Je intensiver Menschen Pestiziden ausgesetzt sind, desto eher denken sie an Selbstmord. Das zeigen Psychiater vom Londoner King's College gemeinsam mit chinesischen Kollegen in einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Bei 10'000 Bauern Chinas verglichen sie durch eine repräsentative Befragung, wie diese Pestizide zur Schädlingsbekämpfung aufbewahren und wie es um ihre psychische Gesundheit steht.

Chinas Landwirte verwenden vor allem Pestizide, die auf Phosphorsäureester basieren. «Diese Substanzen sind global noch weit verbreitet, wenn sie auch in den meisten westlichen Industriestaaten verboten wurden», erklärt Studienleiter Robert Stewart. Die Provinz Zhejiang am ostchinesischen Meer, auf die sich die Studie konzentrierte, zählt allerdings zu den reichsten Regionen Chinas, unter anderem aufgrund ihrer Seidenproduktion. Daneben werden auch Reis, Weizen, Mais, Baumwolle, Zuckerrohr und Süsskartoffeln angebaut.

Die Forscher wollten von den Menschen unter anderem wissen, ob sie in den letzten zwei Jahren an Selbstmord gedacht haben. Der Vergleich mit den Angaben zur Aufbewahrung der Pestizide zeigte erstmals, dass Menschen, die Pestizide zuhause aufbewahren, viel häufiger von Suizidgedanken betroffen sind. Auch der leichte Zugang zu Pestiziden ist ein wichtiger Faktor: Regionen, in denen die meisten Menschen Pestizide zuhause aufbewahren, hatten auch die vergleichsweise höchste Selbstmordrate.

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Die Gefährlichkeit des Kontakts mit grossen Mengen an Pestiziden ist bekannt. Ein Gesundheitsrisiko besteht jedoch auch für jene, die Pestiziden zwar nur in niedrigen Konzentrationen, aber chronisch ausgesetzt sind – etwa wenn Landwirte bei der Feldarbeit die Giftstoffe über Lunge und Hautatmung aufnehmen. Bisherige Forschungen zeigen einen Zusammenhang mit häufigerem Auftreten einer Krebs-Vorstufe sowie Nervenschädigungen und Probleme der geistigen Gesundheit.

Vergleichbare Fälle in Deutschland

Dass Pestizide nicht alleiniger Grund für mehr Suizidgedanken sein dürften, jedoch möglicherweise die Toleranzschwelle dafür senken, vermutet Georg Fiedler von der Gesellschaft zur Suizidprävention. Trotz fehlendem Nachweis direkter Wirkzusammenhänge seien auch in Deutschland vergleichbare Fälle bekannt. «Im 1984 geschlossenen Zweigwerk Hamburg-Moorfleet des Chemieproduzenten Boehringer, wo Ausgangsprodukte für Herbizide hergestellt wurden, erkrankten viele Arbeiter nicht nur körperlich schwer, sondern begingen auch sehr häufig Suizid», so Fiedler.

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Die Forscher sehen den Beweis erbracht, dass der häufige Kontakt mit Pestiziden mit hohem Selbstmordrisiko zusammenhängt. «Teilweise dürfte das der Grund sein, warum es in ländlichen Regionen Chinas zu viel mehr Selbstmorden kommt als in den Städten», so Jianmin Zhang, Psychiater am Tongde Hospital der Provinz Zhejiang. Die Ergebnisse könnten China bei Massnahmen zur Suizidprävention helfen und Forderungen verstärken, dass der Zugang zu Pestiziden in der Landwirtschaft weltweit strenger kontrolliert wird. (pte/23.10.2009)