Plötzlich steht ein Fuchs auf dem Waldweg. Es ist ein Weibchen, abgemagert und schwer verletzt, es blutet und hinkt. ­Fredi Schären bleibt stehen. Er nimmt an, die Fähe renne gleich davon. Doch das Tier schaut dem Mann in die Augen und läuft direkt auf ihn zu. Dann überholt es ihn in nächs­ter Nähe und geht langsam voraus. Gerade so, als wolle es dem Mann etwas zeigen.

Fredi Schären hat im Wäldchen hinter seinem Haus schon manchen Fuchs gesehen. Aber was ihm an diesem Morgen am 19. April 2009 widerfährt, hat er noch nie erlebt. Er folgt dem hinkenden Tier den steilen Hang hinab, direkt zu dessen Bau. Welpen spielen vor der Höhle. Und Fredi Schären sieht die blutende Mutter, wie sie sich zwischen die Jungen legt und ihn fordernd ansieht.

«Sie wollte mir zeigen, dass sie meine Hilfe braucht», glaubt Fredi Schären. «Die habe ich ihr dann gegeben.»

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Der heute 62-jährige Schreiner ist ein passionierter Naturfreund. Das steile Wäld­chen hinter seinem Haus in Turgi AG hat er sich Stück um Stück zusammengekauft. Fredi Schären will darin Brennholz schlagen und ein eigenes Naturparadies schaffen. Kleine Teiche hat er schon an­gelegt. Nistkästen aufgehängt. Steinhügel und Asthaufen aufgeschichtet für Igel, Eidechsen, Frösche, Kröten. Nun muss er sich auch noch um einen verletzten Fuchs kümmern.

Woher die Wunde rührt, wird Fredi Schären bald klar. In der Nacht zuvor hat es laut geknallt, auf der Strasse direkt vor seinem Haus. Die Fuchsmutter muss von einem Auto angefahren worden sein. Tatsächlich findet Schären später auf der Strasse ein Stück Blech. Die Polizei bestätigt den Unfall.

Der Schreiner kauft Katzenfutter und legt es vor die Fuchshöhle. Auch Essensreste spendiert er dem kranken Tier, Kotelettknochen, Teigwaren. Und er fragt beim Tierspital nach, wie er der Fähe helfen könne. «Man hat mir geraten, Antibiotika ins Futter zu mischen. Ich tat es, obwohl es wohl nicht erlaubt gewesen wäre.»

Eine Freundschaft bahnt sich an

Nach und nach wird die Fähe wieder gesund. Und mit der Genesung steigt das Vertrauen der Füchsin in Fredi Schären.

«Das war der Beginn unserer Freundschaft.» Er zündet sich eine Zigarette an. Schweigt. «Nur habe ich ihr Vertrauen am Schluss missbraucht.»

Als es ihr wieder besser geht, sitzt die Füchsin meist in der Nähe, wenn der Schreiner im Wald arbeitet. Fällt er einen Baum, läuft sie hinterher den Baumstamm ab. Mäht er die kleine Wiese bei den Teichen, räkelt sie sich nebenan im Gras. Sucht er nach Feuersalamandern, späht sie mit ihren bernsteinfarbenen Augen hinter der Eiche hervor.

Jeden Morgen kommt die Füchsin jetzt auch in Schärens Werkstatt hinter seinem Haus und wartet neben der Bandsäge, bis Fredi Schären Licht macht, die Zeitung holt und ihr manchmal einen Knochen oder etwas Katzenfutter gibt.

«Das war vielleicht ein Fehler», sagt der hagere Mann. «Man sollte Füchse nicht füttern.» Er weiss: Füchse können so die Scheu vor allen Menschen verlieren – was vor allem für Kinder gefährlich werden kann. «Aber die Füchsin hat sich nie einem anderen Menschen genähert. Sie kam immer nur zu mir.»

Wenige Monate nach dem Unfall muss Schären der zierlichen Fähe erneut das Leben retten. Sie hat eine stark entzündete Pfote, weil sie in eine Scherbe getreten ist. Wieder verabreicht er ihr Medikamente. Wieder erholt sich das Tier. Wieder wächst das Vertrauen. Und Fredi Schären gibt der Füchsin einen Namen: Jollina. So hiess auch sein kurz zuvor verstorbener Hund.

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Seitdem wartet die Füchsin auch abends auf ihren Lebensretter. Immer zur gleichen Zeit sitzt sie am selben Ort auf dem Weg, keine 20 Meter hinter Schärens Haus. Darauf führt sie ihn zu ihrem Rudel. Er beobachtet aus nächster Nähe, wie die Jungen aufwachsen, wie ihr Fell mit zunehmendem Alter immer heller wird und wie sie ihr Revier intensiver erkunden. Er sieht, wie sie die Jagd üben, indem sie Schmetterlingen oder Fröschen nachjagen. Und er beobachtet die Rangkämpfe, die sie untereinander ausfechten, zuerst spielerisch, dann immer ernsthafter.

Gleichzeitig schiesst Fredi Schären Hunderte, ja Tausende von Fotos.

Fotos von der spielenden Jollina, der trinkenden Jollina, der kletternden Jollina. Ein Tarnzelt oder einen Hochsitz braucht er nicht: Er ist Teil des Rudels, setzt sich mitten in die Fuchsfamilie.

Misstrauisch wird die Fähe nur, wenn Schären andere Menschen bei sich hat. Dann bleibt sie auf Distanz. «Warum sie gerade mir Vertrauen schenkte, weiss ich bis heute nicht.» Er lächelt, streicht sich über den weissen Bart. Dann wird er ernst. Er denkt wohl an das traurige Ende der Beziehung zwischen Jollina und ihm.

Hinter seinem Haus beobachtete Fredi Schären vier Jahre lang Füchse und schoss unzählige Fotos.
Bild: Stefan Bachmann

Quelle: Fredi Schären

Trost während einer Lebenskrise

Im Februar des nächsten Jahres hat der zweifache Familienvater einen Zusammenbruch. «Ein Burn-out, wie man heute sagt.» Er fühlt sich an seinem Arbeitsort, einer Schreinerei, gemobbt. Schreckliche Erlebnisse in seiner Kindheit kommen hoch, die ihn bis heute beschäftigen. Und da ist auch die Krankheit seiner Frau, die seit 35 Jahren an multipler Sklerose leidet und im Rollstuhl sitzt.

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Trost und Musse findet er im Wald hinter seinem Haus. Jeden Abend ist er nun bei seiner Fuchsfamilie. Er sitzt keinen ­Meter entfernt daneben, wenn Jollina ihre Welpen säugt. Er sieht, wie sie virtuos über eine aufgehängte Leiter balanciert. Und er beobachtet, wie Jollina Futterstücke vergräbt, damit die Jungen lernen, wie man jagt. Immer wieder bemerkt er aber auch, wie sich der Rüde die Leckerbissen schnappt – obwohl dieser in Familienangelegenheiten ansonsten durch Abwesenheit glänzt. «Er war ein richtiger Pascha», sagt Schären. «Jollina konnte in solchen Situa­tionen richtig wütend werden.» Einmal beisst die Fähe aus Ärger gar in ein Blech.

Später ist Fredi Schären mit dabei, als Familie Fuchs unter den Bretterboden eines Holzunterstands zieht. Zuvorderst geht die Fähe, dann trollen ihr die Jungen nach, zuhinterst folgt der Rüde.

Die Füchsin hat die neue Unterkunft schon viele Tage zuvor bereitgemacht: Sie hat neue Notausgänge gebuddelt und den ganzen Abfall des letzten Jahrs aus dem Versteck geräumt. Einiges kam zum Vorschein, was Schären kennt: Schuhe. Eine Handtasche. Werkzeug.

«Füchse sind Kleptomanen. Dreimal haben sie mir eine Stange Zigaretten vors Haus gelegt.» Schalk blitzt in seinen Augen auf. «Nur meine Marke war es leider nicht.»

Während der Stunden im Wald findet Fredi Schären zu positiveren Gedanken. «Naturbeobachtungen sind die beste Therapie», sagt er. «Die Nähe zu Jollina hat mir geholfen in der schweren Zeit.»

Die Räude bedroht das Rudel

Fredi Schären lässt sich frühpensionieren. Täglich streift er nun durch sein Wäldchen, sommers und winters, manchmal in der Nacht. Und er stellt einen Zaun auf und pflanzt eine Hecke um den Wald, damit niemand sein Idyll stört.

Im Frühling des vergangenen Jahres bemerkt er, dass erstmals nicht nur Jollina Junge hat. Auch ihre einjährige Tochter hat in der Nähe eine Familie gegründet. Doch ihre Zitzen sind entzündet, sie kann ihrem Nachwuchs nicht genug Milch geben. Jol­lina hilft aus: Sie säugt neben ihren eigenen drei Jungen auch die beiden Welpen ihrer Tochter.

Im Herbst verjagt Jollina ihre Jungen. Sie müssen ihr eigenes Revier suchen. Doch die Kämpfe werden dieses Mal viel aggressiver geführt als üblich. Anscheinend machen die Jungen der Mutter das Revier streitig. Schären merkt: Die Fähe wird alt, verliert an Kraft.

Als der erste Schnee kommt, entdeckt Fredi Schären, dass die Füchsin an Räude leidet. Der Schwanz ist stellenweise kahl, und auch am Rücken verliert sie Haare. Schären schiesst ein Foto, schickt es an eine Tierärztin und an den Jagdaufseher. Beide raten ihm, die Füchsin zu entfernen. Rasch. Räude ist ansteckend und könnte sich auf die Fuchsverwandtschaft ausbreiten, die Nachkommen und alle Nachbarn über Jahre hinweg gefährden.

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Fredi Schären glaubt aber auch zu wissen, dass die Füchse die Krankheit bei gutem Futterangebot überstehen können. Zwei schlaflose Nächte lang denkt er nach. Dann fasst er einen Entschluss. Er muss Jollina opfern, damit die anderen Füchse leben können.

«Sie hat meinen Verrat gespürt»

Es ist Februar 2013, Fredi Schären ruft einen Jäger an. Dieser will ihm ein Gewehr geben, damit er gleich selber abdrücken kann. Doch Schären weigert sich. «Niemals hätte ich auf Jollina schiessen können». Stattdessen verfolgen die beiden einen anderen Plan.

Am Abend darauf machen sich Fredi Schären und der Jäger im Wald bereit. Schären soll Jollina anlocken, der Jäger würde sie aus dem Hinterhalt abschiessen. Langes Warten. Jollina kommt nicht. Erstmals seit vielen Monaten bleibt sie fern.

«Sie hat meinen Verrat gespürt», glaubt Fredi Schären.

Er und der Jäger versuchen es ein zweites Mal. Mit einer Kastenfalle und einem Fleischstück als Köder. Zwei Füchse gehen in die Falle. Jollina ist nicht darunter.

«Vom Küchenfenster aus habe ich sie in jener Nacht gesehen», sagt Schären. «Sie schnupperte an der Falle und biss wütend ins Türgitter. Dann lief sie weg.»

Von da an bleibt die Füchsin verschwunden. Und Fredi Schären verliert sich stundenlang vor dem Computer, wo er seine Fotos betrachtet. Jollina, wie sie direkt in die Kamera schaut. Jollina, wie sie Kotelettknochen frisst. Jollina, wie sie auf dem Baumstamm auf ihn wartet. Jollina, als sie die Haare verliert.

Mehrere Wochen später findet er am Eingang einer alten Fuchshöhle den halb verwesten Kadaver. Fredi Schären bedeckt ihn mit einigen Steinen. Woran Jollina gestorben ist, will er nicht wissen.