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WallisDie Kult-Tulpe

Die Kult-Tulpe
Weltweit einmalig: Die Grengjer Tulpe gedeiht nur im Wallis. Bild: Francesca Palazzi

Tulpen aus Amsterdam kennt jeder. Tulpen aus Grengiols kaum einer. Die geschützte Walliser Blume entging auch nur knapp dem Aussterben.

von Martin Müller

Schön ist sie, kein Zweifel. Langer Stängel, harmonisch geformte Blüte. Aber ist die Grengjer Tulpe auch aussergewöhnlich? Fast immer ist sie knallgelb, seltener hat sie rot gestreifte Ränder, äusserst selten ist sie vollständig rot. Wer je auf der Insel Mainau war oder an einer Tulpenschau in Holland, kennt weit spektakulärere Exemplare, in Blau oder Schwarz, mit gezackten oder gefüllten oder bizarr geformten Blütenblättern.

Trotzdem, die Grengjer Tulpe ist ­etwas ganz Spezielles. Weil sie seit Jahrhunderten in Grengiols VS wächst, an einem eher schattigen Flecken, auf über 1000 Metern über Meer. Weil die tulipa grengiolensis, so der botanisch korrekte Name, weltweit einmalig nur in Grengiols am Eingang zum Goms gedeiht. Weil sie sich Zucht- und Pflanzversuchen ausserhalb von ­Grengiols ziemlich strikt verweigert. Und weil sie fast ausgestorben wäre – wenn nicht Alex ­Agten und seine ­Mutter Berta für ihre Erhaltung gekämpft hätten.

Dank ihm färben sich die Felder im Mai gelb (und etwas rot): Arzt Alex Agten.
Quelle: Francesca Palazzi

Die «Tulpenzunft» leistet Gratisarbeit

Jahrzehntelang galt Alex Agtens Energie dem Überleben der Menschen: Der 66-jährige Arzt ist gerade dabei, seine Hausarztpraxis in Fiesch in jüngere Hände zu übergeben. Doch seit 19 Jahren setzt sich der vife, kleingewachsene Mann mit den wachen Augen auch dafür ein, dass die tulipa grengiolensis jeden Frühling die Berghänge erblühen lässt. Als Präsident der «Tulpenzunft» sorgt er dafür, dass genügend Freiwillige die Hege und Pflege übernehmen – ohne Bezahlung, einzig für die Genugtuung, etwas zur Erhaltung der Artenvielfalt beizutragen. «Es ist ein guter Ausgleich zu meiner Arbeit als Arzt», sagt Agten. «Ausserdem gibt es gar nicht so viel zu tun. Die meiste Zeit kann ich zuschauen. Die Tulpen wachsen ja von selbst.»

Ihr ist nur beim Winterroggen wohl

Eine ziemliche Untertreibung. Damit im Mai die Tulpen blühen, beginnt die Arbeit bereits im Herbst. Die Grengjer Tulpe wächst wild einzig als Begleitflora in Winterroggenäckern. Die Mitglieder der Tulpenzunft pflügen diese Äcker Ende September in Handarbeit. So kommen die Tulpenzwiebeln an die Oberfläche, die Nebenzwiebeln werden abgetrennt und neu gesteckt. Anschliessend müssen sie den Winterroggen einsäen. Das bedeutet fünf harte Arbeitstage für zehn Männer.

Im Frühling dann braucht es wieder zehn Männer, um einen 400 Meter langen Metallzaun aufzustellen. Sonst fressen die Hirsche die spriessenden Tulpen – eine Delikatesse! Einen Monat später muss der Hirschzaun wieder weg, denn sobald die Tulpen blühen, ungefähr ab Mitte Mai während etwa dreier Wochen, kommen meh­rere hundert Besucher nach Grengiols. Das kleine Dorf hat praktisch keine touristische Infrastruktur, obwohl es schräg gegenüber der Bettmeralp liegt. Im August muss dann noch der Roggen gemäht werden, mit der Sense.

Informationen zur Anreise

 

  • Anreise: Ab Visp, Brig oder Gösche­nen (durch den Furkatunnel) mit der Matterhorn-Gotthard-Bahn, Halt in Gren­giols nur auf Verlangen (dem Zugpersonal Bescheid ­geben); vom Bahnhof gut 20 Minuten zu Fuss ins Dorf. Mit dem Auto via Brig oder Furkatunnel-Autoverlad ins Goms, die Abzweigung nach Grengiols liegt zwischen der Betten-Tal­station und Fiesch.
     
  • Der Rundweg Tulpenring führt vom Dorfkern in Grengiols zu den Tulpen­äckern und weiteren ­Stationen. Man sollte eine Stunde einberechnen. Am Start des Rundwegs (beim unteren Dorfbrunnen) liegt ein ­Prospekt auf; man findet ihn auch unter «Service» auf www.landschaftspark-binntal.ch. Es ist verboten, die Äcker zu betreten und Tulpen zu pflücken.
     
  • Das traditionelle Tulpenfest von Grengiols findet am Samstag, 16. Mai, ab 11.30 Uhr statt. Um 10 Uhr und um 14 Uhr bricht man zu geführten Exkursionen zu den Tulpenäckern auf. Sie sind kostenlos.
     
  • Wann die Tulpen blühen, erfährt man auf www.tulpenzunft.ch

Dieser ganze Aufwand bloss für ein paar Tulpen? «Die Tulpen sind zwar zu einer touristischen Attraktion geworden», sagt Kreisbiologin Jeannette Bittel, im Walliser Amt für Wald und Landschaft zuständig fürs Tulpen­projekt. «Es geht aber um viel mehr: um die Erhaltung dieser ökologisch sehr wertvollen Kulturlandschaft, bestehend aus Wintergetreideäckern mit ihrer Ackerbegleitflora, Trockenmatten und Trockenwiesen.» Die wissenschaftliche Erfolgskontrolle zählte rund um die Tulpenäcker über 50 Schmetterlingsarten und eine grosse Anzahl Heuschrecken, darunter bedrohte Arten. «Darum ist das Projekt für den Kanton Wallis so wichtig und erhält Subventionen», sagt Bittel.

Anno 1945 als eigene Art erkannt

Grengiols war einst die Kornkammer des Wallis, der Ortsname stammt vom lateinischen «granum» (Korn) oder «graniola» («zu den Speichern») ab. Vermutlich im Mittelalter kam die ­Blume nach Grengiols, denn über den Albrunpass gab es regen Handel mit dem Süden. Hier nannte man sie «Römertulpe», bis der Botaniker Eduard Thommen sie anno 1945 als eigene Art erkannte. Seit den sechziger Jahren wachsen auf immer mehr Feldern Kartoffeln statt Winterroggen. Und weil diese Felder im Frühling gepflügt werden, bedeutete dies das allmäh­liche Aus für die Grengjer Tulpe. Im Jahr 1997 waren es bloss noch 19 Stück.

Mäuse frassen die raren Zwiebeln weg

Für die meisten Einheimischen war das der natürliche Lauf der Dinge. Für Berta Agten nicht. Sie sammelte die letzten Zwiebeln ein und setzte sie in ihrem Garten. Die Tulpen gediehen, auch die rare Variante mit den roten Streifen. «Doch einmal vergass sie ­einen Sack Zwiebeln, die im Speicher trockneten. Sie wurden prompt von den Mäusen gefressen», erinnert sich Sohn Alex. Damit waren zwei Drittel der raren Zwiebeln rot gestreifter Tulpen weg.

Die 450-Einwohner-Gemeinde Grengiols im Rhônetal ist die Tulpenzentrale der Schweiz.
Quelle: Francesca Palazzi

Das Gute daran: Alex Agtens Inte­resse war geweckt. Das Engagement der Mutter motiviert ihn bis heute, acht Jahre nach ihrem Tod. Auf ihrem Grab blühen ein paar Grengjer Tulpen.

Auch die Niederländer hätten sich sehr interessiert gezeigt, so Agten. ­Ohne Erfolg. Wer versucht, eine Grengjer Zwiebel anderswo zu pflanzen, erhält zwar im ersten Jahr eine wunderschöne Tulpe, danach stirbt sie aber ab. Das liegt daran, dass alle Grengjer Tulpen ein spezielles ­Virus in sich tragen, das erst aktiv wird, wenn sich die Zwiebel in ungewohnter Erde befindet. «Diesen Stress überlebt die Tulpe nicht», so Agten.

Die Grengjer Tulpe ist offenbar eine echte Walliserin: eine mit hartem Grind, der Widerstand leistet. Sogar in den botanischen Gärten in Bern, Basel und Genf, wo sich Fachleute intensiv um das Überleben der Tulpen kümmern, gelingt die Zucht mehr schlecht als recht.

Der «Tulpenring» von Grengiols.
Quelle: Francesca Palazzi

Deshalb fahren Tulpenfans halt nach Grengiols. «Die Tulpen sind ein wahrer Publikumsmagnet», sagt die Briger CVP-Nationalrätin Viola Amherd. Als Präsidentin des Landschaftsparks Binntal ist sie «ausgesprochen froh», dass Touristen kommen, aber auch zusätzliche Gelder für weitere Projekte in die strukturschwache Gegend fliessen. «Die Tulpen sind ein modellhaftes Projekt, weil es eine nachhaltige Art­erhaltung ist – und in der Bevölkerung und der Gemeinde breit abgestützt», lobt die Politikerin.

Damit es so weit kam, brauchte es aber zunächst die Pro Natura. Die Umweltschutzorganisation kaufte 1993 drei Parzellen, die die Walliser Kantonsregierung ein Jahr später unter Naturschutz stellte. Auf diesem Boden pflanzt die Tulpenzunft den Roggen und die Tulpen. «Die Rettung der Grengjer Tulpe ist ein super Beispiel für zielgerichteten Artenschutz», sagt Eva-Maria Kläy, die Oberwalliser Leiterin von Pro Natura. Pro Natura arbeite praktisch: «Wir schaffen konkret die Rahmenbedingungen, damit Freiwillige vor Ort eine bedrohte Art erhalten können.»

Nun pflanzt man rare Pflaumensorten an

In Grengiols sind das die knapp 30 aktiven Mitglieder der Tulpenzunft. Rund 3000 gelbe Tulpen (forma omnino-lutea) blühen ab etwa Mitte Mai wieder auf der Chalberweid oberhalb des Dorfs, dazu ein paar Dutzend rot gestreifte (forma rubra variegata) und vereinzelt rein rote (forma om­ni­no-rubra). Allerdings gibt es auch Rückschläge: Die Idee, aus dem Roggen auf dem Tulpenfeld ein Tulpenbrot zu ­backen, scheiterte bislang. Die Menge ist mit etwa 50 Kilo winzig. Und es bräuchte vor allem eine Bäckerei, die das Brot fachmännisch herstellen könnte. Doch eine solche gibt es im Dorf längst nicht mehr. «Sowieso wollen wir die Vermarktung nicht zu sehr fördern, sonst verliert die Tulpe ihre Exklusivität», sagt Agten.

Die Tulpenzunft kümmert sich nicht einzig um die Tulpen. Im verwaisten Pfarrgarten pflanzten engagierte Grengjer vor vier Jahren seltene alte Sorten von Zwetschgen- und Pflaumenbäumchen an. Sie haben sie veredelt und vor gefrässigen Hasen und Hirschen geschützt, und bald können die Jungbäume günstig der Be­völkerung abgegeben werden. Vier ehemalige Stadel im Gelände um die Tulpenäcker wurden aufwendig saniert, im traditionellen Stil, mit Fundament aus Lärchenholz und den typischen Steinplatten gegen die Mäuse – auch sie gehören zur «traditionellen Kulturlandschaft», die der Kanton schützen will. Und im ehemaligen Pfarrhof will die Tulpenzunft einen hübschen Schaugarten anlegen.

Hoffen auf einen jungen Einheimischen

Die Arbeit geht den Zünftern nicht aus, erst recht nicht, weil Alex Agten kürzer­treten will. Der 66-Jährige gibt in einem Jahr sein Amt als Tulpenzunft-Präsident ab. «Ich hoffe, dass ein junger Einheimischer das Amt übernehmen wird», sagt er. Agten ist zwar in Grengiols aufgewachsen, wohnt aber seit 32 Jahren in Fiesch, sieben Kilometer talaufwärts. Im Goms zählt das nicht mehr als einheimisch.

Veröffentlicht am 2015 M04 27