Natürlich schüttelten viele den Kopf und lachten, als Reinhold Messner im November 1986 vor die Presse trat und sagte: «Ich habe einen Yeti gesehen.» Der hatte Nerven – ein Yeti! Wann hatte man zuletzt von dem zotteligen Zweibeiner gehört, der angeblich durch den Himalaya schlich und seinen Opfern mit einem einzigen Prankenhieb den Kopf vom Rumpf schlagen konnte? Gab es ihn überhaupt noch, diesen King Kong der Schneeberge und Star unzähliger Horror-Trashfilme, die irgendwann keiner mehr sehen mochte, weil ab Ende der Sechzigerjahre Zombies und Exorzisten für die Schockeffekte in den Kinos sorgten?

Dieser Mann macht keine Witze

Doch wer Messner kannte, der wusste: Dieser Mann macht keine Witze. Mit grossem Ernst trug er seine Geschichte vor. Am 19. Juli 1986 sei er zu Fuss im tibetischen Hochland unterwegs gewesen. Die Dämmerung hatte schon eingesetzt. Stille, nur tief im Tal gurgelte ein Bach. Plötzlich sei vor ihm ein Schatten aus dem Rhododendronbusch getreten, keine zehn Meter entfernt: «eine Figur, riesengross, auf zwei Beinen», der Körper «vollkommen behaart, die starken Arme hingen hinab bis fast zu den Knien». Sekundenlang hätten sich die beiden gegenübergestanden. Starr vor Schreck. Dann sei die Gestalt – «kein Mensch, kein Affe, kein Bär» – wieder lautlos in der Dunkelheit verschwunden. Eine Illusion? Klar, sagte Messner, das habe er zunächst auch geglaubt. Bis er dann diese «riesige, menschliche Fussspur» vor sich im Lehm sah. Messner kniete nieder und fotografierte. Ohne Blitz. Bei hereinbrechender Nacht.

Es war der typische Plot ­einer Yeti-Sichtung, den Messner damals präsentierte. Eine tolle Story, keine Zeugen und viele Fotos, auf denen wenig zu erkennen ist. Aber er funk­tionierte immer noch. Ab sofort war dem Bergsteiger die Aufmerksamkeit gewiss, die er sich für sein Langzeitprojekt der nächs­ten Jahre erhoffte: die endgültige Lösung des Rätsels um den Yeti. Wer war diese Gestalt wirklich, an deren Existenz allenfalls noch ein paar Freaks glaubten, die sich auch mit Ufos, schottischen Sauriern oder den Tücken des Mayakalenders ­auskannten? Wie hatte der Yeti in die Mythen Tibets und Nepals gefunden – und wie den Weg daraus zurück in die Natur?

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Die Legende des ersten Yeti

Glaubt man den Legenden der Sherpa, dann waren es die Chinesen, die den Stein ins Rollen brachten. Genau genommen war es ein einsamer, hässlicher Mandarin aus Si­chuan. Der hatte sich laut Sage unsterblich in eine bildhübsche Tibeterin verliebt. Nachdem sie ihn wiederholt hatte abblitzen lassen, griff er zu einem Zaubertrank, der sie willenlos machte, schleppte sie in den Wald und hängte sie an Händen und Füssen gefesselt in einen Baum, unter dem er erschöpft einschlief.

Ein lüs­terner Langur-Affe, der die Szene zufällig beobachtet hatte, witterte seine Gelegenheit, befreite die Schöne und verschleppte sie in seine Höhle. Neun Monate später soll sie ein Affen­menschenbaby geboren haben – den ersten Yeti.

Jahrhunderte der Furcht

Auch wenn Legenden selten als verlässliche Quellen für die Zoologie taugen: Die Bilder, die sie produzieren, entfalten eine erhebliche Wirkungsmacht. Der Affenmensch, der fortan als wild gewordener ­Bastard einer verbotenen Liaison zwischen Mensch und Tier durch die Wälder tobte und der Urangst vor der unberechenbaren Natur grausige Gestalt verlieh, lös­te bei den Bewohnern des Himalaya tatsächlich über Jahrhunderte eine sehr reale Furcht aus.

Als sich Reinhold Messner nach seiner nächtlichen Begegnung mit dem mysteriösen Wesen auf die Suche nach dem «wahren» Yeti machte, war ihm indes klar, dass er keinem Monster, sondern einem vermutlich bekannten Tier folgen würde, das Ursprung dieser Furcht war.

Zwölf Jahre dauerten seine Recherchen. 20'000 Kilometer legte er dafür zurück. Er wanderte durch Tibet, Nepal, Bhutan, legte sich mit Sherpas auf die Lauer, liess sich ihre Geschichten erzählen. Am Ende kam er zu dem Schluss: Das Tier, das er gesucht hatte und das vermutlich auch in jener Sommernacht 1986 aus dem Dunkel geschlüpft war, konnte nur ein Tibet-Schwarzbär gewesen sein. Doch das war nur die halbe Wahrheit. Denn tatsächlich, so sein Fazit, sei der Yeti kein zoologisches Faktum, sondern «eine Summe aus Fantasie, Wunschdenken, Legende und dem real existierenden Tier». Kein Wunder also, dass ihn bislang noch nie ein Mensch vor die Kamera bekommen hat.

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Schon im Jahr 77 beschrieben

Es sprechen viele Fakten für Reinhold Messners These – nicht zuletzt die zahlreichen, erstaunlich erfolglosen Versuche, dieses rätselhafte Wesen zu entdecken, dem auf wundersame Weise die Verwandlung vom Dämon tibetischer Mythen zu einem der langlebigsten Gerüchte der westlichen Wissenschaft gelang. Es ist die Geschichte eines «Clash of Cultures», angetrieben von Pioniergeist, Missverständnissen und dem romantischen Wunsch, dass es irgendwo auf dieser Welt noch etwas gibt, das sich dem Radar der Vernunft entzieht.

Anhaltspunkte dafür gab es reichlich. Schon Plinius der Ältere berichtete von Kreaturen, die dem Yeti, wie der Westen ihn sah, erstaunlich ähnlich zu sein schienen. Um das Jahr 77 beschrieb der römische Gelehrte in seiner Naturgeschichte «äusserst schnelle Geschöpfe» mit menschenähnlicher Gestalt, die «aufrecht laufen können» und in den «nach Osten hin liegenden Bergen Indiens» die Menschen in Angst und Schrecken versetzten.

Wie sehr sich die Sherpa noch in der Neuzeit vor diesen Wesen fürchteten, musste Brian H. Hodgson feststellen, der 1832 als englischer Diplomat in Nepal den Norden des Landes bereiste. Im Bericht über einen Jagdausflug beschwerte sich Hodgson bitter über die panikartige Flucht seiner Bergführer vor einem haarigen Riesen auf zwei Beinen, den sie angeblich im Wald erspäht hatten.

Die Bestie namens Ye-The

Der Sprung in die Medien gelang diesem Phantom dann 1921. Charles Howard-Bury, Leiter der ersten britischen Everest-Expedition, hatte einem Journalisten aus Kathmandu von Fussspuren berichtet, die seine Crew am Lhakpa-Pass auf 6000 Metern Höhe entdeckt hatte. Die Sherpa seien in heller Aufregung gewesen und hätten von einer menschenähnlichen Bestie namens Ye-The erzählt, die in den Bergen ihr Unwesen treibe. Der Journalist war begeistert – «herzerfrischend!», soll er gejubelt haben – und schickte die Story gleich an mehrere Tageszeitungen. Die Schlagzeile: «Der abscheuliche Schneemensch».

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Von der Sagengestalt zum Forschungsobjekt

Damit war der Spekulation Tür und Tor geöffnet. Aus der Sagengestalt der Tibeter war plötzlich ein reales Objekt für die Wissenschaft geworden. War es wirklich so abwegig, dass in den entlegenen, kaum besiedelten Regio­nen des Himalaya eine derartige Kreatur lebte? Hatten Forscher nicht vor wenigen Jahren erst im Kongo eine ähnlich hünenhafte Spezies, den Berg­gorilla, entdeckt? Das «Naturkundliche Wanderbuch» präsentierte 1927 gar einen ersten Steckbrief dieses ­«wilden, hochintelligenten Anthropoiden des hohen ­Himalaya»: «Das männliche Tier hat eine lange Mähne, die ihm ins Gesicht hängt, das Ye-The-Weibchen deutlich erkennbare Hängebrüste», hiess es da, ihr Warnruf sei ein «durchdringendes, pfeifendes Geräusch».

Alle suchen den Yeti

Als die Londoner «Times» im November 1951 erstmals gestochen scharfe Fotos von ungewöhnlich grossen Fussspuren veröffentlichte, die der englische Bergsteiger Eric Shipton am Melungtse-Gletscher aufgenommen hatte, war der Bann endgültig gebrochen. Shipton selbst hatte die Spuren zwar einem Bären zugeordnet, doch die Ver­sion der Sherpa klang definitiv aufregender: ein Yeti! ­Die Jagd war eröffnet.

Scharen von Alpinisten, Abenteurern und Anthropologen machten sich auf den Weg zum ­Himalaya, um das monströse Rätselwesen mit den grossen Füssen endlich aufzuspüren.

Auch die Medien hatten längst Blut geleckt. Auf der Jagd nach Exklusivbildern von einem lebenden Schneemenschen lancierte das britische Boulevardblatt «Daily Mail» 1954 die wohl aufwendigste Yeti-Expedition aller Zeiten. Unter der Leitung des Bergsteigers John Angelo Jackson zog die Karawane mit 300 Trägern vom Fuss des Mount Everest zum heiligen Berg Kangchendzönga, ohne jedoch auf verwertbare Spuren zu stossen.

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Im Kloster von Pangboche, wo Jackson wenigstens noch einige historische Yeti-Darstellungen dokumentieren wollte, wurde das Team dann endlich fündig: Die Mönche präsentierten ihm ein halbkugelartig geformtes Stück Fell, das sie seit Jahrhunderten als Yeti-Skalp verwahrten, und die mumifizierte Hand eines angeblichen Schneemenschen. Es hätte die perfekte Neuigkeit für die Titelseite der «Daily Mail» sein können.

Doch der Londoner Anthropologe Frederic Wood Jones, der eine Haarprobe des Fells untersucht hatte, liess den schönen Traum platzen: Der Skalp stamme nicht vom Kopf eines Hominiden, sondern aus der Schulter eines Huftiers. Ein vernichtender Befund. Und die Hand? Die Mönche hatten sich geweigert, sie den Yeti-Jägern für eine wissenschaftliche Analyse zur Verfügung zu stellen. Das Spiel war also weiterhin offen.

Nepalesische Regierung erhebt Yeti-Steuer

Tom Slick Jr., ein Ölmillionär, Erfinder und Kunstsammler aus Texas, nahm die Herausforderung an. Es war nicht die erste Phantomjagd, an der sich der exzentrische Abenteurer beteiligte. Schon Ende der Dreissigerjahre, während seines Studiums in England, hatte er monatelang nach dem Verursacher des damaligen Medienhypes, dem Ungeheuer von Loch Ness, Ausschau gehalten – ohne Erfolg. Nun wollte er den Yeti mit einer Suchhundestaffel jagen.

Als Slick die Pläne zu seiner Expedition 1957 öffentlich machte, reagierte die nepalesische Re­gierung harsch. Alarmiert vom zunehmenden Glücksrittertourismus im Himalaya, stellte sie das Gebiet unter ­Naturschutz und erhob für jede Yeti-Expedition eine Steuer von umgerechnet 20'000 Franken. Eine Einreise für Ausländer ohne Forschungsauftrag einer anerkannten Institution war ab sofort nicht mehr möglich.

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James Stewart schmuggelt «Yeti-Knochen»

Slick, eng befreundet mit diversen Hollywood-Grössen, gelang es dennoch, seine privat finanzierte Expedi­tion durchzuführen. Sein Biograf Loren Coleman vermutet, dass Slick während seines Aufenthalts im Himalaya als Mittelsmann des US-Geheimdienstes CIA an der Vorbereitung der Flucht des Dalai Lama aus Tibet beteiligt war. Doch auch ohne diese Verwicklung bot seine Suche nach dem Yeti genug Stoff für einen Thriller.

Tom Slick hatte es auf die in Pangboche verwahrte ­Yeti-Hand abgesehen. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion gelang es ihm, einen Knochen der Reliquie zu entwenden, den er in ein Grandhotel nach Kalkutta schickte, wo sein Freund, der Hitchcock-Star James Stewart («Vertigo») bereits wartete, um das Stück im Hand­gepäck nach England zu schmuggeln. Das Unternehmen gelang, die Probe passierte unentdeckt den Londoner Zoll. Doch dann ­verlor sich ihre Spur.

Erst 2008 wurde sie per Zufall in der Lehrsammlung des Hunterian Museum im Royal College of ­Surgeons wiederentdeckt. Eine DNA-Ana­lyse er­gab, dass der vermeintliche Yeti-Knochen menschlichen Ursprungs war. Ein Abgleich mit den Reliquien aus Pangboche war da schon nicht mehr möglich: Hand und Skalp waren in den Neunzigerjahren aus dem Kloster gestohlen worden.

Auch Edmund Hillary sucht vergeblich

Einen letzten ernsthaften Versuch, die Existenz eines lebenden Yeti nachzuweisen, startete der Bergsteiger ­Edmund Hillary im Jahr 1960. Der Neusee­länder, der ­sieben Jahre zuvor mit dem Sherpa Tenzing Norgay als ­erster Mensch auf dem Gipfel des Mount Everest gestanden hatte, nahm dafür eine ganze Armada von Wissenschaftlern mit ins Hochgebirge. Renommierte Zoo­logen, darunter der Direktor des Lincoln-Park-Zoos in Chicago, hielten in mobilen Holzunterständen Tag und Nacht ­Ausschau nach dem unbekannten Wesen. Schwer einsehbares Gelände wurde mittels automatischer Kameras überwacht, die Füchse, Hasen und Wölfe blitzten. Ein Schneemensch liess sich aber nicht blicken. Nach zwei Monaten brach Hillary die Aktion ab. Für ihn stand endgültig fest: «Der Yeti ist eine Legende.»

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Ziegen und Bären statt Yeti

Bestärkt wurde Hillary vom Ergebnis einer Untersuchung des Yeti-Skalps von Khumjung, den er für sechs Wochen ausser Landes führen durfte (wofür er sich später mit dem Bau einer Schule bedankte): Das 200 Jahre alte Fell hatte einer Goral-Ziege gehört. Und die riesigen Spuren im Schnee? Vieles deutete darauf hin, dass sie von Bären stammten, deren Trittsiegel unter Sonneneinstrahlung auseinandergeschmolzen waren. Auch war bekannt, dass Bären beim Gang auf allen vieren ihre Hinterpfoten häufig in die Spur der Vorderpfoten setzen. Das hat den Effekt, dass der Abdruck grösser erscheint.

Für ein Ende der Spekulationen sorgten Hillarys Erkenntnisse allerdings nicht. Der Yeti war als Kultfigur der ­Medien längst auch im Westen zur Legende geworden und lebte dort in den Köpfen weiter. Immer wieder berichteten Bergsteiger von haarigen Zweibeinern, denen sie begegnet waren, und brachten Fotos von Fussspuren oder Filmaufnahmen bewegter Schatten mit, die Kryptozoologen (siehe «Kryptozoologie») zu den abenteuerlichsten Theorien inspirierten: Hatte im Himalaya etwa ein Nachkomme des vor 100'000 Jahren ausgestorbenen Riesenaffen Gigantopithecus überlebt? Oder war der Yeti, wie der britische Humangenetiker Bryan Sykes anhand einiger Haarproben aus den Siebzigerjahren heraus­gefunden haben wollte, doch eher ein Abkömmling des urzeitlichen Eisbären?

Von der Sagengestalt zum Maskottchen

Die Beweisführung solcher Thesen gestaltete sich mit der Zeit jedoch immer schwieriger. Während die angespannte politische Lage in Tibet weitere Expeditionen ausländischer Phantomjäger für lange Zeit unmöglich machte, entwickelte der Yeti in Nepal neben seiner mythischen Bedeutung seit den Siebzigern ein prominentes Eigen­leben als Maskottchen der Tourismusbranche. Alles trug seinen Namen: Hotels, Res­taurants, Reisebüros, Fluglinien.

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Heute, 15 Jahre nach Reinhold Messners Best­seller «Yeti – Legende und Wirklichkeit», in dem er die Ergebnisse seiner langjährigen Recherche zusammengefasst hat, ist es merkwürdig still geworden um die einst gefürchtete Schneebestie des Himalaya. ­Die Zuverlässigkeit von DNA-Tests, GPS-basierten Über­wachungs­sys­temen und Hightech-Fotografie haben ihr das Leben schwergemacht.

Ein paar Unverdrossene geben die Suche trotzdem nicht auf. Sie versuchen neuerdings in Russland ihr Glück. Eine Yeti-Konferenz, 2011 im sibirischen Kemerowo abgehalten, hat zwar keine neuen Erkenntnisse gebracht, dafür aber viele zahlende Gäste in der darbenden Industrieregion.

Yeti-Folklore gefährdet bedrohte Arten

Für den Tibet-Schwarzbären, in dem Messner den Schlüssel zum Yeti-Mythos erkannte, hat die Geschichte dennoch kein Happy End. Die seltene Braunbärenart, die auch heute noch in den alpinen Regionen Tibets und Bhutans, vor allem in Höhenlagen über 5000 Metern, ­vorkommt, wurde schon 1973 vom Washingtoner Artenschutzabkommen als extrem gefährdet eingestuft. Die bittere Ironie: Auch aufgrund der Yeti-Folklore steht er seit Jahren vor dem Aussterben.

Waren es Anfang der Siebziger gerade mal 1400 Kletterer, die jedes Jahr den Weg in die Mount-Everest-Region fanden, sind es heute 32'000. Statt unberührter Natur gibt es mittlerweile Wanderer-Staus und ein handfestes Müllproblem. 50 Tonnen Abfall, schätzen Experten, liegen am Berg verstreut. Kein gutes Habitat für bedrohte Tierarten. Auch nicht für unentdeckte.

Dem Rätsel auf der Spur: Fährten, Sichtungen, Reliquien

Verfolgen Sie die Stationen der Yeti-Suche in der Bildgalerie (klicken Sie auf das Lupensymbol unten rechts):

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Was man über den Yeti zu wissen glaubt

Der Yeti ist eine bislang nicht nachgewiesene Spezies, die Zoologen für einen Tibet-Schwarzbären (Ursus arctos pruinosus) halten, Kryptozoologen hingegen für einen direkten Nachfahren des vor 40'000 Jahren ausgestorbenen Urzeit-Eisbären oder des lediglich durch fossile Zahn- und Kieferknochenfunde belegten Riesenmenschenaffen Gigantopithecus. Die Sherpa-Mythologie unterscheidet drei Subspezies des Yeti: den unheilverkündenden Dremo, den viehtötenden Chuti und den menschenraubenden Meti.

Äussere Merkmale
Yetis weisen einen robusten, stämmigen Körperbau auf. Sie sind stehend 1,50 bis 2,50 Meter gross, 200 bis 400 Kilogramm schwer und schwanzlos. Wie bei den meisten Menschenaffen sind die Arme deutlich länger als die Beine. Sie bewegen sich je nach Gelände auf vier Gliedmassen oder im aufrechten Gang fort. Die Füsse sind 7 bis 15 Zentimeter breit, 20 bis 43 Zentimeter lang und haben einen abgespreizten grossen Zeh.

Das Fell des Yeti ist lang und zottelig, die Farbe kann von rötlich-blond bis grau-braun changieren. Während Gesicht, Handflächen und Fusssohlen unbehaart sind, wächst das Kopfhaar als dichte Mähne, die dem Yeti bei der Jagd die Sicht nehmen kann. Auffallend ist die konische Form des Kopfs und der wuchtige Scheitelkamm. Das ausgeprägte Gebiss weist zwei markante, hauerartige Eckzähne auf. 

Bei Gefahr stossen Yetis als Warnruf ein charakteristisches Pfeifen aus. Vor Feinden fliehen sie die Berghänge hinauf. Ausgewachsene Yeti-Weibchen haben längliche, grosse Brüste, die sie aufgrund ihres Gewichts über der Schulter tragen. Vereinzelt wird von Yeti-Weibchen berichtet, die ihre Brüste auch als Sitzkissen nutzen, auf denen sie auf Beutefang die Berge hinunterrodeln.

Verbreitung und Lebensraum
Yetis leben zurückgezogen in den Hochgebirgsregionen des Himalaya zwischen Tibet, Bhutan, Nepal und der indischen Provinz Sikkim. Ihr bevorzugtes Habitat sind felsige Täler und dichte Rhododendronwälder in Höhen von 4500 bis 5000 Metern. Vereinzelt kommen sie auch oberhalb der Baumgrenze auf einer Höhe von bis zu 7000 Metern vor. 

Lebensweise und Ernährung
Yetis sind nachtaktive Einzelgänger, die sich am Tag zum Schlafen in Höhlen zurückziehen. Auf Nahrungssuche begeben sie sich zwischen Einbruch der Dunkelheit und Morgengrauen. Sie ernähren sich überwiegend von Blättern, Knospen, Wurzeln oder kleineren Säugetieren. Ausgewachsene Huftiere wie Yaks oder Bergantilopen, die sie in Einzelfällen reissen, vergraben sie im Erdreich, um sich über längere Zeit von ihrem Aas zu ernähren.

Fortpflanzung
Über das Paarungsverhalten der Yetis, insbesondere der weiblichen Tiere, liegen nur wenige Informationen vor. Vermutet wird lediglich, dass männliche Tiere als Geschlechtspartnerinnen oft junge Frauen wählen, die sie aus abgelegenen Bergdörfern entführen und bis zur Geburt eines Jungtiers, das anschliessend von einem Yeti-Weibchen gesäugt und aufgezogen wird, in ihren Höhlen festhalten. Bei Yeti-Kindern setzt sich grundsätzlich das Erbgut des väterlichen Elternteils durch.

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«Der Yeti ist als Mythos real»

Ulrich Magin zur Frage, warum menschenähnliche Bestien einen so grossen Reiz auf uns ausüben. Interview: Dietrich Roeschmann

BeobachterNatur: Ulrich Magin, seit zehn Jahren wurde kein Yeti mehr gesichtet. Kein Wunder, sagt die Forschung: Er war schon immer eine Legende. Warum suchen Menschen weiter nach ihm?
Ulrich Magin: Dahinter steckt die romantische Idee, dass es in der Wildnis noch etwas Ursprüngliches, Unentdecktes gebe, das sich unserem Blick erfolgreich entzieht. Die Aussicht, es als Erster zu finden, ist so verlockend wie die Vorstellung, die angeblich so seriöse Wissenschaft durch Gegenbeweise als arrogant zu entlarven. 

BeobachterNatur: Erfolgreich waren die Yeti-Jäger bislang nicht damit.
Magin: Aber das ändert nichts an der Faszination. Gäbe es den Yeti nicht, müssten wir ihn erfinden.

BeobachterNatur: Warum?
Magin: Schon die älteste, schriftlich überlieferte Dichtung der Menschheit, das Gilgamesch-Epos, kennt die Figur der menschenähnlichen Bestie. Es gibt sie in nahezu jeder Kultur. In der Gestalt des Affenmenschen tauchte sie in Europa in der Renaissance auf, als Seefahrer die ersten Menschenaffen aus den Kolonien mitbrachten.

BeobachterNatur: Warum hielten Forscher den Yeti dennoch lange für ein reales Tier?
Magin: Wie die Menschen in Europa vor 300 Jahren ganz selbstverständlich an Kobolde glaubten und trotzdem mit beiden Beinen in der Wirklichkeit standen, kann für Tibeter ein Berggeist real sein wie eine Gemse – und doch gehört er in eine andere Kategorie ihrer Wirklichkeit. Westliche Forscher glaubten, wer vom Yeti erzähle, müsse ein unbekanntes Tier meinen. Sie kamen gar nicht auf die Idee, dass der Yeti die dämonische Deutung eines Tiers sein könnte. Reinhold Messner hat das überzeugend dargelegt: Der Yeti ist als Mythos real.

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BeobachterNatur: Die Spuren und schemenhaften Wesen, von denen Bergsteiger immer wieder berichteten, waren es nicht?
Magin: Doch. Aber es passiert etwas im Kopf der Zeugen, wenn sie das, was sie undeutlich gesehen haben, mit etwas Bekanntem zu verbinden suchen. Sind ihre Erfahrungen bei aller Authentizität häufig vage, so sind die Deutungen  stets deutlich geprägt von Moden und Denkmodellen des Zeitgeistes. Plötzlich sieht eine Bärenspur aus wie der Fussabdruck eines Monsteraffen.

BeobachterNatur: Ohne Medienhype kein Yeti?
Magin: Ja. Spätestens seit den grossen Suchexpeditionen der Fünfzigerjahre ist der Yeti vom Mythos zum Marketingobjekt geworden. Nachrichten oder Bücher über ihn sind Waren, die sich verkaufen lassen. Die Höhen und Tiefen seiner Karriere ähneln denen eines Popstars: Ist der Markt gesättigt, verschwindet er langsam aus dem Fokus – bis eine
bizarre Randnotiz ihm zu einem Comeback verhilft. Wie in Sibirien, wo sich Kryptozoologen 2011 zu einer Yeti-Konferenz trafen und die Behörden darauf vor echten Yetis warnten, die wegen der sommerlichen Waldbrände auf Nahrungssuche durch die Dörfer zögen.

Ulrich Magin ist Buchautor und Redaktor bei «Skeptiker», dem Magazin der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP).

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Kryptozoologie: Suche nach unentdeckten Tierarten

Der Zoologie sind heute rund 1,5 Millionen Tierarten bekannt. Doch manche Experten schätzen die Zahl der tatsächlich existierenden Spezies auf das Zehnfache. Um die spektakulärsten Vertreter dieses Schattenreichs kümmert sich die Kryptozoologie. Begründet wurde der umstrittene Zweig der Zoologie um 1950 vom Belgier Bernard Heuvelmans.

Eine Zeitungsnotiz über die angebliche Sichtung von Sauriern im Kongobecken animierte ihn, Hinweise auf Grosstiere zu sammeln, die sich der gängigen Systematik entzogen, längst als ausgestorben galten oder lediglich aus Mythen bekannt waren. Sein Bestseller von 1955, «On the Track of Unknown Animals», befeuerte weltweit die Suche nach Seeungeheuern oder Affenmenschen wie dem Yeti und seinem amerikanischen Cousin «Bigfoot». Beweise blieben die Kryptozoologen schuldig – oder ihre Belege erwiesen sich als gefälscht.

Die Existenz unbekannter Tierarten schliessen jedoch auch anerkannte Zoologen nicht aus. Sie tun gut daran. Das Okapi, eine Art Zwerggiraffe mit Zebrabeinen, entdeckte man erst 1901, den Komodowaran 1912. Und im vergangenen Herbst wurde in Kalifornien der Kadaver eines Riemenfischs an Land gespült. Ein seltenes Ereignis. In natura hat diese riesigen Tiefseefische noch kaum ein Mensch gesehen.