Ein Ruf: «Cayenne!» Dann ein Pfiff, und fast liebevoll: «Komm, Cayenne, komm …» Im ersten Moment sieht man kein Tier. Doch nach dem Pfiff zeigt sich Cayenne. Eine weisse, kräftige Stute, übersät mit braunen und schwarzen Punkten.

Aus einem Ort, wo früher Millionen Hühner gemästet und geschlachtet wurden, hat Irina Wenk einen Pferde-Lebens- und Forschungshof gemacht. Aus düsteren Boxen wurden Liegeflächen mit offenen Türen. Die Pferde können sich jederzeit frei bewegen, draussen auf dem weitläufigen Rundweg, dem Paddocktrail, dem hektargrossen Areal oder im überdachten Stallbereich. Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Sie habe sich anfänglich gewundert: Die Pferde gehen selten in den überdachten Bereich. «Vor allem dann nicht, wenn wir Menschen es am ehesten erwarten – nachts oder bei Kälte, bei Regen und Schnee.» Dann schlafen die Pferde gern draussen. Wenn es stürmt, stehen sie dort, wo sie die beste Rundumsicht haben. «Ein Pferd begibt sich bei Gefahr niemals freiwillig in eine Höhle, also einen geschlossenen Raum, aus dem es schlecht flüchten kann. Auch möchte kein Pferd von der Herde getrennt leben.»

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Irina Wenks Pferde tun in der Nacht oder bei schlimmem Wetter genau das Gegenteil von dem, was wir Menschen tun: Sie bleiben draussen. «Das ist ihr Wesen als soziales Flucht- und Herdentier», sagt die promovierte Ethnologin beim Rundgang über ihren Hof. Wer Pferde halte, müsse dies respektieren, «sonst vergewaltige ich diese Tiere und verunmögliche es ihnen, Pferd zu sein».

Der Durchschnittshund

Beobachtungen wie diese gehören zu Irina Wenks Forschung über eine Tierhaltung, die unter dem Titel «wesensgerecht» läuft. Der Begriff ist weit gefasst, weiter als «artgerecht». Artgerechte Haltung, ist Wenk überzeugt, deckt nur überlebenswichtige Bedürfnisse ab, damit die Tiere keinen Schaden nehmen. «Im Gesetz über artgerechte Haltung geht es scheinbar um das maximale Wohl der Tiere. Aber der Schutz geht nur so weit, dass es finanziell tragbar und die Haltung noch rentabel ist», sagt Irina Wenk.

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Das bestätigt Vanessa Gerritsen, Juristin bei der Stiftung Tier im Recht. «Wer dem Fisch Wasser zur Verfügung stellt, handelt natürlich artgerecht. Doch über seine individuellen Bedürfnisse sagt dies nichts aus.» Es könne sein, dass ein Hund gern Dogdancing mache, ein anderer aber nicht. Solche Unterschiede beachte das Tierschutzgesetz zu wenig.

Pferde tun in der Nacht oder bei schlimmem Wetter genau das Gegenteil von dem, was wir Menschen tun: Sie bleiben draussen.

Auf dem Hof von Irina Wenk sind die Boxen immer offen und die Pferde können sich jederzeit frei bewegen. 

Quelle: Roland Schmid

«Das Gesetz orientiert sich an der Tierart und nicht an seiner Individualität. Es versucht quasi dem Durchschnitt dieser Art gerecht zu werden.» Wer ein Pferd in der Boxe halte, wie dies in der Sportreiterei und im Freizeitbetrieb gang und gäbe sei, realisiere nicht, wie sich ein Pferd gern verhalten würde.

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Die meisten der über hunderttausend Pferde, Ponys und Esel in der Schweiz werden in Einzelboxen gehalten, bestätigt das Nationalgestüt in Avenches VD, das Kompetenzzentrum des Bundes für Pferde. Das habe Folgen für Tier und Mensch, sagt Irina Wenk. «Man blockiert damit das eigene Erkennen und wird blind für die Bedürfnisse des Tieres.» Unter Reitern sind eher Aussagen wie die einer «Pferdekennerin» aus einem Solothurner Juradorf üblich, die ihre beiden Sportpferde fast nie auf die Weide lässt. «Das wäre sehr teuer, und sie könnten sich verletzen.»

«Das belastet die Psyche der Pferde schwer»

Pferde möchten selber wählen können, mit wem sie «befreundet» sein wollen, sagt Sandra Schaefler, Zoologin und Pferde-Expertin des Schweizer Tierschutzes STS. «Doch es ist der Mensch, der dem Tier den Boxennachbarn oder das Weidegspänli diktiert.» Aus Sicht des Tierschutzes sei eine Boxenhaltung nur in gut begründeten Fällen gerechtfertigt, etwa wenn die Tiere separat gefüttert werden müssen. Schaefler kritisiert speziell die Praxis bei Rennpferden, die im Teenager-Alter aus ihrer Gruppe herausgerissen und früh in Einzelboxen umgestallt und trainiert werden. «Das belastet die Psyche der Pferde schwer», sagt Schaefler.

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Wieso ist die Boxenhaltung für viele Pferdeliebhaber trotzdem unproblematisch? Darauf antwortet das Nationalgestüt, dass gesetzliche Mindestanforderungen für jede Tierart immer ein gesellschaftlicher Kompromiss seien. Da Tiere anpassungsfähig sind, könne auch «ein Haltungssystem gesellschaftlich toleriert werden, das Bedürfnisse in einem gewissen Rahmen unterdrückt». Gesellschaftlich akzeptiertes Leiden ist also erlaubt und gerechtfertigt.

«Was ich über Pferde sage, gilt für jedes Hoftier. Man muss die Stalltüren öffnen, auch für Kühe, Schweine, Hühner.»

Irina Wenk, Forscherin und Hofbesitzerin

Auch die kantonalen Raumplanungsverordnungen sind nicht sehr tierfreundlich. Darin ist kein Platz für Pferde. Im Gegenteil, sagt Irina Wenk: Das Gesetz verunmögliche den Bau grosszügiger Anlagen mit Freilaufbereichen, insbesondere Paddocktrails. Auch der Pferdesportverband fordert seit langem Gesetzesänderungen, die grosszügige Freilaufbereiche erlauben, um ein anständiges Pferdeleben zu ermöglichen.

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Wie wir etwas benennen, ist bedeutsam. Irina Wenk mag zum Beispiel das Wort «Nutztiere» nicht und plädiert stattdessen für «Hoftiere». «Nutztiere nutzt man, Hoftiere integriert man in eine lebendige Hofgemeinschaft, in der Geben und Nehmen gemeinsam über Speziesgrenzen hinweg gestaltet wird.» Das bedeute nicht, Tiere nicht zu nutzen. «Sie sollen jedoch ihre Aufgabe gemäss ihren Bedürfnissen wahrnehmen können.» Die meisten sogenannten Nutztiere würden als Sache wahrgenommen. «Man nutzt sie, solange sie uns dienen, dann werden sie weggegeben oder geschlachtet.»

Genauso im Pferdesport. Das Pferd werde gekauft und geritten; solange es «funktioniert, muss es auf Turniere gehen oder als Schulpferd täglich stundenlang im Kreis laufen». Wenn es das nicht mehr verkraftet, werde es weiterverkauft oder getötet.

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Anders auf Wenks Hof im deutschen Rielasingen, unweit von Stein am Rhein. Die meisten ihrer derzeit zehn Pferde wurden bereits als Fohlen «aussortiert»; ihnen drohte der Schlachthof. Sei es, weil die Farbe nicht zum Zuchtprogramm passte, weil sie zu viele oder männlich waren oder ihre Halter sie psychisch so zugerichtet hatten, dass sie nicht mehr zu halten waren. Im Aufenthaltsraum hängen Fotos der Pferde, als sie auf dem Hof eintrafen. Verlaustes, zerzaustes Fell, manche mit Wunden und Panik in den Augen.

Vermenschlichte Sicht?

Ihr Projekt nennt Wenk «Ganymed» nach dem Jüngling aus der griechischen Mythologie, der so schön war, dass Göttervater Zeus sich in ihn verliebte. Sie rettet Pferde aus halb Europa vor dem sicheren Tod und päppelt sie auf. Nach einigen Jahren auf ihrem Hof verkauft Wenk die regenerierten und nun menschenzugewandten Tiere an Halter und Halterinnen, denen eine wesensgerechte Haltung ebenfalls am Herzen liegt. Für den Betrieb ist ihr Hof auf Spendengelder angewiesen. «Was ich über Pferde sage, gilt für jedes Hoftier.» Man müsse die Stalltüren öffnen, auch für Kühe, Schweine, Hühner. «Es gibt keine Spezies, die nur für sich allein existiert», sagt Wenk. «So etwas Langweiliges und Unnatürliches kann sich nur der Mensch ausdenken.»

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«Es sind interessante Gedanken, die zumindest in der Theorie Ansätze für neue Formen der Tierhaltung geben können. Praktisch sind sie aber kaum umsetzbar.»

Sandra Helfenstein, Bauernverband

Das Miteinander verschiedener Arten mache das Leben aus. Statt von Bauernhof spricht Wenk lieber von «Hoforganismus». Am Anfang werden keine fixen Zäune erstellt und Stallungen definiert, sondern es wird geschaut, wo es die Tiere hinzieht, wo sich die Hühner am liebsten aufhalten, wo die Schweine am ehesten wühlen, wo die Pferde sich am liebsten hinlegen, wo die Kühe gern stehen und liegen. Es solle ein flexibles, achtsames, auf gegenseitiger Beobachtung und Wahrnehmung beruhendes System sein.

Eigenarten der Tiere zu erkennen, sei der Schlüssel zu einer ethisch vertretbaren Tierhaltung. Eine wesensgerechte Haltung ermögliche es dem Tier, das zu sein, was es seinem Wesen nach sein möchte. «Dem Pferd, Pferd und nicht Sportgerät zu sein, der Kuh, Kuh zu sein und nicht eine Milchzapfsäule, dem Huhn, Huhn zu sein und nicht bloss Brathähnchen.»

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Vermenschlichte Sicht? Für manche Kritikerinnen und Kritiker widerspiegelt solches Denken idealisierte und vermenschlichte Sichten auf das Tier. Aus der Landwirtschaft heisst es, ein Bauer könne sich eine solch individuelle Beziehung zu seinen Tieren allein schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht leisten. Sandra Helfenstein vom Bauernverband etwa sagt, Irina Wenks Ansichten seien «ziemlich philosophisch». Es seien «interessante Gedanken», die zumindest in der Theorie Ansätze für neue Formen der Tierhaltung geben können. «Praktisch sind sie aber kaum umsetzbar.»

«Ein Verbrechen»

Cayenne ist auf dem Rundweg bei einer der Heuraufen angekommen. Allein. Die Knabstrupper Stute, eine sogenannte Barockpferderasse aus Dänemark, ist die Leitstute der Herde. Sie habe das Privileg, zuerst fressen zu dürfen, und schicke alle weg, die nicht anständig seien. Cayenne tritt dominant und selbstsicher auf. «Sie schaut für Ordnung in der Herde.»

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Irina Wenk ritt als Jugendliche bei Dressurprüfungen. «Irgendwann fand ich unser Tun aber so abartig, dass ich mein Pferd nicht mehr sehen wollte. Ich wollte ihm das nicht mehr antun. Heute betrachte ich eine solche Pferdehaltung als ein Verbrechen.»

Ethnologin Irina Wenk mit ihrem Pferd Cayenne

Spazieren muss genügen: Mit dem Reiten hat Irina Wenk dem Pferd zuliebe aufgehört.

Quelle: Roland Schmid

Sie habe dem Pferd ihren menschlichen Ehrgeiz aufgezwungen und es so gehalten, wie es Menschen passt: «In einer Box, damit es stets zur Verfügung stand. Im Winter mit einer Decke drauf, damit es nicht fror; denn wir hatten sein Fell geschoren und so seine körpereigene Thermoregulation gestört. Mit Hufeisen drauf, damit ich gleich ins Gelände losreiten konnte. So mache man aus einem hochsozialen, empfindsamen Herdentier ein psychisch angeschlagenes Sportgerät.

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Und jetzt? Das Reiten verbieten? «Nein», sagt Irina Wenk, «jeder und jede muss das selber für sich entscheiden. Ich will nur Denkanstösse geben und alternative Wege aufzeigen.» Sie sei bewusst abgestiegen und reite ihre Pferde nicht mehr. Insidern rät sie, vom Boden aus durch körpersprachliche Kommunikation eine neue, auf Vertrauen basierende Beziehung zu ihrem Pferd aufzubauen. Gelinge dies, könne man gemeinsam am Knotenhalfter und ohne Trense durch die Wälder streifen, so, wie es Pferde auch mit Artgenossen tun.

Irina Wenk: «Viele sagen, ihr Pferd würde sich losreissen, das gehe nicht. Deshalb kontrollieren sie das Pferd mit den handelsüblichen Gewaltwerkzeugen wie Trense, Gerte und Sporen von oben herab, aus dem Sattel.» Wer so denke und handle, für den sei es «höchste Zeit, in Beziehungsarbeit und Selbstschulung zu investieren»

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