungerecht. Sie verwerten einfach gut. Jeder Bissen landet auf den Rippen. Biehler bezeichnet die Freiberger gern auch als «Fressmaschinen». Sie meint das nicht böse. Wie um es zu unterstreichen, schmiegt sie sich an ­Moritz. Ihr rotes Haar verschmilzt mit dem Fell des Pferdes. Das Duo ist auch deshalb weit über Rumendingens Grenzen bekannt. Das «rötsche» Mädchen auf dem «rötschen» Wallach.

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Die Freiberger-Stiftung hat ein klares Ziel: das Überleben der Pferderasse zu sichern. Sie soll als schweizerisches Kulturgut erhalten bleiben. Da gibt es noch viel zu tun. Schweizer würden den Freiberger kaum kennen. Wer nicht selber reite, habe keine Ahnung, was ein Freiberger sei, sagt Arabella Biehler. Das will sie ändern. Es sei schliesslich die einzige von ursprünglich 19 Schweizer Rassen, die überlebt habe. Deshalb führt Biehler auch immer wieder Schulklassen über den Hof, zeigt ihnen Moritz. Und sie besucht die Züchter. Etwa die grösste Schweizer Freibergerzucht in Avenches. Die Preise für einen Freiberger seien tief. Knapp 3000 Franken bezahle man heute für ein Fohlen. Ein dreijähriges Pferd nach dem Feldtest, also nach der Grundausbildung, koste ungefähr 7000 bis 9000 Franken. Ausländische Pferderassen kos­ten ein Mehrfaches. Dabei ist ein Freiberger vor allem nach dem Kauf ein günstiges Pferd. Er verursacht meis­t nur geringe Tierarztkosten.

Bevor Arabella Biehler den Hof verlässt, soll Moritz sein Zirkustalent unter Beweis stellen. Er könne auf Kommando den Kopf schütteln, im spanischen Schritt gehen und sich verneigen. Und tatsächlich: Moritz schüttelt und tänzelt, als hätte er nie etwas anderes ­gemacht. Die Pferdetrainerin, bei der die beiden diese Tricks gelernt haben, habe gesagt, Moritz würde auch kopfüber auf einem Bein balancieren, wenn er könnte. Und wenn er anständig belohnt würde. Ein Apfel, eine Karotte oder ein paar Kraftwürfel bekommt er nach ­jedem vorgeführten Trick. Für Essen würde er alles tun. Mit einer grossen Begeisterung für Zirkustricks habe das wenig zu tun.

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Bevor die Tierfreundin geht, streicht sie Moritz über die Mähne und verspricht, am nächsten Tag ­wiederzukommen. Er bleibt ruhig stehen, blinzelt nur. Typisch Freiberger. Kaum hat sie das Tor geschlossen, senkt er seinen Kopf zum Boden. Ohne gross den Kopf zu bewegen, schnappt er nach ein paar Halmen. In der Not frisst das Pferd Stroh.

Freiberger Pferde Stiftung: www.freiberger-pferde.ch

Pferdezucht in der Schweiz: Verlust der Vielfalt

Die Schweizer Bauern brauchten immer schwere, robuste Pferde und züchteten solche selber. 1798 waren viele Zuchten am Ende, als die französische Armee einmarschierte und Pferdeställe plünderte.

Bis vor 30 Jahren gab es ausser den Freibergern noch die 18 untenstehenden Schweizer Rassen. Manche, etwa die Burgdorfer, deren Ausgangsrassen man kennt, könnten eine Renaissance erleben.

  • Ajoie-Pferd

  • Bündner Oberländer Pferd
  • Burgdorfer Pferd
  • Charrat-Pferd
  • Delsberger Pferd
  • Einsiedler (Grosses Schwyzer) Pferd
  • Emmentaler Pferd
  • Erlenbacher Pferd
  • Freiburger (Wifflisburger)
  • Luzerner Pferd
  • Mayenfelder Pferd
  • Pruntruter Pferd
  • Schwyzer (Entlebucher) Pferd
  • Seeländer Pferd
  • Simmentaler Pferd
  • Solothurner Pferd
  • St. Galler Oberländer Pferd
  • St.-Galler-Rheintal-Pferd

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Burgdorfer Pferd auf einem Foto um 1935. Heute wird die Ardenner-Freiberger-Kreuzung wieder gezüchtet.

Quelle: Marco Zanoni

Arbeitstiere: Die Geschichte der Freiberger

Freiberger sind die letzte ­Schweizer Pferderasse und die letzten leichten Kaltblüter ­Europas. Der Begriff bezieht sich auf das ­ruhige Wesen dieser Tiere – in Abgrenzung zu den temperamentvollen Warmblütern. Sie stammen ­ursprünglich aus dem Jura.

Im 15. Jahrhundert begann man in der Schweiz mit der Zucht eines schweren Arbeitspferdes. Es sollte auf dem Hof helfen ­können und auch im Krieg einsetzbar sein. Zur Zucht dieses Pferdes wurden neben einheimischen Pferden hauptsächlich Comtois und Ardenner gebraucht. Besonders Frankreich schätzte die Freiberger und ­importierte viele für die Armee. Im 16. Jahrhundert waren die Freiberger gar das Export­produkt Nummer eins des Jura. Frankreich besann sich Mitte des 19. Jahrhunderts auf seine ­eigenen Pferde, und die Zahl der ­Freiberger ging stark zurück. Der Bundesrat beschloss, ein­zugreifen, um den Nachschub an Militärpferden zu sichern.

Am 5. April 1891 kam in Saignelégier der Hengst Vaillant zur Welt. Noch heute gehen rund 70 Prozent aller Freiberger auf ihn zurück. In den Welt­kriegen bewährte sich die Rasse in der Armee. Danach tendierte die Zucht zu schwereren Pferden, um der Motorisierung in der Landwirtschaft entgegenzutreten. Bald war aber klar, dass auch ein schwereres Pferd nicht mit dem Traktor konkurrieren konnte. Heute hat sich der Freibergerbestand massiv verringert. Noch rund 3000 Zuchtstuten und 120 Hengste leben in der Schweiz.

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Auf dem Planetenweg zu den Freibergern: Wanderung und Pferdezuchthöfe

Wandertipp: Planetenweg von Burgdorf nach Wynigen
Die dreistündige Wanderung (siehe Karte) beginnt in der Zähringerstadt Burgdorf, wo man das Schloss besichtigen kann. Den Weg nach Wynigen säumen die Planeten des Sonnensystems im Massstab von 1 : 1 Milliarde. In Wynigen lädt der «Landgasthof zur Linde» zur Stärkung ein. Von Wynigen gelangt man in einer halben Stunde nach Rumendingen. Dort befindet sich die Pferdepension von Paul Schmutz, wo Arabella Biehlers Freiberger Moritz lebt: www.free-horse.ch

Quelle: Marco Zanoni

Freiberger-Zuchthof
Der Urfreibergerhof in Niederbipp BE hat sich der Zucht von Freibergern verschrieben. Er ist einer der grössten Zuchthöfe.
www.urfreibergerhof.ch

Pferdehöfe im Jura
Die Stiftung für das Pferd im Jura hat drei Pferdeheime: «Le Roselet» in Les Breuleux, «Le Jeanbrenin» bei Tramelan und «Maison Rouge» bei Les Bois. In diesen Höfen verbringen insgesamt 170 Pferde, darunter viele Freiberger, ihren Lebensabend.
www.philippos.ch

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