BeobachterNatur: Herr Furrer, Ihre Galapagos-Riesenschildkröten scheinen sexuell ziemlich aktiv zu sein. Jedenfalls musste der Panzer des Weibchens Nigrita 15 Jahre lang mit einer Metallplatte geschützt werden.
Samuel Furrer: Ja, wir haben im Zoo Zürich das grosse Glück, dass die Schildkrötendame ­Nigrita und das Männchen Jumbo sich sehr gut verstehen und immer wieder für Nachwuchs sorgen. Die Metallplatte mussten wir auf den Panzer des Weibchens schrauben, weil der infolge der sexuellen Tätigkeiten stark durchgescheuert war. Kein Wunder, denn das Männchen bringt rund 220 Kilo auf die Waage, und die Paarungszeit dauert das ganze Jahr. Schuld ist aber auch der Sand im Innenbereich der Schildkrötenanlage. Wenn er zwischen die Panzer gerät, wirkt er wie Schmirgelpapier.

BeobachterNatur: Nigrita kam 1946 nach Zürich, Jumbo 1962. Aber erst 1989 schlüpfte das erste Jungtier. Weshalb?
Furrer: Die Schildkröten sind ja an die kargen ­Verhältnisse auf den Galapagosinseln am Äquator angepasst. Diese Bedingungen nachzuahmen ist nicht einfach. Es braucht das richtige Licht, die richtige Temperatur und beheizte Bodenplatten. Auch die Nahrung muss stimmen. Lange bekamen die Schildkröten bei uns viel zu energie­reiches Futter wie Quark oder Eier. Heute verfüttern wir nur noch Heu und Laub. Kommt hinzu, dass die Tiere in sozialen Belangen sehr sensibel sind.

BeobachterNatur: Wie äussert sich das?
Furrer: Zum einen sind die Schildkröten in der Partnerwahl sehr heikel. Zum anderen sind die Rangkämpfe ein Problem. Jumbo brach einmal aus dem Gehege aus, weil er wegen der Rangeleien gestresst war. Dabei überwand er eine Abschrankung von über einem halben Meter Höhe. Erst als wir die anderen Männchen weg­gaben, war das Problem gelöst.

BeobachterNatur: Inzwischen sind im Zürcher Zoo über 60 Jungtiere geschlüpft. Der Zoo Zürich ist die einzige Institution in Europa, die Galapagos-Riesenschildkröten züchtet. Was machen die anderen falsch?
Furrer: Die anderen Zoos machen es bestimmt so gut wie wir. Nur haben dort noch keine Schildkrötenpaare zusammengefunden. Warum, weiss niemand genau. Was ich aber sagen kann: Riesenschildkröten sind Individualisten mit komplexem Verhalten.

BeobachterNatur: Ist das Leben der Riesenschild­kröten also doch interessanter, als mancher ­Zoobesucher vermuten würde?
Furrer: Das sind ganz intelligente Tiere mit verschiedenen Verhaltensweisen. Sie haben zum Beispiel eine klare Hackordnung, die sie immer wieder mit Drohungen, Kämpfen und Bissen untereinander ausfechten. Nur wer die Tiere länger beobachtet, kann solche Dinge sehen. Der Ranghöchste ist übrigens daran zu erkennen, dass er die besten Plätze monopolisiert und jeweils als Erster beim Futter eintrifft.

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BeobachterNatur: Können die Tierpfleger mit den ­Schildkröten kommunizieren?
Furrer: Ja, die Tiere erkennen ihre Pfleger an der Stimme. Man kann die Reptilien mit Futter anlocken und ihnen Dinge beibringen. Sie lernen etwa sehr schnell, dass sie Futter bekommen, wenn sie in einem Versuch eine bestimmte farbige Taste antippen.

BeobachterNatur: Inwiefern hilft der Zoo bei der Aufzucht der Jungtiere nach?
Furrer: Die Schildkröten haben einen Eiablageplatz, wo sie ein Loch buddeln, in das sie ihre Eier hineinlegen können. Dank einer Nachtkamera können die Tierpfleger das beobachten. Am nächsten Morgen holen sie die Eier und legen sie in einen sicheren Inkubator, in dem die Temperatur stimmt. Nach rund 140 Tagen schlüpfen die Jungen.

BeobachterNatur: Wildern Sie diese Tiere auf den ­Galapagosinseln aus?
Furrer: Nein, das ist kein Thema. Auf den Galapagosinseln gibt es eine lokale Zuchtstation. Wir geben unsere Jungtiere an andere Zoos ab, was ebenfalls wichtig ist. Denn heutzutage darf man auf den Galapagos­inseln keine Tiere mehr holen – wenn wir sie in den Zoos zeigen wollen, müssen wir sie selber züchten.

BeobachterNatur: Hat der Zoo Zürich schon einmal Tiere auf den Galapagosinseln eingesammelt?
Furrer: Ja, mein Vorgänger machte 1962 eine ­Exkursion und holte in einem Militärrucksack fünf Tiere nach Zürich. Natürlich mit Bewilligung. Er brachte auch Jumbo mit. Der war damals erst zehn Jahre alt und rund fünf Kilogramm schwer.

BeobachterNatur: Vor einem Jahr starb auf den Galapagos­inseln die berühmte Riesenschildkröte «Lonesome George». Was bedeutet das für den Schutz dieser Art?
Furrer: Von der Galapagos-Riesenschildkröte gab es auf den verschiedenen Inseln ursprünglich 14 Arten. «Lonesome George» war der letzte Vertreter einer auf der Insel Pinta vorkommenden Art. Drei weitere Arten sind ebenfalls ausgestorben; die überlebenden sind aber relativ gut geschützt. ­Übrigens gibt es ­neben den Galapagos-Riesenschildkröten weltweit nur noch eine weitere Art von Riesenschildkröten: die Aldabra-Riesenschildkröte, die bei uns in der Masoala-Halle zu sehen ist.

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Samuel Furrer ist Biologe und seit 1999 Kurator am Zoo Zürich. Er führt das ­europäische Zuchtbuch der Galapagos-Riesenschildkröte. (Foto: Zoo Zürich)

Quelle: Zoo Zürich/Karsten Blum

Forschung mit Schweizer Hilfe auf Galapagos

Diverse Schweizer Institutionen unterstützen seit Jahrzehnten die Forschungs- und Schutzprojekte auf den Galapagos­inseln, so etwa der Zoo Zürich, die Univer­sität Zürich, das Naturhistorische Museum Genf und der Verein «Freunde der Galápagos Inseln Schweiz». Derzeit läuft unter anderem ein Projekt zum Schutz der ­Riesenschildkröten, bei dem die Reptilien mit GPS-Sendern versehen werden. ­Wissenschaftler der Univer­sität Zürich untersuchen zudem die Verwandtschaftsbeziehungen unter den verschiedenen Arten von Spottdrosseln. Die Ergebnisse sind wichtig für die Wiederansiedlung der Floreana-Spottdrossel auf der Insel Floreana.

Weitere Infos

  • Rückblick auf die Sonderausstellung «Galápagos» 2012:
    www.zm.uzh.ch

  • Buch zur Sonderausstellung im ­Zoologischen Museum Zürich:
    PDF-Download (10 mb)

  • «Freunde der Galápagos Inseln Schweiz»:
    www.galapagos-ch.org

  • Riesenschildkröten-Projekt:
    www.gianttortoise.org

  • Informationen zu aktuellen Ausstellungen des Zoologischen Museums:
    www.zm.uzh.ch