Um 1,26 Mikrosekunden kürzer dauert der Erdentag seit am 27. Februar ein Beben der Stärke 8,8 den Süden Chiles erschüttert hat. Laut Berechnungen der Raumfahrtbehörde NASA hat die schwere Naturkatastrophe die Erdachse um acht Zentimeter verschoben und somit die Rotation verändert. Das mit 9,1 wesentlich stärkere Sumatra-Beben im Jahr 2004 habe allerdings mit einer Tageskürzung von 6,8 Mikrosekunden eine deutlich stärkere Wirkung gehabt. Eine Mikrosekunde ist eine Millionstel-Sekunde.

Jedes Beben verändert die Erdrotation
Als «interessant, jedoch kaum relevant» stuft der Seismologe Winfried Hanka vom Geoforschungszentrum Potsdam dieses Phänomen ein, das zudem bisher nicht gemessen wurde, sondern nur im Modell mit idealisierten Eigenschaften berechnet werden konnte. «Jedes Erdbeben, das ja eine Massenverschiebung bedeutet, verändert die Erdachse und somit auch auf die Rotation. Je weiter das Epizentrum vom Äquator entfernt ist, desto stärker trifft das zu. Allerdings verlängern andere Beben die Tage wieder - in der Summe dürfte sich also nichts ändern», so der Experte.

Das Beben in Chile gehört zu den fünf stärksten, die seit Beginn der Erdbebenmessungen um 1900 gemessen wurden. Platz eins dieser Wertung nimmt mit einer Magnitude von 9,5 ebenfalls ein Beben in Chile ein, das im Jahr 1960 stattfand. «Dass diese Region so aktiv ist, hängt mit ihrer relativen Plattengeschwindigkeit zusammen, die weltweit die höchste ist. Die pazifische Platte drängt jährlich sechs Zentimeter ostwärts und schiebt sich unter die südamerikanische, die ihrerseits zwei Zentimeter nach Westen driftet», erklärt Hanka. Beliebig stark könnten die Beben jedoch nicht werden, da die Erdkruste ab einer gewissen Stärke bricht.

Gefahr neuer Vulkane in den Anden
Seit dem Hauptbeben am 27. Februar erlebte Chile mehrere Nachbeben, deren bisher stärkstes die Magnitude 6,5 erreichte. Andere Folgen des Bebens zeigten sich bisher im Tsunami, der die chilenische Küste und einige vorgelagerte Inseln schwer beschädigte. In seiner Pazifiküberquerung bis nach Japan ebbte er jedoch auf eine ein Meter hohe Welle ab und richtete zumindest im asiatischen Pazifik keine Schäden an.

Noch bevorstehen könnte allerdings eine stärkere vulkanische Aktivität in den Anden. «Nachdem die subduzierte Pazifikplatte im Erdinneren schmilzt, steigt das Schmelzprodukt nach oben und füllt die Magmakammern. Durch Druck oder weitere Massenverschiebungen könnten diese undicht werden, zuvor geschlossene Kanäle öffnen und die Lava an die Oberfläche befördern», so Hanka.

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Kein Alarmsignal
Dass in diesem Jahr nach dem leichteren, jedoch aus menschlicher Sicht folgenschweren Erdbeben in Haiti nun bereits ein zweites grosses Beben den Planeten erschüttert, ist für Hanka kein Alarmsignal. «Die Magmaströme im Erdinneren treiben die Platten ständig an, die Drift- und Konvergenzraten bleiben jedoch langfristig gleich. Auch die Spannungen, die sich weltweit aufbauen, verändern sich in der Summe nicht. Es ist eher unwahrscheinlich, dass es in diesem Jahr zu einem weiteren ähnlich starken Beben wie nun in Chile kommt.» (pte)