Es ist ihr erstes Mal: Heute wird Kuh Clematis Mehrlinge gebären. Acht brauchbare und vier, die «nüüt» sind. Allerdings werden die Kuh- und Stierkälber erst ein Zehntelmillimeter gross sein, nicht mehr als ein sieben Tage alter befruchteter Zellhaufen. Weder Zeugung noch Geburt werden auf natürlichem Weg erfolgen. Der Vater ist bereits tot. Und ausgetragen werden Clematis’ Kinder von Leihmüttern, die draussen im Freilaufstall darauf warten, die winzigen Embryos eingepflanzt zu bekommen.

«Clematis ET, 6.12.01, Convincer x Belinda» steht auf dem Schild, das über ihrem Standplatz von der Stalldecke hängt. Bedeutet: Sie wurde per Embryotransfer, kurz ET, gezeugt, ist am 6. Dezember 2001 geboren und Tochter von Bulle Convincer und Kuh Belinda. Die steht ein paar Plätze weiter und geniesst als 15-jährige Übermutter ihr Gnadenbrot. «Eine so alte Kuh hat heute praktisch niemand mehr im Stall stehen, aber sie ist fast schon ein Familienmitglied. Und wenn man sie am Hinterlauf krault, hebt sie das Bein.» Alfred «Fredy» Theiler, Bauer, Züchter und Viehhändler, mag Kühe generell und Belinda im Besonderen: Sie hat nicht nur die enorme Lebensleistung von 80'000 Kilogramm Milch erbracht, sondern steht am Anfang einer erfolgreichen Zuchtlinie. Theiler dankt es ihr nun mit einem geruhsamen Lebensabend statt des Gangs zum Schlachthof und mit dem Privileg, im Stall nicht mehr angebunden zu werden.

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«Du kannst mit den Hormonen anfangen»: Nach dem Ultraschall erhält Bauer Alfred Theiler grünes Licht - Clematis eignet sich als Spenderkuh.


Clematis kaut derweil gemächlich auf Heu oder etwas Mageninhalt herum. Im Stand daneben hebt eine Kuh den Schwanz und lässt Wasser. Weiter hinten im Stall plumplatscht Festeres zu Boden. Ansonsten ist es ruhig, kaum ein Muhen ist zu hören. Etwas weniger gelassen sind Alfred Theiler, Tierarzt und Fortpflanzungsspezialist Rainer Saner sowie dessen Assistent Armin Wirth. Denn heute wird quasi geerntet, was die drei vor einer Weile «gesät» haben.

Dem Eisprung auf die Sprünge helfenAngefangen hatte es genau zwei Wochen früher. An jenem Dienstag im März, als weite Teile der Schweiz überraschend in Neuschnee versinken, schlittert Rainer Saner mit seinem roten Fiat Marea Kombi mehr schlecht als recht auf Theilers Hof im luzernischen Meierskappel, Arztkoffer, Ultraschallgerät, Einweghandschuhe und Gummistiefel im Kofferraum. Im Kuhstall dann wohltuende Wärme. Dort warten die beiden Kühe Clematis und Katja, die Bauer Theiler für eine Embryoentnahme vorgesehen hat, auf die Voruntersuchung.

Zuerst kommt Clematis dran. Routiniert zieht sich Saner einen bis zur Achselhöhle reichenden Einweghandschuh an, macht ihn mit einer Klemme fest, gibt etwas Gleitmittel auf die Hand und bahnt sich rektal einen Weg in die Kuh, um die Gebärmutter abzutasten. Bauer Theiler hält Clematis’ Schwanz zur Seite, damit er nicht im Weg ist. Befund o.k. Dann führt der Tierarzt die Ultraschallsonde ein und schaut sich das Organ auch noch auf dem portablen Bildschirm an. Dito bei Katja. Zum Schluss gibt er grünes Licht: «Du kannst am Donnerstag mit den Hormonen anfangen.» Theiler ist zufrieden. Vier Tage lang wird er den beiden Rindviechern eisprungfördernde Hormone spritzen. Danach wird der Besamungstechniker Katja und Clematis künstlich besamen.

Alfred Theiler weiss genau, was er zu tun hat, er kennt sich aus mit den Hormonen. Gegen 60 Gebärmutterspülungen wurden in den letzten 28 Jahren auf seinem Hof durchgeführt, Hunderte von Embryos dabei entnommen, eingepflanzt und zum Teil auf Vorrat eingefroren. Mit ihren Besamungstechnikern und Fortpflanzungsspezialisten dabei war und ist Swissgenetics, eine Genossenschaft der Schweizer Bauern. Die kümmert sich seit 1961 um die Genetik von Rindvieh, Pferden und Kleinvieh und betreibt inzwischen die grösste Samengewinnungsstation der Schweiz. Jährlicher Output: über vier Millionen Portionen Stiersamen.

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Für normales Feld- und Wiesenrindvieh lohnt sich der Aufwand nicht: Bauer Theiler, Arzt Saner und sein Assistent Armin Wirth (von links) mit der vorbereiteten Spüllösung.


Den passenden Stier respektive dessen Samen kann der Bauer in der «Stierengalerie» von Swissgenetics Online-Shop aussuchen. Bei den Fotos wird, ähnlich wie bei menschlichen Models, einiger Aufwand betrieben. Ein professioneller Kuhfotograf kostet 300 Franken. Sehr wichtig: Der Rücken soll möglichst gerade scheinen. Dafür werden die Vorderläufe auf ein mit Gras getarntes Brett gestellt und der Kopf des Tieres am Nasenring etwas hochgehalten, was die Wirbelsäule zusätzlich streckt. Im Ausland wird laut Theiler selbst vor digitaler Bildbearbeitung nicht haltgemacht.

43 Franken die Portion Samen
Der Aufwand lohnt sich: 2006 verkaufte Swissgenetics rund 960'000 Samenportionen im Wert von 27 Millionen Franken. Auch Theiler gehört zu denen, die im Besamungsgeschäft mitmischen. Zumindest bei den Holstein-Friesischen, der schwarz-weiss-gescheckten Milchkuhrasse aus dem hohen Norden: Der preisgekrönte Vorzeigebulle Jerry, dessen Samen zu 43 Franken pro Dosis gehandelt wird, stammt aus Theilers Zucht. Da er ihn an Swissgenetics verkauft hat, erhält er zwar nur noch Tantiemen von wenigen Franken je verkaufter Einheit. Bei den 25'000 Dosen, die dem Stier abgerungen wurden, läppert sich dennoch einiges zusammen. Während Jerrys genetisches Erbe nach wie vor rege gehandelt wird, ist der Stier nach zwei Jahren Arbeitsstress - er musste zweimal die Woche ran zur Samenspende auf der Gummikuh - «abgegangen». Bäuerisch für «Endstation Schlachthof».

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Den Bolzenschuss müssen Clematis und Katja noch nicht fürchten, Theiler hat mit den Zuchtkühen noch einiges vor. Von Clematis, die mit der weltlichen Hinterlassenschaft von Stier Jerry gedeckt wurde, erhofft er sich vor allem Kuhkälber. Bei Katja, besamt mit einer Dosis des US-amerikanischen Top-Stiers Bolton, setzt er auf Stierkälbli. Den Samen hat Theiler kostenlos von Swissgenetics erhalten. Dafür hat die Genossenschaft das Vorkaufsrecht auf die Jungstiere.

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Prinzip Hoffnung: Der Embryotransfer kostet pro Kuh bis zu 2000 Franken.


Swissgenetics führt zwischen 350 und 400 Transfers pro Jahr durch. Wenige - gemessen an den über 870'000 deckfähigen Kühen, die hierzulande ihr Dasein fristen. Das liegt in erster Linie daran, dass die Embryoproduktion nicht gerade billig ist. Alles in allem schlägt sie schnell einmal mit 1500 bis 2000 Franken pro Kuh zu Buche. Für normales Wald- und Wiesenrindvieh lohnt sich das nicht. «Deshalb werden nur züchterisch wertvolle Tiere gespült. Daneben gibt es aber immer wieder Bauern, für die diese Art der Zucht eher ein Hobby ist», sagt Saner. «Eigentlich geht es aber immer nur darum, von der besten Kuh mehr als das eine jährliche Kalb zu haben.» Dennoch: Erfolgsgarantie gibt es keine, das Ganze hat bei aller Technik auch eine Glückskomponente. So hört man denn an manchem Stammtisch: «Chasch grad Lotto spiele.»

Zuchterfolg auf Hochglanzposter
Für Theiler ist es bis jetzt gut gelaufen. Die Wände des Esszimmers, wo Saner und Wirth später das Zellgut unter dem Mikroskop untersuchen werden, erzählen von Züchterglück und Besitzerstolz: Sie sind tapeziert mit Plaketten für Schöneuterpreise und Lebensleistungsauszeichnungen aus den letzten 30 Jahren. Hochglanzposter mit Theilers Zuchterfolgen zieren die Wand an der Stirnseite des Esstisches. Unten rechts Jerry selig. Mitte links: zwölf Kühe von hinten - Emira, die Embryospenderin mit ihren elf Kuhkindern, alle gleich alt und vom gleichen Vater, aber aus elf verschiedenen Kuhleibern geschlüpft. Über der Tür zur Küche eine geschnitzte Holzuhr: «10 Jahre Vorstand Fredy Theiler, Raiffeisenbank Meierskappel». Schwarz-weisse zieren sogar die hochstieligen

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Kafi-Lutz-Gläser. Holstein-Friesisch ist Programm und sorgt dafür, dass auch mal Ferien auf den Malediven drinliegen.

Am Anfang der Fortpflanzungsmedizin beim Rindvieh vor bald 30 Jahren wurden den Kühen noch die Bäuche aufgeschnitten. In der Schweiz war das nicht erlaubt. «Das hätte ich mit meinen Tieren nie gemacht. So aber...», sagt Theiler. Tatsächlich sind sowohl die Embryogewinnung als auch deren Transfer in andere Kuhleiber eine unblutige Sache. Denn die befruchteten Eizellen werden herausgespült, bevor sie sich in der Gebärmutter eingenistet haben. Dem Veterinär bleibt dazu ein Zeitfenster von zwei, drei Tagen.

Clematis muss sich mit den Vorderläufen auf ein Holzböckli stellen, damit ihre Gebärmutter gut zu liegen kommt. Sie zickt ein wenig, doch schliesslich steht sie richtig. Dann folgt, wie schon vor zwei Wochen, eine manuelle Voruntersuchung und der Blick ins Kuhinnere per Ultraschallgerät. «Hier, ein Gelbkörper. Und da noch einer. Ich denke, das kommt gut.» Saner zieht Arm und Sonde aus der Kuh, streift mit geübter Handbewegung den Kot von der Sonde, löst die Klemme und zieht den Handschuh aus. Clematis käut wieder.

In der Zwischenzeit hat Assistent Armin Wirth auf einem kleinen Tisch ein provisorisches Labor aufgestellt. Die Spüllösung steht wohltemperiert in einem kleinen Plastikbehälter mit warmem Wasser. Als Erstes setzt Saner beim Schwanzansatz eine Spritze ins Rückenmark. Sobald die Spritze wirkt, fängt er an. «Man darf die Gebärmutter nur sehr fein massieren, nur leicht schütteln. Man will ja keine Embryos einklemmen», erklärt er, eine Hand in der Kuh. Die Spülflüssigkeit wird eingeführt und wieder abgesaugt, sechsmal 40 bis 50 Milliliter. Die gewonnene Lösung gibt Wirth in einen Filter, der das Zellgewebe zurückbehält. «Muesch no echli Schliim haa?», fragt Armin und tritt einen Schritt zurück. Die Kuh nebenan gibt gerade ihrem Harndrang nach. Es spritzt.

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Fischen in der Petrischale
Ist die Kuh gespült, wird eine Desinfektionslösung eingespritzt und zwecks genetischer Identifizierung noch ein Büschel von Clematis’ Kopfhaar ausgezupft. Rainer Saner meint: «Das mögen sie am wenigsten.» Armin Wirth - die Neugier siegt - begibt sich derweil rüber ins Wohnhaus, ins Esszimmer zu dem improvisierten Labor mit den beiden Mikroskopen. «Da, da ist ein befruchteter Embryo. Das reicht für den Moment.» Mikroskop ausschalten, Deckel auf die Petrischale, und los gehts zurück in den Stall. Katja wartet.


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«So junges Kalbfleisch hat er noch nie im Mund gehabt»: Tierarzt Rainer Saner pflanzt einem Rind eine befruchtete Eizelle ein - zwischen den Zähnen die Kanüle mit dem embryobestückten Röhrchen.


Das Tischchen wurde ein paar Kühe weitergezügelt, und das Prozedere beginnt von vorn: Saner zieht sich den Handschuh über, Theiler hält den Schwanz, Wirth reicht und empfängt die Kunststoffspritzen, Katja käut wieder. Dumpf ertönt eine Melodie. Mit der freien Rechten greift Theiler in die Tasche seines Mantels und zieht sein Handy heraus. Ein Futterlieferant. Die Kuh neben Katja entleert ihre Blase. «Die hat der Schwiegersohn vor zwei Jahren bei einem Schwingfest in Aarau als ersten Preis gewonnen», grinst Theiler.

Die letzte Chance vergeigt
Dann geht es zurück ins Haus ans Mikroskop. Saner und Wirth beginnen die für die Augen ermüdende Suche nach trotz Vergrösserung winzigen Embryos. Theilers Frau Ursula trägt Gipfeli und Kaffee auf. Nervennahrung. «Das ist der einzige Moment, wo ich jeweils Herzklopfen habe», gesteht Theiler. Der Raum ist erfüllt von Stille, Konzentration, Spannung. Ab und zu ein «So, jetzt wott i dänn mal wieder eine.» Ein Seufzer. Schliesslich die Bilanz: Katjas Gebärmutter hat sieben brauchbare und vier unbrauchbare, soll heissen abgestorbene oder unbefruchtete Eizellen hergegeben, Clematis’ acht brauchbare und vier unnütze. Sechs Embryos werden noch am selben Tag eingepflanzt, die anderen zum späteren Gebrauch oder Verkauf gleich auf der Ladefläche des Kombis eingefroren. Mikroskope, Petrischalen, Kanülen und die Glasröhrchen mit den Embryos werden verräumt, der Esstisch wird für seine eigentliche Bestimmung freigegeben. Mittagessen.

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Rainer Saner steht im Stall hinter dem ersten der Rinder, die einen Embryo eingepflanzt bekommen werden. Um fürs Montieren des Handschuhs beide Hände frei zu haben, nimmt er die Kanüle mit dem embryobestückten Röhrchen wie ein verwegener Pirat seinen Säbel quer in den Mund. Fredy spöttelt: «So junges Kalbfleisch hat er noch nie im Mund gehabt.» Wohl ein Running Gag in der Szene.

Das letzte Rind - es ist eines, das bisher trotz etlichen Versuchen nie trächtig wurde - kriegt jetzt seine allerletzte Chance. Klappt es nicht mit dem Nachwuchs, landet es in der Metzgerei. Tatsächlich sieht die Zukunft des Huftiers nicht gerade rosig aus: Nach längerem Probieren gibt Saner auf. Der Gebärmutterkanal ist zu eng, das Einsetzen des Embryos gelingt nicht. Fazit: Schlachthof einfach.